Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Entschuldigen Sie, ich bin überkommuniziert

4 Kommentare

Lob: ja. Aber Antworten dort, wo nie eine Frage war? Nein.

Lob: ja. Aber Antworten dort, wo nie eine Frage war? Nein.

Man könnte mich, so man bösartig ist, als Plappermaul bezeichnen. Ich brabble immer einmal wieder rum, grummle in mein Halstuch und stelle dem Kater Fragen, die er nicht beantworten kann. Unter der Dusche führe ich Gespräche mit mir selber und wenn ich merke, dass mein Gesprächspartner nichts Interessantes an Themen zu bieten hat, rede ich einfach selber drauf los. Aber gerade weil ich solch ein kommunizierendes Ding bin, mag ich es sehr, nicht zu kommunizieren. Oder nur in einer Einbahnstraße zu kommunizieren. Oder mit Stopschildern.

Für gewöhnlich spricht eine Person und die andere antwortet. So geht das hin und her. Wie in einer Straße. Es kommen einem Autos entgegen, Schilder zeigen, dass man hier mal etwas langsamer fahren muss respektive ein Thema vorsichtig angeht. Manchmal muss man jemanden vorlassen oder anhalten. Kommunikation ist recht schwierig und hält sich an gewissen Regeln. Luhmann wusste das.

Weil ich aber gern einmal ignorant und egozentrisch bin, möchte ich manchmal gar keine Antworten. Ich möchte die Produkte meines überforderten Gehirns einfach absondern. Dafür gibt es Plattformen wie Facebook oder Twitter. Was für die einen der Gipfel der Demokratie und Möglichkeit zur Teilhabe an irgendwelchen Dingen ist, ist für mich Ablageplatz der Verbalanarchie. Hier schreibe ich Dinge, die sonst in meinem Tagebuch versauern würden. So kann ich aber immerhin 0,0000000000837 Promille der Menschheit die Suche nach dem ohnehin nicht durch ein Schloss gesicherten Hefte ersparen und bekomme hin und wieder sogar Lob und Ehre in Form von „Trinken wir mal Bier?“.

Aber was wäre das Land der verbalen Entgleisungen und tanzenden Termini, wenn dort nicht Menschen wären, die diese Utopie von innen heraus zerstören. Mit A – N – T – W – O – R – T – E – N auf rhetorische Fragen. Und noch Schlimmerem.

Man stelle sich vor, jede rhetorische Frage in kollegialen Kaffeerunden, dem Cocktailabend mit Freunden, der Familienfeier mit… naja… der Familie würde beantwortet werden! Ich kann gar nicht so viele Ausrufezeichen setzen, wie ich es herausschreien möchte. Beliebteste rhetorische Frage jeder Stammtischparolen schreiender Sippschaft ist: „Ja, wo kämen wir denn da hin?“

Wenn ich diese Frage jedes Mal beantworten würde! Ja, wo kämen wir denn da hin?

Noch schlimmer: Es gibt Menschen, die beantworten Fragen, die nie gestellt wurden. Sie tun dies in Leserkommentaren unter Artikeln, sie nehmen sich Tweets und Posts wie ein Sprungbrett, das sie nutzen, um zu blabbern (blabbern ist übrigens ein Wort, jawohl!). Tun Menschen wie ich, meine Freunde und glücklicherweise die Leser dieses bloggerischen Kleinods dies unter der Dusche, wo wir niemandem und nur uns damit belästigen, machen diese Menschen es immer und überall. Sie sind wie Missionare, die morgens klingeln, und mit uns über das Welten Ende reden wollen, das wir in den Fängen dieser Sektierer herbeizusehnen beginnen.

An einem Sonnabendmorgen lag ich im Bett. Ich hatte von der Wärmflasche angenehme warme Füße – was auch so sein soll. Aber meine Hände, was für ein Drama!, meine Hände waren kalt. So legte ich mir meine Hände um die Füße und verharrte so einige Minuten stillschweigend. Als ich im Internet diese Position als Yoga-Mops bezeichnete, klärte man mich tatsächlich auf, diese Stellung würde es im Yoga nicht geben. ALS OB ICH DAS NICHT WÜSSTE UND EINFACH EINEN WITZ GEMACHT HÄTTE!

Einige Zeit später, der Kollege hatte Urlaub und ich saß bereits den fünften Tag in Folge allein im Büro, schrieb ich, ich hätte Kissen in die Mikrowelle gelegt, damit sie menschliche Wärme simulieren könnten; sogar Namen gab ich ihnen, die durch ihren Aberwitz den humoresken Hintergrund meiner Aussage stützten. Es ließ nicht lange ein Mann auf sich warten, der mich darüber aufklärte, das sei gefährlich, ich könnte damit die Mikrowelle zum Brennen bringen – von den Kissen ganz zu schweigen!

Und es ist tatsächlich so: diese Antwort-Terroristen wollen wiederum eine Antwort von uns. Sie möchten ins Gespräch kommen. Und sie lassen nicht los, sie hören einfach nicht auf. Ignoriert man sie, kommen sie einfach noch näher. Und das in aller digitalen Öffentlichkeit! Hin und wieder kommt man sich auf den Schulhof versetzt vor, wo der schwitzende Junge mit dem Furunkel auf der Stirn ständig um einen rumschlawenzelte, von der absurden Hoffnung getrieben, dass wir ihn nachmittags zum Spielen einladen würden und mit ihm unseren Kakao teilten.

Es ist mir ein Rätsel, warum Menschen zum Chatten keine Programme mehr nutzen, sondern sich einfach irgendwo einen Andockpunkt suchen und dann anlegen, loslegen. Zum Chatten gibt es bei Facebook das Chatprogramm (bei mir meist ausgestellt), bei Twitter DM. Es gibt Skype, vereinzelt wurden sogar noch ICQ-Nutzer gesichtet – aber warum, WARUM? kommentieren manche Menschen alles auf Plattformen, die nicht dafür gemacht wurden? Und das auch noch völlig unqualifiziert. In einem Blog: da gehören Kommentare dazu. Bei Facebook nur dann, wenn es sich nicht um Meinungsäußerung in Versform oder um den Trip nach der 5,55 Euro-Maniküre handelt. Aber bei Twitter? Über Brandschutz reden wollen? Yoga-Positionen? Büdde!

Ich freue mich über jeden geistreichen Kommentar. Über eine lustige Anekdote, einen guten Wortwitz, einige aussagekräftige Absätze. Aber „LOL“ oder das Teilen eines Tweets mit einem RT davor und einem hinzugefügten Smiley (um zu beweisen, dass man Humor versteht oder … ach, ich habe keine Ahnung), ein „Echt?“, ein dummes Angraben: Was ist nur los? Klebt ihr an einen van Gogh auch ein Post-It mit der Frage, wo er die hübschen Sonnenblumen gekauft hat?

Die Welt könnte so hübsch sein. Wir könnten Spaß haben, gemeinsam könnten wir alle Probleme lösen. Stattdessen schreiben Menschen Dinge wie „ROFL“ (als ob irgendeiner schon einmal lachend über den Boden kullerte) oder „YOLO“ (Das „Carpe Diem“ der Ich-benutze-Abkürzungen-weil-ich-ganze-Sätze-nicht-bilden-kann-Generation) und geben einem Antworten auf nie gestellte Fragen. Jetzt mal ernsthaft: Als ob ich nicht wüsste, dass man Kissen nicht in die Mikrowelle legt. Weiß doch jedes Kind, dass man sie zum Schutz vor den bösen Wellen in Alufolie einwickelt.

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4 Kommentare zu “Entschuldigen Sie, ich bin überkommuniziert

  1. Kchch.

    Aber wo wir hier so unter uns sind: Dein Kater kann Dir gar nicht adäquat antworten. Und findest Du es nicht befremdlich, mit Tieren zu sprechen?

    Wo ich es gerade so vor mich hin denke: Du brauchst ECHT ein Hobby. Und was Du da oben schilderst erfordert Behandlung.

    Nämlich!

    Wo kämen wir denn da hin, wenn das alle so machten? Früher haben wir das nicht so gemacht. Und überhaupt!

  2. Ich glaube es verlangt nach einem ausgezeichneten Sprachgefühl, um rhetorische Fragen auf Twitter von ernst gemeinten Fragen unterscheiden zu können. (Hab ich jetzt was kommentiert, was ich nicht kommentieren sollte? Ah, diese Paranoia!)

  3. Wie oft erlebte ich ernstgemeinte Antworten auf Wortspiele oder lustige Tatsachenverdrehungen bei Twitter. Erst weiß man nicht, ob man heulen oder lachen soll, dann weiß man nicht, ob diese Personen wirklich unterqualifiziert für jegliche Wortverwurstungen sind. Und dann weiß man nicht, ob man darauf wirklich noch antworten soll, oder diese Personen mit ihren wahrscheinlich gefühlten Sieg im Wortgefecht allein lassen soll.
    Und diese „+1 RT Tweet“-Wiederholer des eigenen (meinen) Tweets… Niemand mag sie

  4. Hey,
    wie mein Name vielleicht verrät gehöre ich nicht zu den schweigsamsten. Meine Katzen müssen mein Gebrabbel seit 15 Jahren täglich ertragen und suchen nie das Weite 🙂 Ein Kompliment zum Schluss: Deine Wortakrobatik ist so erfrischend! Bin froh, dass ich mich hierher „verirrt“ habe.
    LG

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