Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Ausschnitte aus meinem recht interessanten Leben

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Sonne, blauer Himmel und dann diese Wärme - jedes Jahr rollen DInge auf uns zu oder brechen ein. Unglaublich.

Sonne, blauer Himmel und dann diese Wärme – jedes Jahr rollen DInge auf uns zu oder brechen ein. Unglaublich.

Ich kam in den vergangenen drei bis vier Wochen nicht umhin, mir Gedanken darüber zu machen, ob mein Leben für irgendjemanden interessant sein könnte. Sicherlich: die Nachbarin ist ganz erpicht darauf, zu erfahren, wer wann und wie bei mir weilt. Sie würde auch gern mehr über meine Arbeit wissen, warum ich ein paar Kilogramm abgenommen habe und meine Haare lang trage. Aber die Antworten wären so banal – sie wäre wohl nur enttäuscht. 

Morgens stehe ich auf. Schon das ist viel erschreckender als interessant. Hin und wieder komme ich auch kaum umher mich zu fragen, wie es sein kann, dass das Oberteil bei meinem doch ansonsten so ruhigen Schlaf meine Arme abkneift und meinen Kopf bekleidet, aber nicht mehr… naja… man kann es sich denken. Ich habe auch häufig so Knitterfalten im Gesicht, meine Augen sind (das Alter!) noch ein wenig dick und meine Laune ist ausbaufähig.

Den NSA – Neugierige Sächsische Anwohner – ist das aber offensichtlich immer wieder einen Blick wert – siehe oben. Regelmäßig klingeln sie auch frühmorgens, um mit mir über gewichtige Dinge zu sprechen: Ob die Kellerfenster mit Babbe (Pappe) abgedichtet werden sollen. Ob auch ich die schreienden Menschen im Innenhof hörte (welche genau?). Warum ich am Abend vorher erst so spät zurückkam (eigentlich lag ich um 20 Uhr im Bett und deshalb war das Licht aus). Wer der Mann auf meinem Balkon war (haha!) und ob mich der wuchernde Wein auf meinem Balkon nicht stört (ja, tut er. Aber er wuchert eben.)

Die Dinge, die es über mich zu wissen gibt, sind belanglos.

Ich lästere mit Freundinnen über Männer, spreche mit Männer über Frauen. Ich verschicke über Whatsapp Fotos von nassen Fußböden, weil mich die Selbstbildnisse mancher Menschen anwidern und ich es als gerechtfertigte Reaktion sehe, das Mineralwasser in meinem Mund hinaus zu speien, um einem Entsetzensschrei Platz zu machen.

Seit zwei Wochen habe ich wieder eine Katze. Er haart ziemlich und mit seinen neun Jahren möchte er recht viel spielen. Wir schnappen uns dann einen aus Knisterfolie selbst hergestellten Fußball und spielen die wichtigsten Szenen aus den Weltmeisterschaften der vergangenen Jahre nach. Zumindest versuche ich es. Mein Kater Mika hält offenbar nicht viel von dieser Art von Nostalgie und wendet seine eigene Technik an.

Ich habe ein merkwürdiges Essverhalten, weil ich panisch werde, wenn kein Joghurt Pur in meinem Kühlschrank ist. Deswegen kaufe ich manchmal so viel davon, dass kein Platz mehr in meiner Joghurtschublade ist und einige Becher ablaufen. Denn ich kann dann kaum dagegen anessen.

Dem geneigten Leser fiel nun sicherlich schon der Kopf vornüber auf die Tastatur, dumpfe Töne erklingen vom Computer, der mit den vielen Befehlen, die eine Erwachsenenstirn so gleichzeitig eingeben kann, nichts anzufangen weiß.

Gut, der Großteil der heimischen NSA hat keinen Computer. Aber Frau P. und Frau Z., zwei absolute Spitzenspione, die auch unter dem Decknamen „Die Triangel“ tätig sind, haben geschickte Verhörmethoden, mit denen sie Unwichtiges und Wichtiges trennen und Dinge herausfinden, die schon aus Gründen der Banalität hier nie Eintritt finden würden. Sie klingeln hin und wieder auch zu ungewöhnlichen Zeiten (vor allem die 87 Jahre alte Frau P. hat es hier zu einer gewissen unerreichten Fähigkeit gebracht), um zu zeigen, dass man nie sicher ist. Um einen gewissen Druck aufzubauen – und einem jungen Mann aus Hamburg wird das nun nicht gefallen – trägt sie während des Verhörs nur wenig: Frotteeschlüpfer und Spitzenunterhemd. Herr K. aus dem ersten Stock lässt sich – übrigens und um noch eine Information unterzubringen – nicht einmal von einer ausgeschalteten Klingel abhalten. Er klopft dann einfach mit seinen spitzen Fäustchen so lange gegen die Tür, bis ich mich gezwungen sehe, eine Reaktion zu zeigen.

Und während sie ihre Fragen herunterrattert („Was macht die Arbeit?“/“Ihr Einkauf gestern war ja sehr groß…?!“/“Mein Sohn hat einen tollen Garten, wollen Sie sich den nicht einmal ansehen?“) denke ich darüber nach, ob ich in dem Alter auch so selbstverständlich in Unterwäsche durch das Treppenhaus meines Wohnhauses eile.

Wenn ich dann die Tür geschlossen habe, stelle ich mir die Eingangsfrage: Wen soll dieser Kleinkram interessieren? Mein Rezept für Petersilienpesto: ja. Warum aber jemand mit mir über meinen Wochenendeinkauf sprechen möchte (da fällt mir siedendheiß ein, dass ich ihn ja sogar interessant genug für einen Blogeintrag fand…), naja… ach… Zumal: Wenn ihr schon auffällt, dass ich so viel zu tragen habe: Warum bittet sie ihren 91 Jahre alten Ehemann nicht, mich zum Supermarkt zu fahren? Vermutlich würde ich in dieser Situation so weich werden, dass man mir jedes Geheimnis entlocken könnte.

Was ich eigentlich sagen wollte: Mein Leben ist recht ereignislos. Ich plane nichts, was außerhalb meines Freundeskreis jemanden interessieren könnte – und vermutlich denken selbst die ein gähnendes „Boah, Ulle…. Laaaaangweilig!“. Lieber NSA, liebe Neugierige Sächsische Anwohner, das Goldene Blatt kostet zurzeit im Kurz-Abo 7,80 Euro für acht Ausgaben. Dann muss auch niemand mehr eine Blasenentzündung im heimischen Treppenhaus fürchten.

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3 Kommentare zu “Ausschnitte aus meinem recht interessanten Leben

  1. Der NSA hat in meinem Haus auch eine Dependence und wendet identische Methoden an (sogar die Babbe zum Kellerfensterabdichten war schon dabei – das KANN kein Zufall sein). Der Oberspitzel ist ein Rentner, der für die Hausverwaltung die Hausmeisterarbeiten übernimmt – der Hauswart sozusagen. Ist es nicht perfide und beeindruckend clever gleichermaßen, wie man ihn damit offiziell mit Befragungs- und ‚Fürsorge‘-Befugnissen ausgestattet hat? Da er seine facility management-Tätigkeiten vorzugsweise zwischen 7 und 9 Uhr ausführt, gibt ihm das genügend Möglichkeiten zeitig zu klingeln (und bei der Gelegenheit jedes Mal aufs Neue festzustellen, dass bei uns um 8 Uhr meistens noch die Schlummimaschine in Gang ist). Er sagt dann „Heute um 14Uhr kommt der Mann von den Wasserwerken – haben Sie das Wasser schon abgedreht?“ und andere Sachen.
    Dass es bei mir/uns gelegentlich etwas später wird mit dem Heimkommen und Lichtausschalten ist ihm nicht entgangen – bemerkenswerter Weise ist dieser Rentnerhaushalt jene Wohneinheit im hiesigen Altbau, bei dem ansonsten das Licht am längsten brennt. Manchmal noch um zwei Uhr nachts. Konspiratives Auswertungslicht.
    Wir sind aber mittlerweile aus der Schusslinie. Seit vor wenigen Wochene ine junge Frau neu ins Haus gezogen ist, sind wir nicht mehr die frischesten Mieter. Und die hat Freunde mit Dread Locks …

  2. Die Sache mit der Unterwäsche scheint bei älteren Menschen beliebt zu sein.
    Wir wohnen zwar in einem EFH, aber gegenüber von uns steht ein Mietshaus mit 12 Wohnungen – und seit im letzten Herbst unsere 6m hohe Hecke weichen musste, habe ich von der Terasse nun uneingeschränkte Sicht auf 8 der 12 Balkone.
    Alle werden von der Spezies „Schlüpper-Oma“ und „Unterhemden-Opa“ besiedelt. 😉
    Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mir wünsche, dass die neue Hecke endlich eine Höhe von mindestens 4 Metern erreicht, damit ich dieses Elend endlich wieder los bin… 🙂

  3. In meiner allerersten eigenen Wohnung machte ich auch eine anstrengende Erfahrung mit älteren Nachbarn. Ich war damals 21 und das ältere Ehepaar über mir meinte mich erziehen zu müssen. Sie durchsuchten sogar meinen Müll und was deren Meinung nicht da rein gehörte stellten sie mir auf die Fußmatte. An meinem Schlafzimmerfenster (Parterre) entdeckte ich immer wieder Stirn oder Nasenabdruck auf der Scheibe. Ich flüchtete immer vor ihnen, um mir nicht irgendwelchen Müll anhören zu müssen a la was ich zu tun und zu lassen habe und welcher Nachbar zu welcher Nachbarin über den Zaun gesprungen ist. Alles interessierte mich nicht mal die Bohne.Man kann nur hoffen, dass man selbst nicht irgendwann zu solchem nervigen alten Rentner wird. 🙂

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