Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die vier Jahreszeiten

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Ohne Worte.

Ohne Worte.

Mond und Sonne wandern im Laufe von 365 Tagen um die Erde. Das lernen wir in der Grundschule. Ich fand das Thema damals so semi-interessant, ich hatte gerade den Raufbold der Klasse im Armdrücken geschlagen oder mir überlegt, wie ich um das Geräteturnen herumkommen könnte – oder etwas anderes, das mich von diesen wichtigen Dingen im Sachkundeunterricht ablenkte. Vielleicht hatte ich aber auch einfach nur mal wieder geredet.

Nun, die meisten von uns haben gelernt, dass die Sonne, der Mond, die Erde und irgendwelche Drehungen etwas damit zu tun haben, dass es Jahreszeiten gibt. Es ist ziemlich kompliziert und ich habe davon keine Ahnung; ich weiß nur noch, dass es im Wechsel kalt – wärmer – warm/heiß – kühler – kalt wird. Und weil „wärmer“ kein schöner Name für eine Jahreszeit ist, nannte man diese Zeit Frühling oder auch Lenz. Und wenn bei uns diese Zeit ist, dann ist es auf der anderen Seite der Erde – dort, wo man ankommt, wenn ich von meinem Sofa nun anfange zu buddeln – Herbst. Sensationell.

Aber ich muss mich glücklicherweise gar nicht schämen, weil ich das alles vergessen habe. Ich bin nämlich nicht allein. Überall stöhnen die Menschen zurzeit über die Wärme, die uns völlig unerwartet überkam. Gerade noch in pinken Haussocken, schieben wir uns nun ächzend über den nur marginal kühlenden Boden des Altbaus. Wir leben offenbar in einer Welt voller Überraschungen; und das nur, weil wir in der 3. Klasse nicht zuhörten.

Das Jahr beginnt mit dem Winter. Eigentlich beginnt der bereits im Vorjahr, am 21. Dezember. Das ist auch gleichzeitig der kürzeste Tag des Jahres. Im Winter, muss man wissen, wird es spät hell und früh dunkel und es ist besonders wichtig, dass die Lampen am Fahrrad in dieser Zeit gut funktionieren. Der Winter bricht in jedem Jahr ein. Er kündigt sich nicht vorher – beispielsweise im Kalender – an. Nein: Er bricht ein. Immer. Wintereinbruch. Schwupps, haben wir vergessen, die Tür abzuschließen, schon kommt die Kälte hinterrücks und gemeingefährlich zu uns, um mit Frost und plötzlichem Schnee Chaos zu stiften. Innerhalb von Sekunden sind wir gezwungen, dicke Mäntel anzuziehen, die Sandalen gegen Stiefel und die neckischen Haarspängchen gegen Mützen zu tauschen.

(Zeitraum ungefähr: zumeist ab Mitte November bis in den März hinein.)

Gerade eben haben wir uns darauf eingerichtet, jeden Morgen früher aufzustehen, um eventuell statt des Fahrrads die Bahn zu nehmen, da wird es warm. Es ist morgens früher hell, gemeine Vögel marodieren vor unserem Fenster, schreien ab fünf Uhr in der Früh und wir niesen, weil Gräser und Blumen nun – im Frühling – nichts anderes wollen, als der Mensch auch: Vermehrung. Auch dieses Wetter mit seinen Tücken (Heuschnupfen) und Wetterkapriolen (warme Tage, kühle Nächte, Regen im April und erste Wärme im Mai) ist plötzlich da. Der Frühling überrascht uns. Mit bunten Blumen, blauem Himmel und Frauen, die sich im Bikini vor dem städtischen Brunnen für Sensationsblättchen ablichten lassen. Dann regnet es plötzlich und Stürme ziehen über das Land. Wir haben merkwürdige Gefühle, wollen jemanden zum Knutschen haben oder Finden und sind doch immer wieder so müde. Jedes Jahr wieder überrascht uns diese Laune der Natur. Unvorhersehbar.

(Zeitraum ungefähr: Mitte März bis Juni.)

Haben wir uns gerade in der Übergangsjacke eingerichtet und hören die Vögel am Morgen nicht mehr schnattern, da wird es heiß, manche nennen es Sommer. Es wird so heiß, dass die Frauen auf die Unterwäsche unter ihrem Rock verzichten, Männer sich archaisch das Oberteil vom Leib reißen und Schweißperlen ihr Brusthaar zum Glitzern bringen. Nackte Füße laufen über heißen Teer und die Menschen rufen „Uh“ und „Ah“ und wissen kaum, wie ihnen geschieht. Brauereien haben Hochkonjunktur, in der Schule beginnen unerwartet und aus einer Tradition heraus die „Sommerferien“. Irgendeiner unser Ur-Ahnen wird sich an der Einrichtung dieser freien Zeit etwas gedacht haben. Aber wir, wir wissen einfach nicht, was das gewesen sein könnte. Eine Hitzewelle rollt auf uns zu. Wie eine Dampfwalze über eine neue Straße und ja, so fühlen wir uns dann auch. Niedergedrückt von Graden, die wir doch eigentlich nur in der Sahara vermuten würden. Experten beschreien den Jahrhundertsommer, die Alten heben mahnend die Hand, solche Temperaturen hätte es noch nie gegeben. Eisverkäufer freuen sich über die plötzliche Eingebung, ihre Geschäfte wieder geöffnet zu haben.

(Zeitraum ungefähr: Ende Juni bis in den September hinein.)

Und dann wird es plötzlich kühler. Es fröstelt uns am Grill, die Vögel verstummen, es wird morgens wieder später hell und die Bäume verlieren ihre Blätter. Laub liegt auf den Straßen und macht sie ganz rutschig, Auto- und Radfahrer sind davon überrascht, Kinder rennen schreiend durch den Wald, suchen Blätter und bauen aus Kastanien und Eicheln Männchen mit dicken Bäuchen und zahnstocherdünnen Beinchen. Während der Winter einbricht, der Frühling überrascht, der Sommer rollt, ja… währenddessen kommt der Herbst einfach. Aber weil er uns keine Karte geschickt hat und ihn niemanden eingeladen hat, stehen wir vor dem unerwarteten Gast und fragen uns, was wir mit ihm machen sollen. Dieser Nebel am Morgen, der Regen und dann erst der erste Frost. Er lässt die Bräune des Sommers, die wir unter Wehklagen in der Wärme der Walze errangen, langsam verschwinden. Wir haben nichts für den Gast zuhause. Keine warmen Schuhe, keine dicken Socken und keinen Regenschirm. Der Herbst ist wie die Verwandtschaft, die „zufällig in der Nähe“ war und nun erstaunt ist, dass man keinen Kuchen da hat.

(Zeitraum ungefähr: September bis Mitte November.)

Was keiner für möglich gehalten hätte: Es beginnt nun alles wieder von Vorn. Haben wir in der einen Minute noch erwartet, dass nach dem Nebel und dem Grau des Novembers vielleicht die Sonne uns an die Badeseen treibt, müssen wir erkennen, dass der Badesee zu einer Eisfläche geworden ist, ein zweites Paar Socken unausweichlich ist und warmer Kakao uns nun glücklicher als eine Eisschokolade macht. Es wird Monate dauern, bis wir wieder das erste Eis wollen und die Hormone uns zum Tanzen bringen.

Seid gewarnt, liebe Leser, und gebt gut auf euch Acht.

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3 Kommentare zu “Die vier Jahreszeiten

  1. Eine Betrachtung, die mir viel Spaß gemacht hat, obwohl ich in Sachkunde fast immer zugehört habe.

  2. Und plötzlich und unerwartet ist Weihnachten. Alte Journalistenweisheit.

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