Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Fashionista, Baby!

2 Kommentare

Ein modisches Feuerwerk. Heissa!

Ein modisches Feuerwerk. Heissa!

Ich hatte etwas versprochen und Versprechen, naja, die hält man. Meistens zumindest. Diese „Ich ruf Dich an“-Dinger, an die glaubt natürlich kein Mensch mehr, der die 22 1/2 Jahre überschritten hat. Und wenn ich näher drüber nachdenke, glaube ich, dass man Versprechen vielleicht gar nicht halten muss, weil sie doch allzu häufig leer sind. Aber dies hier soll keine Sternstunde der Philosophie werden, ich hatte dieses Fach ohnehin nur wenige Jahre in der Schule.

Ich hatte – zumindest einigen Menschen – versprochen, dass ich von der Fashion Week in Berlin berichten würde. Nun, diese Festivität ist mittlerweile seit etwas mehr als einer Woche vorbei. Die Fingernägel haben bereits einen neuen Lack, die Haare haben sich von der Hochsteckfrisur am Freitag erholt und die Füße sind auch nicht mehr geschwollen. Die Give-Aways sind aussortiert, verschenkt, verschickt und aufgegessen.

Wer nun Trends der kommenden Sommersaison erwartet, der kann getrost mein bloggerisches Kleinod verlassen.

Ich hatte mir so viel vorgenommen. Ich saß in meinem Wohnzimmer inmitten von Kleidern, sortierte sie, kramte teils zehn Jahre alte Ketten aus Kartons, um genügend Outfits zusammenzustellen, die mich nicht völlig untergehen lassen würden in diesem Urwald aus Fashionistas, Fotografen und Fotomodels.

Ich legte verschiedene Outfits auf den Boden, drapierte Ketten und Tücher, zog verschiedene Schuhe dazu an. Vorbereitung ist alles! Ich lief stundenlang durch die Schuhgeschäfte der Stadt, um mir vielleicht doch gefährliche hohe Hacken zuzulegen und damit auf modisches Gardemaß anzuwachsen. Ich fing einen Monat vorher bereits an, wieder Lippenstift zu tragen, um mich an das Gefühl zu gewöhnen.

Und ich kann sagen: die ersten Male mit Lippenstift waren die Hölle. Vor einigen Jahren, ich war eine nicht sonderlich zarte Mittzwanzigern, sagte eine Kosmetikerin zu mir, ich solle keinen Lippenstift tragen: „Deine Oberlippe ist viel zu dick.“ Fortan haderte ich mit dem höchstgelegenen Teil meines Mundes, beobachtete immer wieder die Form anderer Menschen und entwickelte mich zu einer wahren Lippen-Neurotikerin. In schweren Zeiten war ich gar der Meinung, mein Sturz vom Schlitten auf den Mund vor mehr als 20 Jahren sei schuld an diesem Umstand. Ich verfluchte den Winter und meinen Wagemut, mich vornüber einen minimalen ostfriesischen Abhang hinunter zu stürzen.

Am Anreisetag war ich mit drei Taschen unterwegs und dabei war eine nur für Schuhe und Taschen. Ich erkannte mich gar nicht wieder, sah verwundert in meinen Kulturbeutel, in dem sich mannigfaltige Lidschattenkombinationen und sogar verschiedene Sorten Wimperntusche befanden.

Um es kurz zu machen: Ich lief jeden Tag in Ballerinas herum, weil das Berliner Pflaster und meine Füße nicht kompatibel waren – nur am Freitagabend machte ich eine Ausnahme, wurde dann auch sogleich für ein leichtes Mädchen gehalten. Was aber wohl eher der Rocklänge zuzuschreiben ist. (Und ehrlich: Ich wurde „offenes Mädchen“ genannt – aber offen war nun wirklich gar nichts!). Ich trug meine Haare auch nur einmal kunstvoll am Hinterkopf drapiert, den Lippenstift hinterließ ich ständig an irgendwelchen Wasserflaschen und Kaffeebechern. Ich aß viel zu viel indisch und fühlte mich deshalb zu mopsig, ich trank Vodka Tai, der mich müde und das Rouge überflüssig machte. Und als ich am ersten Tag eine Frau im blassgelben Kleid zur weißen Leggings und fleckigen Beinen sah, da ahnte ich: Ich hätte die Zeit, die ich im Wohnzimmer wimmernd im Klamottenhaufen verbrachte, besser investieren können. Ich sah Promis, die ich gar nicht kannte, und Promis, die ich kannte, die aber klein und unscheinbar waren. Ich war auf einem Modebloggertreffen und sah dort eine Frau, die sich in einem Workshop mit Straßsteinen selber Coco Chanel auf eine Jeansjacke klebte.

Und einer der schönsten Momente war gar nicht die Schau von Lena Hoschek oder der Gang zum Presse-Counter. Einer der schönsten Momente war, als Johanna und ich (wir waren unser gegenseitiger Sidekick) nach gefühlten dreißig Kilometern in der Hitze und ungezählten Jutebeutel auf Hocker in einem klimatisierten Raum fielen und – alkoholfreie – Cocktails tranken. (Deshalb die Lehre zur nächsten Fashion Week: Weniger Kleidung, weniger Schuhe, weniger Selbstzweifel und mehr Momente wie dieser).

Pause!

Pause!

Und wer gern mehr Bilder sehen möchte: hier.

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2 Kommentare zu “Fashionista, Baby!

  1. All diese, mich selbst mit Scham über meine gelegentliche Oberflächlichkeit peinigenden Gefühle plagen mich alljährlich zum Wave Gotik Treffen, und am Ende hab ich dann just am Pfingstwochenende eher eine entspannt-natürliche Phase, was mein Äußeres und dessen Dekoration und meine Nerven betrifft … Es macht sowieso keinen Spaß, im Endeffekt den ganzen Tag etwas Todschickes zu tragen, an dem man dann nur herumzuppelt, weils immer sonstwohin rutscht oder zu durchsichtig oder unbequem ist.
    Zum Lippenstift: da gibts mittlerweile – aber das weißt du sicher – so tolle Teile, die wirklich, ohne zu verschmieren oder irgendwann abzubröckeln, ewig halten. Man kann trinken, mit Elan küssen und sich sogar schwungvoll aus Versehen über den Mund wischen, weil man man wieder die eigene Geschminktheit vergessen hat, ohne nachher blöd auszusehen. Und die Werbung hält bei diesen Dingern tatsächlich mal, was sie verspricht.

  2. Ich würde nur wegen Leute schauen und Give-aways zur Fäääshn Week gehen. Und um mit Dir abends ganz un-fashionblogger mäßig geil zu essen und ein teenieweenie bisschen zu viel zu trinken 😉

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