Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der Dosenchampignon und die II. Wahl

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Das Besondere im Grau.

Das Besondere im Grau.

Während des Studiums, und das ist trotz meiner älter werdenden Gesichtszüge noch gar nicht so lange her, hatte ich nicht viel Geld. Welcher Student kann schon von sich behaupten, in Geld zu schwimmen? Und so wurde Geld für die unwichtigen Dinge des Lebens (Bier) ausgegeben, und bei den wichtigen Dingen (andere Nahrungsmittel) gespart. Vermutlich nicken nun einige der geneigten Leser, erinnern sich selber zurück und lächeln nostalgisch in sich hinein.

Ein fester Bestandteil dieser Mahlzeiten waren Champignons mit der Aufschrift „II. Wahl“. Aus der Dose. Wenn nur noch Nudeln und Tomatenmark (ich mag kein Tomatenmark) da waren, machten es diese Pilze mit gummi-artiger Konsistenz und bräunlich-grauer Farbe zu etwas Besonderem. Das Elend der eigenen Ebbe auf dem Konto wurde durch sie erträglich. Weil man noch nicht so pleite war, um nur Nudeln mit Tomatenmark zu essen. Nein! Die 29 Cent waren der Beweis dafür, dass immer noch etwas gehen würde.

Bis heute ist mir nicht klar, was an Champignons II. Wahl sein kann – auch wenn ich mittlerweile keine Champignons aus der Dose mehr mag, weil die frischen einfach viel besser schmecken.

Der ein oder andere mag sich fragen: Was spricht sie schon wieder?

Vor einiger Zeit war die große Frustration ausgebrochen. Ähnlich wie zum Schwarzen Freitag 1929 (der eigentlich eine komplette schwarze Woche war). Die Kurse fielen in den Boden, die Frage nach Sinn, Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit machte sich breit. Eine Freundin hatte lamentierend die Arme erhoben, den Blick verzweifelt gen Himmel gerichtet.

Es war um die Frage nach dem „genug sein“ gegangen. Die meisten Menschen kennen das. Die schlimmsten Abfuhren speisen sich aus „Du kannst mir nicht geben, was ich brauche“, aus „Du bist nicht genug“. Und man sitzt dort, der Boden zieht sich unter den Füßen weg, das Herz klopft Kuhlen in die Rippen und der Magen zieht sich supernova-esk zusammen.

„Ja“, denken wir. „Ich bin nicht genug. Weil ich bei den Bundesjugendspielen nur eine Teilnahmeurkunde bekam. Weil mein Käsekuchen zwar schmeckt, aber nicht fluffig ist. Weil meine Haut zwar glatt, aber kalkweiß ist.“ Es ist eine Art von Erkenntnisgewinn, die bar jeder Vernunft ist, aber so fundamental, dass wir sie nicht vergessen können. Nicht. Nie wieder.

Nicht genug zu sein, dieses Gefühl ist ziemlich nervig und fortan ist da ein zweiter Gedanke: „Ich bin zweite Wahl.“ Wie die Champignons, die offenbar nicht genug für die erste Wahl waren. Nicht gut genug für den Verkauf auf dem Markt oder in den blauen Schälchen im Supermarkt. Nicht gut genug für die Präsentation in der Öffentlichkeit. Aber in der Dose, eingelegt in merkwürdige und undefinierbare Konservierflüssigkeit, da geht es.

Es ist also kein Wunder, dass verzweifelt diskutiert und gegreint wurde. Kein Mensch möchte der Champignon aus der Blechbüchse sein. Nur: Warum nicht?

Und so entspannen sich Gedanken und Überlegungen und die Frage „Was ist überhaupt genug?“ Eine wichtige Frage in einer Welt, in der wir nur Hunger oder „Mir ist schlecht“ kennen. Wo wir so sehr genug von allem haben, dass wir gar nicht wissen, was überhaupt genug ist.

Was „genug“ ist, ist so wandelbar und hat das Wort „Konstante“ in keinem Fall verdient. Während des Studiums waren die Champignons genug – sogar mehr als das. Sie waren toll. Dann, mit einem Job und etwas mehr Geld, kann und konnte man sich dann auch die Frischen leisten. Aber das bedeutet doch nicht, dass uns die Dosenchampignons irgendwann nicht wieder als das Besonderste am Tag erscheinen.

„Genug“ ist eng an das gekoppelt, was wir brauchen. Und „Brauchen“ ist ein Bedürfnis, das einem permanentem Wandel unterworfen ist. Wenn man denn überhaupt brauchen möchte! Jetzt brauchen wir jemanden, der uns den Rücken frei hält und die Sahne für die Sauce kauft. Der mit uns marodierend um die Häuser zieht, ein Weg-Bier in der Hand und in fremden Hauseingängen steht. Vielleicht brauchen wir morgen jemand, der uns die Haare beim Kotzen hält und die Suppe für den lädierten Magen kocht.

Und so beschlossen wir, mit der Welt versöhnt, mit Milchschaum an der Nase und einem gemeinen Appetit auf Nudeln mit döslichen Champignons, dass wir dem nächsten Mann, der uns sagt, wir seien nicht genug, lange in die Augen sehen würden. Um ihm dann zu sagen: „Offensichtlich besitzt Du nicht die Sprachkompetenz, die solch ein toller Dosenchampignon wie ich braucht. Du Depp.“ Und dann würden wir gehen. Mit erhobenem Haupt, wie so ein Champignon, der sich im Wald der Sonne entgegenstreckt.

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3 Kommentare zu “Der Dosenchampignon und die II. Wahl

  1. Hach ja… Was man nicht alles nicht braucht! Mein momentanes Lieblingsthema… Ich finde Dosenchampignons übrigens eklig, aber ich mag Dosenerdbeeren! Ich ersetze in diesem Text für mich Champignon durch Erdbeere!

  2. Es gibt Dosen- bzw. Glas-Champignons II. und I. Wahl. Es gibt frische Champignons erster und zweiter Wahl (genau wie bei Spargel, Erdbeeren und anderen Obst- und Gemüsen). Zweite Wahl hat einen Makel – eine Druckstelle oder ähnliches – im „schlimmsten“ Fall entspricht es einfach nicht der Normgröße. Ich liebe diese kleinen Blumenkohlköpfe, die es auf dem Markt gibt – sie sind jedoch nur zweite Wahl, da sie nicht der Normgröße entsprechen. Der standardgroße, erste Wahl Blumenkohl, den es i.d.R. in Supermärkten gibt, ist Qualitativ nicht besser als der kleine, zweite Wahl Blumenkohl vom Markt, das einzige, was den Blumenkohl in die erste Klasse erhoben hat, ist seine Größe und ggf. das Gewicht.
    Normwerte einer Frau sind meines Wissens 1.72 m, 65kg, 90/70/90 – da bin ich weit von entfernt – bin ich deshalb nur II. Wahl Frau? Frau Merkel ist nur II. Wahl, denn sie entspricht auch nicht der Normgröße.
    Was will sie sagen? Eigentlich wollte ich nur Erbsen zählen und aufzeigen, dass der Vergleich II. Wahl Dosenchampignon vs. frische Champignons hinkt – denn die I. Wahl ist auch in der Dose bzw. im Glas und es gibt auch bei frischen eine zweite Wahl.
    Doch dann wollte ich noch sagen – dass die Wahl nicht immer unbedingt etwas mit der Qualität gemeinsam hat – erste Wahl kann sogar schlechtere Qualität haben, als zweite Wahl.

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