Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Was Pferde so denken

3 Kommentare

Aufs Wasser gucken. Ich war da übrigens allein.

Aufs Wasser gucken. Ich war da übrigens allein.

Eine meiner Anverwandten sagte einst zu mir, ich solle den Pferden das Denken überlassen – die hätten den größeren Kopf. Nun, sie übersah wohl, dass ich einen massiven Bollerkopf besitze, den ich allmorgendlich mit Haaren und Wimperntusche kaschiere. Man muss sich einmal dieses Elend vorstellen, das mich in der Früh heim sucht. Ich stehe da, mit meinem pinken Kamm, verzweifelt bemüht, die Haare zu entwirren und so zu legen, dass ich nicht wie ein Mond aussehe.

Aber darum soll es ja gar nicht gehen. Sicherlich: der ein oder andere Leser möchte mir sicherlich gern einmal morgens beim Anziehen zusehen, immerhin kann ich recht witzig sein. Das zeigt sich auch dann, wenn ich mit frisch eingecremten Beinen eine Strumpfhose anziehe und mich dabei wie eine vollgefressene Python über Bett und Boden winde. Das ist sicherlich ein Anblick, von dem der ein oder andere träumt. Das kann ich sehr verstehen. Auch ich lache zu wenig.

Aber es soll ums Denken gehen. Keine Sorge, das wird kein kantöser Text über Diskurse und spannende Projekte. Kein Mensch mag spannende Projekte. Das ist wie „Eigentlich kann ich ganz gut kochen“. In beiden Fällen sollte man schnell laufen. Soweit man sich bereits in seine Strumpfhose gewunden hat.

Ich habe recht viele Soziale Netzwerke auf meinen Devices. Teils zu Testzwecken, teils weil es mir so gut gefällt, wenn Menschen über meine Missgeschicke lachen. Selbstscham ist mir völlig fremd. Vermutlich wäre ich auch ein guter C-Promi. Nur leider sind meine Brüste dafür nicht groß und meine Haare nicht blond genug. Man kann nicht alles haben.

Zumindest begab es sich – heute komme ich wieder einmal nicht zum Punkt -, dass ich unterwegs war. Mit Menschen. Und einem dieser Menschen war es wichtig, dass ich nicht erwähnte, dass ich mit ihm unterwegs sei. Ich wäre von allein nicht drauf gekommen. Denn klar: Wenn es sich ergibt, dass etwas lustiges geschieht, dann bin ich da nicht so. Aber ich schreibe doch nicht einfach so: „Bin mit Bratzkopf hier und da.“ Punkt. Keine weitere Information. Nein, nein. Das liegt nicht in der Natur einer Fabuleuse wie mir.

Aber, als ich dann am Abend unter der Dusche darüber nachdachte und mir die Haare ungekämmt den Bollerkopf hinunterhingen, ja, da dachte ich darüber nach, ob diese Person vielleicht nicht erwähnt werden wollte, weil er sich dafür schämen würde, mit mir in Verbindung gebracht zu werden.

Es war 23 Uhr, ich hatte schon Rotwein getrunken und natürlich war der Gedanke überspitzt. Aber für eine Schrecksekunde schämte ich mich für meine eigene Existenz und dachte darüber nach, mir eins mit dem Duschkopf überzuziehen. Schnell war es wieder vorbei. Wenn im Altbau plötzlich das warme Wasser weg ist, treibt das Gedanken schnell in eine andere Richtung.

Aber: Ich muss seitdem recht häufig daran denken, wie viele Fallstricke das Internet doch für den schwachen Charakter (meinen) bietet. Dieses permanente Zeigen von den Dingen, die man tun und mit wem man etwas tut, sind gar nicht gut für solche Zerdenker wie mich.

Wird man einmal nicht erwähnt, geht der Gedanke gleich dahin, dass es an den unpassenden sommerlichen Schuhen zum Wintermantel lag oder an den Haaren, die den Bollerkopf nicht gänzlich verdecken konnten. Herrje! Als ob all diese Mentions und Erwähnungen irgendwas bedeuten! Und trotzdem gibt es diese Gedanken. Und wenn ich mich so umgucke, glaube ich und bin mir sehr sicher, dass ich nicht die einzige bin, die hin und wieder an sich zweifelt. Ob sie nicht cool genug ist (Ich bin cool!), oder witzig (Hallo!?) oder hübsch (Wir üben noch).

Dabei – und das ist völlig wahnsinnig – bin ich die, die kaum andere Menschen erwähnt und vermutlich als letzte lernte, wie man Menschen bei Facebook markiert. Aber ich bin ja auch asozial.

Und nach 564 Worten fällt mir auch gar nicht mehr ein. Außer der Tatsache, dass obige Verwandte sich mal etwas von Pferden hätte abschneiden sollen – UND ICH MEINE KEINE WURST! Aber gut.

Von ihr sah ich übrigens neulich ein Foto bei Facebook, auf dem sie zeigte, mit wem sie so ihre Zeit verbrachte. Es war wie ein Bewerbungsfoto für eine Sendung, die RTL2 nur nachts ausstrahlen würde. Aber ich denke ja ohnehin zu viel.

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3 Kommentare zu “Was Pferde so denken

  1. Mich darfst Du jederzeit erwähnen, Ulrike. Und mit mir über mich lachen. Oder über uns! Ich sehe das eher als Auszeichnung.

    Zumindest solange ich mich nicht auf http://www.Betrunkenedekorieren.de wiederfinde ist alles in Butter! (und die Gefahr besteht derzeit sowieso nicht)

  2. „Das zeigt sich auch dann, wenn ich mit frisch eingecremten Beinen eine Strumpfhose anziehe und mich dabei wie eine vollgefressene Python über Bett und Boden winde.“
    SUPER BILD!

  3. Damit bist du bei Weitem nicht allein.
    Es gibt bei Facebook doch diese Funktion, dass man sieht, wann jemand eine Nachricht gelesen hat. Für eine vor Kurzem sehr unglücklich verliebte Freundin von mir war das fatal – sie hatte ihm was geschrieben, er hat es für sie nachweislich gelesen und antwortete und antwortete nicht, auch nicht nach einer Woche. Diese sozialen Netzwerke stecken überall voller Gewissheiten, die man lieber nicht hätte, oder verleiten zu den wildesten Spekulationen. Aber auch für die andere Seite ist das blöd – man kann sich keine Zeit mehr lassen mit der Antwort (Zeit, die man eben vielleicht braucht), weil der auf Antwort wartende Mensch so eine Art Kontrolle hat, über diese ‚gelesen‘-Funktion. Man kann bei Facebook soviele Dinge mit sovielen Informationen versehen, dass es so leicht ist, etwas/jemanden zu übersehen, und derjenige ist dann vielleicht verletzt. Selbstzensur kann dann ganz schnell die Folge sein. Gruseliges Internet.

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