Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das schwarze Auge

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Love Boat ohne Kopf. Noch Fragen?

Love Boat ohne Kopf. Noch Fragen?

Ich bin ein recht asozialer Mensch. Ich falle mit diesem Wesenszug sehr aus dieser Gesellschaft heraus, in der alles irgendwie sozial oder social ist und wir uns Bussis geben und riesige Netzwerke von Gleichgesinnten spinnen, die aber doch nur durch ein marginales Merkmal gleichgesinnt sind. Ich finde das alles doof und mag das nicht und bin damit wohl niemand, dem irgendwann ein Orden für einen Verdienst an der Gesellschaft umgehängt wird.

Es kommen mehrere Charaktereigenschaften zusammen, die insgesamt das Bild einer nicht sehr sozialen Person zeichnen. Ich bin beispielsweise recht ungeduldig. Das fing schon in der Grundschule an. Mich nervten die, die langsamer waren. Beim Lesen und Rechnen und Dreiecke einkreisen und Geschenke für den Muttertag zuschneiden. Ich brach beinahe über meinem Tisch zusammen, wenn die Antwort dann auch noch falsch oder das Knäuel aus Kleber- und Staniolpapier hässlich war. Mein Angebot, mit den blonden Zwillingen aus meiner Klasse zu lernen, war kein Akt der Nächstenliebe. Ich wollte einfach nur, dass sie endlich schneller lasen und damit meine Schulstunden etwas erträglicher machten. Die Tat war vielleicht hehr, die Beweggründe aber waren abscheulich selbstsüchtig.

Mit sieben Jahren zeichnete sich bereits ab, das aus mir kein guter Mensch werden würde. Vermutlich sogar schon früher; ich glaube kaum, dass ich im Kindergarten tiefenentspannter war. Und auch später, im Studium, änderte sich das nicht. Nicht nur dass ich mich hin und wieder öffentlich wunderte, wie einige so etwas wie eine Reifeprüfung überhaupt bestehen konnten – ich hatte die ganze Zeit über genau einen anderen Menschen, mit dem ich Gruppenreferate hielt. Er stand Gruppenarbeit wie ich skeptisch gegenüber und so teilten wir bei Kaffee unsere Aufgaben penibel auf, damit wir ein Referat hielten, das nur dem Anschein nach von einer Gruppe stammte. Wir wollten nicht auf andere warten, uns für andere schämen oder zu viel Zeit mit merkwürdigen Treffen verbringen, die für ein Gruppengefühl eher kontraproduktiv sein würden: abends um 22 Uhr in der Bibliothek, der mit BWL im Nebenfach völlig planlos und verkatert, die mit Gender Studies im Nebenfach mit dem Sprechstein in der Hand und der Sportstudent hatte das Treffen komplett vergessen.

Je mehr Menschen etwas organisieren oder machen, umso wuseliger wird es. Wuseligkeit unter Menschen ist der Graus. Mancher mag das mit Misanthropie verwechseln. Das ist aber falsch. Es ist nur eine Abneigung gegen Kollektive und die permanente Sorge, in einer Menge von „Und was nun?“ zu versinken. Deshalb bin ich auch von dieser Übermotivation, die sich zurzeit mit Iron-Bloggern und riesigen Gruppen mit mir unverständlichen bunten Grafiken breit macht, irritiert. Mir erscheint der Mehrwert von Gruppen in vielen Belangen nicht vorhanden. Dann kann der eine mit dem nicht und irgendjemand will die scharfen Frauen abgreifen und am Ende streiten sich alle. Die Geschichte vom Fisch Swimmy ist eben nur eine Utopie. Und wenn ich schon in einem Schwarm lebe, dann möchte ich doch gern das schwarze Auge sein und nicht die Schwanzflosse!

Sagen darf man das natürlich nicht. Weil Teamfähigkeit offenbar nur in Majuskeln geschrieben wird und dem Wort der Geruch von frischem Kaffee, coolen Sneakern und Rhabarbersaftschorle anhängt. Praktisch hat das alles vermutlich noch nie geklappt. Mehr als drei Leute in eine Referatsgruppe zu stecken, sorgte zumindest während des Studiums immer für ein Einschreiten des Professors, der das Deasaster mit den für alle erlösenden Worten „Wir brechen hier dann mal ab“ beendete.

Hin und wieder suhle ich mich geradezu in dem Wissen, nicht sonderlich sozial zu sein. Ich lehne Spieleanfragen ab, weigere mich, Spieleabende zu besuchen, und gehe auf manchen Feiern bereits nach einer Stunde, um mich der Kollektivität nicht hingeben zu müssen. Ich treffe mich dann lieber allein mit Menschen, weil ich eben auch sehr besitzergreifend bin. Ich teile meine Freunde nur ungern. Das ist wie mit Essen, weshalb ich auch ungern in Restaurants gehe, in denen ein Buffet angeboten wird.

Mich macht der Gedanke verrückt, dass von dem leckeren Kartoffelgratin bei meinem zweiten Gang nichts mehr da ist. Weshalb ich hektisch esse, meine Mitmenschen hasserfüllt ansehe und hoffe, dass sie gleich alle nicht mehr essen können und nach Hause müssen. Futterneid heißt es im Hochdeutschen, im Plattdeutschen „gülsig“. Und Gülsigkeit ist eine der weitverbreiteten Merkmale in meiner Familie. Als wären wir gesammelt aus der Steinzeit wiedergeboren und hätten in unseren Genen immer noch die Ur-Angst, dass wir nicht genügend leckeres Essen bekommen und uns mit Trockenfleisch durch die Woche bringen müssen.

Ich bin einfach gern allein, ohne dass Menschen um mich herum sind, die aus Glitzerfolie kein Herz ausschneiden können, die drei Dreiecke auf der Din-A-4 Seite nicht finden oder während ihres Referats über den Ersten Weltkrieg fragwürdige Experten zitieren, die auf stahlhelm.com (oder so ähnlich) veröffentlichen. Und wenn ich nicht allein sein kann, dann möchte ich doch bitte von Menschen umgeben sein, die auch gern allein sind und schweigen können, während wir gemeinsam unsere Glitzerherzen basteln und darüber sinnieren, dass Glitzerherzen zum Muttertag an Einfallslosigkeit nur schwerlich zu überbieten sind.

Und weil mir schon wieder kein Schluss einfällt, an dieser Stelle folgende Worte: Ich backe nun Pfirsichkuchen. Und es bekommt niemand etwas ab.

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2 Kommentare zu “Das schwarze Auge

  1. Jetzt weiß ich, warum wir so gut zueinander passen. (Und vielleicht fällt ja morgen Mittag noch ein Stück Kuchen zum Kaffee für den kleinen Amadeus ab?)

  2. An dieser Stelle muss ich mal sagen, dass ich das oben geschriebene sehr gut nachvollziehen kann, denn bei mir ist es nicht anders. Es kommt aber noch ein weiterer entscheidender Punkt hinzu:

    Die Kommunikation mit Menschen ist meinerseits nicht unbedingt sehr ausgeprägt. So kann es beispielsweise passieren, dass ich in einer Gruppe von, sagen wir mal, 6 Personen (die ich nicht mal alle kennen muss) den dreiviertelsten Abend so gut wie nix sage, sondern nur zuhöre. Wenn ich dann doch mal was von mir gebe, lachen erstmal alle fünf (sofern der Inhalt überhaupt verstanden wird), bevor mich im zweiten Nachdenken 4 davon hasserfüllt anschauen, weil man plötzlich begreift, was gesagt wurde.

    Besonders schlimm finde ich aber Menschen, die komplexere Zusammenhänge von Thema und lustig gemeinten überhaupt nicht raffen. Man einen gesagten, im weiteren Sinn zusammenhängenden Witz oder ein Wortspiel vielleicht auch noch erklären muss… Ooorrrr!

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