Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das große Warten

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Mit solch einem Ausblick kässt sich das Warten natürlich leichter ertragen.

Mit solch einem Ausblick kässt sich das Warten natürlich leichter ertragen.

Unser Büro liegt an einer recht vielbefahrenen Kreuzung. Und laut Lärm-Atlas ist dort auch recht viel los; glücklicherweise höre ich bei geschlossenem Fenster nicht allzuviel davon. Aber ich sehe viel. Und ich sehe ja gern. Besser: Ich beobachte gern. Ich bin einfach so unfassbar neugierig.

An eben dieser Kreuzung, an der Ecke Käthe-Kollwitz-Straße/Dittrichring, ist eine große Ampelanlage. Hin und wieder, meist wenn ich telefoniere, lege ich meine Füße auf die Heizung und sehe hinaus. Manchmal tue ich das auch, wenn ich nachdenken muss und meine Augen Dinge sehen müssen, die nicht aus Buchstaben bestehen. Menschen bestehen in ihrer rein körperlichen Form nicht aus Buchstaben. Das ist hin und wieder sehr gut.

Für den aufmerksamen Beobachter ist es die schiere Freude, sich die Menschen anzusehen, die an der Ampel warten. Spontanstatistisch würde ich sagen, dass rund 3,7 Prozent der Menschen nicht warten und bei Rot über die Ampel rennen. Da die Straße dort mehrspurig ist, empfinde ich das als eine tollkühne Dummheit. Vermutlich fühlen sich alle sicher, weil an solch einem zentral gelegenen Ort die Krankenwagen sehr schnell vor Ort sein können. Nach mehrmonatigen Beobachtungen kann ich aber mitteilen, dass der dort häufig entstehende Stau wohl eher für ein verspätetes Eintreffen der Sanitäter führt.

Nun, aber rund 96,3 Prozent der Menschen warten dort an der Ampel. Das ist recht lästig, denn die Rotphasen an dieser Ecke sind nicht wirklich menschenfreundlich. Man wartet sehr lange. Und eigentlich immer. Also: Ich warte dort ständig sehr lange und eigentlich immer.

Wie ungern Menschen warten, das lässt sich an diesem Ort sehr gut beobachten. Die einen ziehen recht entnervt ihr Mobiltelefon aus der Tasche und starren hektisch auf ihr Display. Ich glaube nicht, dass sie dort etwas sehen, dass hektisch machen würde. Aber wie soll man beim lästigen Warten auch sonst gucken? Andere sehen recht bedrückt auf den Boden. Beinahe so, als ob ihnen jede Sekunde des Wartens bewusst wäre, dass wertvolle Lebenszeit verstreicht, während sie gezwungen sind, auf das grüne Ampelmännchen zu warten.

Vor einiger Zeit, ich telefonierte gerade mit Frau Schnatalie, kletterte ein Jüngling vor genervter Wartezeit gar die Ampel hinauf. Er kam nicht sehr weit, weil seine Schuhe offenbar zu rutschig, die Hose zu weit und die Anfeuerungssprüche seiner juvenilen Freunde nicht ausreichend waren. Zweimal versuchte er es, dann stand er gedemütigt dort und wartete weiterhin. Hin und wieder ist es eben das sinnvollste, ruhig dazustehen und die Wartezeit vergehen zu lassen.

Allerdings konnte ich ihn gut verstehen. Ich hasse dieses Warten-Ding. Ich bin ungeduldig und will und möchte immer alles sofort und ohne jemanden vorzulassen – und seien es nur Autos, gegen die ich als besneakter Fußgänger ohnehin keine Chance habe. An der Supermarktkasse möchte ich hin und wieder die Menschen vor mir beiseite schubsen und sie anschreien, ob es so wichtig sei, dass sie nun unbedingt ihr Klopapier kaufen und warum sie mir im Weg stehen.

Der automatischen Stimme in Warteschleifen möchte ich gern hysterisch entgegenschmettern, dass meine bloße Existenz zu wertvoll sei, um sie in einer akustischen Hölle des „Bitte Warten“s zu verbringen. Pizzaboten, die statt der angekündigten 30 Minuten 31,6 Minuten brauchen, möchte ich Respektlosigkeit und unflätige Worte ins Gesicht schreien.

All das geht natürlich nicht. Warten und Geduld sind Tugenden, die heute von jedem Menschen erwartet werden. „Warte es ab“ ist neben „Wird schon“ vermutlich eine der am häufigsten verwendeten Phrasen. Aber warum? Warum soll ich warten? Immer und ständig?

Yoga-Bücher empfehlen einem in diesen Situationen, den Moment zu nutzen, sich seiner eigenen Körperlichkeit bewusst zu werden, tief einzuatmen, seine Sinne für das Umzu zu schärfen. Leider möchte ich mir in der Öffentlichkeit meiner Körperlichkeit nicht bewusst werden. Mir fällt dann nur ein, dass meine Haare Spliss haben und meine Füße hobbit-mäßig. Dass meine Hüften zu breit sind und meine Nase zu schweinsmäßig. Atmen kann man an der oben erwähnten Kreuzung nicht, weil die Lunge sofort geteert und auf Jahre verstaubt ist und mein Umzu will ich nicht sehen, weil ich während des Wartens ohnehin alle Menschen doof finde. Immer. Alle.

Wir warten ja ohnehin viel zu viel. Auf den perfekten Mann oder die perfekte Frau; auf die perfekte Wohnung, das perfekte Wetter, den perfekten Moment.

Aus der pastoralen Warte müsste ich nun sagen: Dieses Warten ist Nichtstun und Nichtstun ist schlecht. Warte nicht, pack Dein Leben an.

Auf der anderen Seite: Wer an der Ampel an der verkehrsreichen Straße nicht wartet, der wird bald vielleicht nicht mehr warten. An der unsinnigen Fußgängerampel aber kann man die Rotphase vielleicht (wenn keine Kinder und Autos da sind) ruhig einmal Rot sein lassen und eilen. Ich hasse es, Entscheidungen zu treffen. Warum? WARUM?

So bleibt manchmal eben wirklich nur: Warten, das Beste daraus machen. Der Jüngling kletterte eben und lernte dabei, dass man hin und wieder einfach still warten muss.

Ich sehe das Warten einfach als melodramatischen Akt. Wenn der Fahrtwind des vorbeirasenden Lastwagens mein Haar zerzaust, die Pollen mir eine Träne aus den Augen treibt, dann fühle ich mich wie eine Großstadt-Loreley (nur dass bei mir niemand untergeht und es ohnehin keine Toten gibt. Ich stehe einfach nur dramatisch da, singe auch nicht und sowieso.) Das mag von Außen verwirrend aussehen, wenn ich geheimnisvoll lächle, während Ruß und Abgase meine Poren verstopfen, das Haar strähnig machen und ich in meinem Kopf

Ich aber bleibe
Und werde auf dich warten,
Bis in das Wehen
All meines schwarzen Haares
Der Rauhreif sich gesetzt hat*

rezitiere. Aber was soll ich machen? Ich kann in meinem Röckchen keine Ampeln erklettern. Und mein hektisches Gesicht ist unattraktiv. Ich kann nur Warten. Und hoffen, dass mich niemand beobachtet.

Und um all das auch metaphorisch zu einem Ende zu bringen: Hin und wieder gehe ich einfach einen anderen Weg. Man muss nicht immer Warten.

*Japanisches Tanka, aus den Versen der Kaiserin Iwa-no-Hime, Entstehungszeit rund 350 nach Christus.

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