Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das weibliche Seifenblasen-Luxusproblem

Ein Kommentar

Nachgemachte M&Ms. Ihnen huldige ich zurzeit zu sehr.

Nachgemachte M&Ms. Ihnen huldige ich zurzeit zu sehr.

Die Bremer Freundin und ich haben ein Problem. Oder anders: Wir machten uns ein. Denn wir können uns nicht groß beschweren. Aber ohne Probleme oder große Dinge, die wir anprangern können, ist das Leben ja langweilig. Wer mag schon Menschen, denen permanent die Sonne aus den Augen scheint? Genau. Niemand. Und deswegen haben wir uns eins gemacht. Wir sprachen lange über dies und jenes, bis wir endlich etwas gefunden hatten, das den Ansprüchen, die wir an ein Luxusproblem haben, genüge tut.

Luxusprobleme unterliegen einem ziemlich harten Auflagenkatalog. Es darf nicht lebensgefährdend sein, sollte aber dafür sorgen, dass man vielleicht zwei Stunden keinen Appetit auf flüssigen Käse hat – weil es einen ja so sehr beschäftigt! Die Lösung muss prinzipiell auf der Hand liegen, muss aber durch „Nöö“ und „Och“ und „Jetzt nicht“ umgangen werden können. Luxusproblem dürfen auch im Alltag – bis auf die Käsesache – nicht sonderlich beeinflussen, aber dazu taugen, dass man melodramatisch die Augen verdreht und stundenlang darüber jammern kann. Gut ist, wenn das Luxusproblem auf einer ganzen Reihe von Luxusproblemen aufbaut. Dann kann man sich immer wieder auf das alte Problem besinnen und den darin involvierten und hineinkonstruierten Menschen die Schuld geben. Denn: An Luxusproblemen ist man nie selber schuld. Es sind die Anderen. Böse Andere!

Zum Problem: Die Freundin und ich denken, dass uns nicht genügend Respekt entgegengebracht wird. Das mag jetzt gar dramatisch klingen, vielleicht wittern einige schon den patschuli-artigen Geruch des Sexismus. Aber nein. Keine Sorge.

Es geht eigentlich weniger um Respekt. Wir möchten, dass uns mehr gehuldigt wird.

Das ist insofern lächerlich, als dass wir im Gegenzug nicht einsehen, irgendjemandem zu huldigen oder den Boden auf dem das Gegenüber wandelt, zu verehren. Wir verlangen also etwas, das wir nicht im Entferntesten bereit sind, selber zu geben. Man mag nun den Kopf schütteln, aber Luxusprobleme lassen sich nicht mit rationalen Argumenten lösen. Dieser Umstand würde dem Luxusproblem die Existenzgrundlage sofort entziehen.

Ich muss vielleicht anmerken: Dem Menschen sind Selbstzweifel immanent. Und der einzige Weg ist, so stellten wir fest, diese Selbstzweifel darniederzudrücken. So sagen wir uns immer, wie toll wir sind. Ja, es gibt verschriftlichte Dialoge, in denen wir uns unsere Vorzüge aufzählen. Schöne Augen, natürliche Wimpern mit atemberaubender Länge, die Fähigkeiten, einen Kuchen zu backen, einen IQ im dreistelligen Bereich (der immerhin dazu berechtigt, sich die Schuhe selber zu binden) und einen Humor, der sich bequem unter das Bett kehren lässt.

Nun ist es aber so, dass wir das Gefühl haben, dass anderen diese Vorzüge gar nicht auffallen. Wir würden gern schreien: „Seht auf uns! Wir sind das Maß aller Dinge.“ Aber das funktioniert natürlich nicht. Wir wären gern nicht egozentrisch, wir wären gern der Mittelpunkt der Welt. Für alle. Jeden. Und am liebsten für den Mann mit dem hübschen Hintern – aber weil wir die Aufmerksamkeit nicht bekommen, hätten wir gern aus allen anderen Quellen Blumen, Konfetti und Bonbons in mächenhaften Farben.

Wir sind mit unserem kleinen Luxusproblem nicht allein. Überall auf der Welt – dort, wo es keine anderen Probleme als den eigenen und nicht genügend gewürdigten Egozentrismus gibt – leben kleine Mädchen- und Frauengruppen, die ebenfalls an dieser Misere leiden. Sie steigern sich hinein, wehklagen wie Waschweiber beim Einzug der Pest in das heimatliche Dorf und antworten Männern auf die Fragen „Was ist denn los, Liebes?“ mit „Nichts“.

„Nichts“, liebe Männer, ist die schlimmste Antwort, die ihr erhalten könnt. „Nichts“ bedeutet mehr als „Alles“. Es ist der Exzessiv, eine Steigerungsform, die es im Deutschen so gar nicht gibt. „Nichts“ ist das, was passiert, wenn Freundinnen glücklich sind, aber dringend ein Problem brauchen. „Nichts“ bedeutet, dass nicht nur zu wenig gehuldigt wurde, sondern dass es auch noch auf die falsche Art war.

Ja, und in diesem Jammertal befinden wir uns ebenfalls gerade. Keine Art der Ovationen kann genug sein, weil wir – und mit „wir“ meine ich Frauen – in unseren Köpfen manchmal Prinzessinnen, manchmal Königinnen sind. Wir wollen rote Tulpen und Knutschen im Sommerregen und Bauchkribbeln und das alles auf einmal und nie endend. Dass all diese Vorstellungen von angemessener Verehrung keinerlei realistische Entsprechung haben kann, ist Kern von Luxusproblemen (was nicht heißen soll, dass man es nicht versuchen sollte…).

Und all die Einwände wollen wir ja auch nicht hören. Wir wollen, jetzt und sofort, dass sich die ganze Welt um uns dreht – und wenn es soweit ist, werden wir unfassbar beschämt sein. Denn es ist ja auch so: Ist die gewünschte Aufmerksamkeit da, wird man Mittelpunkt einer eigenen Welt, überkommen uns die Zweifel, ob das alles so stimmen und so richtig sein kann und wann  der große Knall kommt und alles sich als schillernde Seifenblase herausstellt, die von griesgrämiger Seite angepiekt wird.

Luxusprobleme. Ich habe es ja gleich gesagt.

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Ein Kommentar zu “Das weibliche Seifenblasen-Luxusproblem

  1. Das kenne ich, vermutlich kennt es jede Frau.
    „Wir wollen, jetzt und sofort, dass sich die ganze Welt um uns dreht – und wenn es soweit ist, werden wir unfassbar beschämt sein.“

    Wie wahr, wie wahr.

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