Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Beziehungsstatus: ziemlich verliebt

5 Kommentare

Große Liebe. Hin und wieder bewölkt.

Große Liebe. Hin und wieder bewölkt.

Der geneigte Leser weiß um meine Beziehung. Es handelt sich dabei um keinen Mann (das wäre in Anbetracht der Auswahl auch wohl zu schön), es handelt sich um eine Stadt. Leipzig. Nun, ich habe hier schon viel über die Stadt geschrieben, werde aber die Möglichkeit noch einmal nutzen. Denn heute bin ich zwei Jahre in Leipzig. Und das ist eine durchaus beeindruckende Zahl. Wir werden zur Feier des Tages gleich erst einmal feiern und Käsekuchen essen.

Wie es immer so ist: In der ersten Zeit sprangen die Hormone nur so durch die Gegend. Zumindest bei mir. Wenn es um die Stadt geht, bin ich mir nicht so sicher. Leipzig ist zwar warm und gemütlich und nah, aber immer mal wieder schweigsam. Ich bin es nicht. Ich hachte und stand mit offenem Mund herum.

So schön. Selbst im Nahverkehr.

So schön. Selbst im Nahverkehr.

Ich fuhr durch die Straßen, bewunderte die Häuser, atmete die Luft, die für mich – auch heute noch – meist nach Glück riecht. Ich spazierte durch kleine und große Straßen, fuhr grinsend durch die riesigen Pfützen am Nordplatz, strampelte voller Eindrücke die Karli hoch, um mich immer wieder in Connewitz zu verfahren. Lernte Menschen kennen, die mir beibrachten, dass es zwischen dem Sächsisch, das Medien verbreiten, und dem wirklichen Sächsisch kaum einen Zusammenhang gibt. Ich fand neue Freunde und entdeckte Eierschecke.

Nun, nach zwei Jahren, kennen wir auch die schlechten Seiten voneinander. Was man zu Beginn gern übersieht – oder nicht wahrhaben möchte – lässt sich nicht immer verstecken. Die Armut und Arbeitslosigkeit, die Trostlosigkeit in manchen Ecken. Da sind Städte nicht anders als Menschen. Manche Seiten an uns Menschen sind toll. Seiten, die wir gern zeigen und besonders in den Vordergrund stellen. Manche Ecken und Kanten sind nicht toll. Was bei Menschen vielleicht die Ungeduld und der Hang zur Arroganz sind, sind bei Städten die dreckigen Straßenzüge, die Kinder, die an der Supermarktkasse keinen Schokoladenriegel bekommen, weil das Geld eventuell nicht mehr bis zum Ende des Monats reicht. Oder der unbedingte Wille, sich größer zu machen, als man ist.

Leipzig. Nur der Winter könnte etwas kürzer sein.

Leipzig. Nur der Winter könnte etwas kürzer sein.

Leipzig ist schön. Und einzigartig. Aber jede Diskussion um „Leipzig ist das neue Berlin“ ist müßig. Weil Leipzig Leipzig ist. Hier mag man kreativ sein (und verdammt, sooo kreativ!), aber eine Stadt, die anderen nacheifert, ist wie ein Mensch, der so sein möchte, wie sein Idol: traurig. Leipzig entdeckt gerade erst seine Stärken und dass es sich hinter nichts und niemandem verstecken muss. Ganz ohne schiefe Vergleiche mit Städten, die kaum einer schön findet. Eine Erfahrung, die wir gerade gemeinsam machen.

Aber wie es immer und überall so ist: all das Unschöne macht etwas erst perfekt (was nicht bedeutet, dass ich mir wünsche, dass die Kinder weiterhin keine Schokolade bekommen – ich bin ja kein Unmensch. Man könnte vielleicht tauschen: Drei Hundehaufen in Richtung Wahren positioniert, dafür aber alle Kinder glücklich). Wirklich wichtig ist man sich erst – immer – , wenn man die Schwächen ebenso wie die Stärken annimmt. Und irgendwie alles liebt.

Und wir erlebten bereits so viel gemeinsam: Knutschen im Morgengrauen, zu dem die Stadt extra die Sonne den Nebel durchbrechen ließ. Radfahren im Sonnenregen. Wein trinken, weit über den Dächern der Stadt. Bootfahren auf dem Auensee. Im Palmengarten Enten beobachten. Jeden Morgen die Gohliser Straße hinauf sehen und denken: „Yeah!“. Verständnislos dem Treiben im Barfußgässchen zusehen. Diskutierend vor den Höfen stehen und über Architektur sinnieren.

Übrigens: Auch ohne Farbfilter ganz hübsch.

Übrigens: Auch ohne Farbfilter ganz hübsch.

Leipzig ist nie eifersüchtig oder besitzergreifend. Eigenschaften, die mir zuwider sind. Wenn ich einmal weg bin (was immer wieder passiert), komme ich zurück und erlebe kein Donnerwetter, keine Vorwürfe. Gut, es gibt auch kein „Schön, dass Du wieder da bist“ – aber das Fernbleiben von Vorwürfen ist viel. Leipzig setzt mich nie unter Druck, will unbedingt Zeit verbringen oder meine Meinung zu etwas hören. In vielen Bereichen ist es die ideale Beziehung.

Und nun wollen die Stadt und ich etwas allein sein. Die Sonnenstrahlen genießen, die den letzten Schnee schmelzen lassen. Vielleicht halten wir auch kurz Händchen. Nach zwei Jahren darf man sich auch mal glücklich verliebt gemeinsam zeigen.

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5 Kommentare zu “Beziehungsstatus: ziemlich verliebt

  1. Herzlichen Glückwunsch! Es hört sich immer noch sooo neugierig machend auf Leipzig an. Bleiben Sie bitte da, ich lese gern von Ihnen und von Leipzig!

    Ich war selbst nur einmal einen Tag Anfang der Neunziger dort und denke mir, dass sich seitdem eine Menge getan hat! Gewiss. Sie berichteten mehrfach. (auch vom Mückensee oder Mückenschloss, nicht wahr?)

    • Und Sie kommen mich besuchen, meine Liebste. Wir sprachen zu lange nicht mehr miteinander.

      • Ja, das stimmt, wir sprachen zu lange nicht mehr miteinander, aber es sind viele nichtöffentliche Dinge gerade zugange. Sie ahnen ungefähr, welche.

        Da ich ja mehr Tagesfreizeit als sonst je habe, besuche ich Sie gerne einmal. Sie sind mir ebenso herzlich jederzeit – wieder – willkommen! (Sind Sie mal wieder in Berlin, by the way?)

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