Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Meine Pizza Speciale

5 Kommentare

Noch ohne Geschwister.

Noch ohne Geschwister – aber nicht mehr lange.

Es ist Ostern und das bedeutet für die meisten: ein Familienbesuch reiht sich an den nächsten. Unfassbare Mengen an Kartoffelsalat, Würstchen aus dem Glas, Sahnetorten, als müsse man für eine drohende – und bei einem Blick nach draußen sehr wahrscheinliche – Eiszeit vorsorgen.

Die Häufung all dieser Besuche und Anrufe gibt es nur zweimal im Jahr: Weihnachten und Ostern. Nun, und hin und wieder zu runden Geburtstagen, die man aber auch einfach verschweigen könnte. Ich kann das natürlich sagen: meine nächste geburtstagliche Rundung dauert noch etwas mehr acht Jahre.

Ebenso leicht kann ich nun darauf hinweisen, dass mich all diese „Orrrh, schon wieder Familiebesuch“-Posts und Tweets traurig machen. Weil meine Familie 500 Kilometer von mir weg ist und ich nicht mit all der Sippschaft in einem zu engen Wohnzimmer bei Kindergeschrei, schnapsgetränkter Torte und viel zu starkem Tee sitzen muss.

Rumpeliger Einstieg für Folgendes:

Ich habe eine ziemlich coole Familie. Nun, nicht alle Mitglieder sind cool. Einige sind so, dass ich den Kontakt im Minimum halte. Das sind Teile, mit denen muss ich nicht drei Sekunden in einem Wohnzimmer verbringen. Ich tue es nicht.

Mit einem Teil meiner Familie bin ich nicht einmal blutsverwandt. Mit meiner Schwester beispielsweise – ich bin Mitglied einer Patchworkfamilie; so nennen das Pädagogen und Soziologen wohl. Ich finde Patchworkdecken in rund 98,6 Prozent der Fälle nicht so hübsch, deshalb würde ich eher sagen, dass wir eine Pizza Speciale sind. Nichts, was auf einer Karte steht, mit Zutaten, die man in der Kombination erwarten würde, weil es einfach kein Rezept gibt. Und deswegen gab es zu Beginn eben auch Streitereien und Becher, die durch die Gegend flogen. Weil man sich erst noch finden musste. Seinen Platz auf diesem riesigen Teigbatzen. Eine Patchworkdecke wird zusammengenäht und einer bestimmt, wie die Flicken aneinander liegen werden.

Aber ich will hier ja gar nicht gesellschaftskritisch werden. Das überlasse ich lieber all denen, die sich die Veränderung der Welt auf ihre imaginären Fahnen geschrieben haben, damit sie immer nach oben und nicht in ihr eigenes Antlitz sehen müssen.

Ich bin ein großer Fan meiner Familie. Nicht – wie oben schon geschrieben – von allen. Das ist auch nicht möglich. Ich kann nicht alle lieben. Mein Herz ist zwar schon einen Ticken zu groß, dann aber doch nicht riesig genug. Nun, diesen Teilen geht man aus dem Weg – und wisse dennoch: Familie besteht nicht aus Familienfesten.

Das ist ungefähr so, als würde man seine Beziehung nur anhand besonders schlechter Tage bewerten.

Ich mache kein Geheimnis daraus: Ich liebe meine Geschwister. Ich würde jedem sehr weh tun, der ihnen weh tut. Dem Ex-Freund meiner Schwester habe ich ewigen Hass geschworen und ich hege durchaus Rachegedanken. Allerdings weiß ich auch, dass ich einem Hobbyboxer nicht gewachsen bin. Da ich weiß, dass Sprache nicht seine Stärke ist, würde ich ihn vermutlich in Grund und Boden reden. Ich kann das! Sogar bei Menschen, die ich eigentlich mag.

Nein, man muss mit seiner Familie nicht einer Meinung sein. Ich bin sogar ziemlich häufig anderer Meinung. Hin und wieder halte ich damit hinter dem Berg, hin und wieder – meistens – nicht. Sicherlich heißen meine Geschwister, meine Mutter, mein Stiefvater nicht alle meiner Entscheidungen gut. Vermutlich nicht einmal die Hälfte. Meine Brüder sind ob meiner Männerauswahl immer wieder schockiert, kritisieren die Wahl meiner Männer und glauben, ich hätte schon vor Jahren den Mann mit dem biblischen Zwischennamen ehelichene sollen. Und mein Stiefvater kann die immer mal wieder entstehende Fachwort-Explosion nicht so sehr gut leiden. In der Familie wird dann die „Abitur-Karte“ gezogen und alle lachen. Der eine Bruder kann meine Witze über Vegetarier nicht so gut ab und mit dem anderen trieb ich einst mit flachstem Humor seine damalige Freundin in den Wahn.

Und früher, da bewarfen wir uns mit Dingen, bissen uns (mein Bruder eskalierte einst, weil er meine Barbie zum Spielen haben wollte), traten Türen ein und kreischten hysterisch durch das Baugebiet in der ostfriesischen Einöde. Mein Bruder erzählte mir, es würde eine Bestimmung von LEGO geben, nach der ich erst damit spielen dürfe, wenn ein Experte dies erlaubt habe. Zufälligerweise sei er einer dieser Experten, ich müsse nur innerhalb einer Stunde dies und das bauen und beweisen, dass ich würdig sei.

Bis heute streiten wir darüber, ob das Drehen am Rad der Zementmischmaschine ein trauriger Unfall war oder ob mein Bruder – drei Jahre alt – vielleicht doch einen Anschlag auf mich verübte (Ich verletzte mich schwer, riss mir meinen halben kleinen Finger ab und trug mehrere Wochen einen Gips, der gefühlt größer als mein Kopf war – ich muss nicht erwähnen, dass ich damit im Kindergarten die Coolste war).

Ich erzähle meiner kleinen Schwester, wie ich sie als ganz kleines Mädchen kennenlernte, im Einkaufswagen ihres Vaters – nun der Verlobte meiner Mutter. Damals war meine Mutter noch anderweitig vergeben, er auch – und niemand ahnte, dass das Mädchen mit den beneidenswerten Locken und den Zahnlücken und die Aushilfsverkäuferin mit den schwarzen und schon recht verfilzten Haaren einmal „Schwester“ zueinander sagen würden.

Das war mein Wort zum Ostersonntag. Meckert nicht, sondern denkt an die Menschen, die – wenn ihr zu seltenen Besuchen kommt – den Kühlschrank mit all den Dingen füllen, die ihr am meisten liebt. Grießpudding. Teurem Käse. Bier. Vodka. Und Unmengen an Mettwürsten.

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5 Kommentare zu “Meine Pizza Speciale

  1. 🙂
    Und ich bin auch bei meiner Sippe. Anstrengend und schön.

  2. Schön gesagt. 🙂 Frohe Ostern Dir!

  3. Wie Stefan meinte: Man sagt halt häufig nur das Negative und erwähnt nicht das Gute. Ich will es heute anders machen, also:
    Danke für diesen schönen Text, Ulle!

  4. Wunderbarer Text. Schade, dass er so schnell gelesen ist. Echt Klasse geschrieben. Ich hätte Seitenweise weiterlesen können.

    Grüße aus dem Saarland
    Herr Martin

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