Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Mein letztes Geheimnis

4 Kommentare

Hamburg. Der Ort, an dem ich mein Keksrezept vergab.

Hamburg. Der Ort, an dem ich mein Keksrezept vergab.

Ich war am Wochenende in Hamburg. Es war – kaum anders zu erwarten – wundervoll. 26 Stunden verbrachte ich dort, sah einem neuen Menschen tief in die Augen, gähnte am Morgen mit einem Dreijährigen um die Wette, lief mit der Hamburger Freundin bei Sonnenschein am Wasser entlang, feierte Geburtstag mit wundervollen Menschen, umarmte den Hamburger Freund zweimal fest und lange, ließ mir durch das Haar streicheln und grinste dem Geburtstagskind verschwiegen zu. Nun, das reicht als Inhatsangabe – es soll nämlich um mein Keksrezept gehen.

Das Geburtstagskind wünschte sich nämlich Kekse. Genauer: Cookies. Offensichtlich war dem Backwerk ein Ruf vorausgeeilt, der einige Markenberater wohl ganz neidisch machen würde.

In der vergangenen Woche buk ich also meine Cookies, verpackte sie und fuhr damit nach Hamburg. Am Sonntagmorgen, einige wenige Stunden nach den Feierlichkeiten, fragte man mich bereits nach dem Rezept. Offensichtlich war der Ruf gerechtfertigt.

Als ich dann aber heute drei Menschen das versprochene Rezept geschickt hatte, fühlte ich mich plötzlich ganz leer. Immerhin habe ich das Rezept selber entwickelt, mich am Karamell verbrannt, verschiedene Zuckermengen und Aromen ausprobiert, um den ulletimativen Keks zu erschaffen.

Ich fühlte mich, als sei nun alles über mich gesagt. Mein letztes Geheimnis an die Öffentlichkeit gelangt. Als sei ich ab nun uninteressant für die Menschheit, eine wandelnde leere Brotdose. Und das mit 31 Jahren, in der Blüte meines noch so jungen Lebens, wo der Saft des Lebens – das Wasser – in der Vase zwar schon modrig wird, Pantoffeltierchen sich tummeln, aber die Blüte noch wacker weiter blüht.

Ich hatte immer gehofft, meine letzte halbwegs interessante Geschichte mit 49 Jahren erzählt zu haben, um mich dann ganz ihm Ruhm alter Eskapaden zu sonnen. Ich hätte mich häufig und gern zurückgelehnt, mir durch mein leicht angegrautes Haar gestrichen und Dinge gesagt wie „Damals, als ich noch eine strahlende Blüte war“ oder „Früher, als ich geheimnisvoll durch Leipzigs Straßen flanierte“.

Der Mensch an sich ist ja gern geheimnisvoll. Die – furchtbare – Phrase man könne in Jemandem lesen „wie in einem Buch“ ist nicht nett gemeint. Pokergesichter sind in – aber das habe ich ja auch nicht. Es war also nur eine Frage der Zeit, in der ich ausgelesen sein würde. Dass ich ein Pixi-Buch sei, das ahnte ich nie.

Es ist ein Makel, mit dem ich leben muss. Während alle anderen Menschen verführerisch mit den Wimpern klimpern können, dabei im Subtext frivole Dinge versprechen, bin ich nur noch die, die für alle erkennbar ist. Als sei ich nackt, im Licht unbarmherziger Scheinwerfer, die jede Delle meines Körpers ausleuchten wie auf einer Großrazzia. Fortan wird es egal sein, was ich trage. „Weniger ist mehr“ gilt nicht mehr für mich. Weil ich nur noch ein durchgelesenes Buch in einem Regal bin. Ein Albtraum.

Wer hätte gedacht, dass mein letztes Geheimnis ein Keksrezept ist? Ich hatte gehofft, es sei etwas Spektakuläres. Wie die beständige aber niemals an das Licht der Öffentlichkeit gedrungene Arbeit an meiner Autobiographie. Die unerfüllte Liebe zu einem Mann, der mich im Gegenzug auch heimlich liebt, es aber aus atemberaubend melodramatischen Gründen nicht zugeben kann. Oder etwas Banales: das Mittel, mit dem mich beinahe jeder Mann rumkriegt (außer Jammerlappen; die kriegen mich nie mehr).

Nun. Ich werde lernen, damit zu leben. Ich werde mich in die Einsamkeit meiner Wohnung zurückziehen, vielleicht ein meditatives Leben führen, die Geheimnisse anderer ausloten – wie Jean-Baptiste Grenouille aus Das Parfum, der selber nicht roch, andere dafür umso besser. Ich werde wie ein Trüffelschwein schnuppernd durch die Gegend ziehen, die Geheimnisse anderer wittern, unglücklich Liebende zueinander bringen.

In der Nachbetrachtung war es also vielleicht gar nicht so schlecht, mein Cookies-Rezept zu verraten. Neue Karrieremöglichkeiten tun sich auf, umgeben von Einsamkeit. Denn ohne Geheimnisse laufe ich außerhalb der Gesellschaft, kann Dinge sehen, die andere nicht sehen.

Oder ich backe einfach weiter Kekse und denke darüber nach, wem ich noch nicht erzählt habe, dass ich einst weinend My Heart Will Go On von Celine Dion sang. Das könnte als Geheimnis durchgehen.

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4 Kommentare zu “Mein letztes Geheimnis

  1. Ich fühle mich geehrt, dieses „süße Geheimnis“ mit Dir teilen zu dürfen!

  2. Ich denke das Keksebacken ist Deine Bestimmung und wird Dir all die Türchen zu den verborgenen Schätzen des Lebens öffnen, die Du Dir so sehnlichst wünschst. Ich kann jetzt schon sagen, dass sich die meisten davon in Berlin befinden 😉

  3. Wenn ich mich recht erinnere, wird es gegen Ende von Das Parfum nochmal recht… interessant.

  4. „wo der Saft des Lebens – das Wasser – in der Vase zwar schon modrig wird, Pantoffeltierchen sich tummeln, aber die Blüte noch wacker weiter blüht.“ – Danke, jetzt freue ich mich darauf, irgendwann 31 zu werden 😉
    Ach so, und wie werde ich die Lust auf Kekse jetzt wieder los?

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