Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Forelle

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Leipzig.

Leipzig.

Der Mensch an sich ist ein selektierender Sehender. Fußballspieler sehen das Tor nicht, obwohl sie genau davor stehen. Autofahrer die Radfahrer nicht und Radfahrer nur die vandalisierenden Autofahrer mit Hut. Einige Menschen sehen nur das Schöne in anderen, aber nie in sich. Vegetarier sehen nur die Currywurst in meiner Hand, aber nicht ihre Lederschuhe vom Straßenmarkt aus dem eben erst vergangenen Türkeiurlaub. Die Liste könnte beliebig weitergeführt werden, aber ich möchte nicht ermüden.

Vor einiger Zeit saß ich mit einem jungen Mann zusammen – wobei ich mir nicht sicher bin, ob man unserem Alter wirklich von „jung“ spricht. Und ob man das möchte. Sagt zu mir jemand „junge Dame“, dann ist mir schnell klar, dass ich nicht ernst genommen werde. Ich werde häufiger nicht ernst genommen. Aber ich arbeite dran.

Wir saßen da also. Vor uns Tee und Kaffee, draußen schneite es, wie es es in Leipzig seit viel zu langer Zeit schon tut. Und der Mann sprach und sprach über all die tollen Frauen, die er so kannte. Die eine war so witzig, die andere auch. Mit der einen konnte man so gut trinken gehen, mit der anderen am Kickertisch die WM nachspielen. Er redete und redete, sprach und sprach.

Ich sagte „Ja“ und „interessant“ und dachte: „Wow, es ist ein Wunder, dass Du Deine Zeit mir verbringst, obwohl Du doch offensichtlich so viele andere viel tollere Frauen kennst.“ Es kam mir der Gedanke: Ich durfte gerade nur neben ihm sitzen, weil all die Superlative gerade keine Zeit hatten. Vermutlich waren sie damit beschäftigt, unfassbar klug und witzig zu sein, ihren Kicker-Schwungarm zu trainieren und die Leber auf Bier und Schnaps vorzubereiten.

Nun, ich gebe zu: Ich war zu dem Zeitpunkt auf Selbstmitleid. Eine gemeine Droge, deren Entzug nur mit eisernem Willen und guten Freunden zu meistern ist. Und mit Kartoffeln mit Buttersauce und grobem Meersalz.

Selbstmitleidig saß ich also dort und stellte mir marternde Fragen und wartete darauf, dass ein Satz kam wie „Es ist so schön, mit Dir hier zu sein“ oder „Ich mag es, dass man mit Dir reden kann“. Er kam nicht. Wir waren schon bei der nächsten Frau, die so gut zuhören konnte und dabei so verständnisvoll guckte. Im Schein des glänzenden Tischplatte überprüfte ich aufmerksam meine Mimik.

Nein, ich möchte nicht jeden Tag hören, wie toll ich bin. Mir ist das nur unangenehm. Meine Wangen werden dann ganz rötlich schimmernd und ich weiß gar nicht, was ich antworten soll. Und ob man darauf überhaupt antwortet – zudem kenne ich die ganze Palette meiner Schwächen.

Aber wenn man dort so sitzt und die Perfektion anderer Menschen auf einen einprasselt, dann erscheinen schon einige Fragen im auf voller Auslastung arbeitenden Gehirn. Weiß er mich nicht zu schätzen? Sind die anderen wirklich so toll oder haben wir hier einen typischen Fall der nicht-existenten Spanierin – meint: Will er sich nur interessanter machen? Und gar nicht einmal auf sexueller Ebene – sondern rein freundschaftlich.

Ich erörtere das Thema mit anderen Menschen. Vor allem mit Frauen natürlich. Wir waren uns schnell einig, dass a.) Männer tolle Frauen für gewöhnlich nicht einmal erkennen, wenn sie eine Salami-Pizza in der Hand halten würden, und b.) dass dieses „Ich kenne so viele unfassbar coole und tolle Menschen“ eine Art ist, sich selber interessanter zu machen – ja, eine Möglichkeit, etwas von dem Glanz der Kickerkunst abzubekommen.

Der Beginn eines Teufelskreises. Selbst ich als recht gefestigte Person, die sich rund 83,7 Prozent der Zeit durchaus genug ist, verfällt in Anwesenheit einer Person, die andere extrem überhöht, in eine selbstmitleidige Schockstarre. Weil man in dieser Schockstarre ist, wird die andere Person natürlich auch keinen Grund finden, etwas Positives an einem zu finden. Wer mag schon eine Forelle, die schockgefrostet vor einem liegt? Niemand. Da ist kein Glanz, der abfärbt – nur stumpfer Gefrierbrand.

An diesem Kreis sind natürlich beide schuld. Der Emporjubelnde, weil er offensichtlich nicht sieht, was für eine nette, aber gerade verschreckte, Person eigentlich vor ihm sitzt. Und die Forelle, weil sie nicht widerspricht oder sagt, dass all die unbekannten Personen mit ihren Softskills und Hardfacts gar nicht interessieren. Dazu kommen natürlich noch die das Setting einrahmendene Bedingungen wie Wetter, Geschmack des Kaffees, Zuckerspiegel, Temperatur der Füße – solche Dinge eben.

Zumal: Meist trifft man sich ja aus dem Grund, weil man über sich spricht. Nicht über das Verhältnis, sondern über das, was man gemacht und getan hat, was wichtig war und was unwichtig wurde. Ich bin mir nicht sicher, ob der Kickerarm einer mir nicht bekannten Person das ist, womit ich mich in meiner – doch auch raren – Freizeit beschäftigen möchte. Vor allem dann, wenn noch nicht einmal die Frage nach dem eigenen Wohlbefinden aufkam.

Was ich meine: Etwas mehr Interesse an den Menschen, mit denen man gerade seine Zeit verbringt, ist und wäre nicht schlecht. Ansonsten ist es ja auch egal, wem man die Heldengeschichten all der anderen erzählt. Zur Not hört sicherlich auch die Tischplatte zu – in der sich keine Mimik mehr spiegelt. Die Forelle hat sich zum Auftauen nämlich schon ins warme Schaumbad fallen lassen.

(Dies ist Blogartikel 800. Ich habe mich selber sprachlos gemacht)

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