Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Gebt mir den großen Löffel!

7 Kommentare

Ein großer Löffel. Und mittendrin: ich.

Ein großer Löffel. Und mittendrin: ich.

Vor einiger Zeit sprach ich mit einer Freundin über Cupcakes. Ich mag keine Cupcakes. Sie sind mir zu süß und zu klein und dieses bunte Zeug oben drauf, will mein Entzücken nicht so recht finden. Aber ich bin auch nicht repräsentativ. Mir ist diese „klein und süß ist voll toll“-Sache irgendwie unverständlich.

Obwohl ich aus dem Landstrich des Diminutiv komme, finde ich beinahe alles in dieser Form grenzwertig. Wobei es die Grenze häufig überschreitet. So wie manche Menschen eben. Diminutiv – damit ich hier auch einem gewissen Bildungsanspruch nachkomme – ist die Verkleinerungsform eines Substantivs. Ihr versteht: Aus Schatz wird Schätzchen (und irgendwie die nervige Ehefrau), aus Tee wird Teechen (und irgendwann Weißweinschorle).

Prinzipiell habe ich nichts gegen kleine Sachen. Aber all diese Cupcakes und Mini-Kuchen… Warum möchte denn keiner mehr die großen Sachen haben? Ich will kein Mini-Küchlein (MiniMini also!), ich will das große Stück. Ich will, dass mir der Zucker den Magen verklebt, bis ich ächzend und überglücklich auf dem Sofa zusammenbreche. Was bringt mir ein Küchlein, wenn ich danach doch nur gierig nach dem nächsten Küchlein greife und nie richtig satt werde?

Es ist ein ähnliches Phänomen wie mit den Musikvideos der 1980er und 1990er Jahren. Alles wird nur noch in der schmalen Version gemacht. Kein Slash in der Wüste, dafür ein 15-Jähriger, der über das Leben sinnierend in die Kamera sieht und dabei einige Alligatorentränen weint. Kein großes Stück Kuchen mehr, sondern ein Mini-Küchlein.

Wie schade und traurig es doch ist, dass wir von der „Ich esse das Leben mit dem großen Löffel“-Mentalität (Grüße nach Berlin!) weg sind und immer nur HäppCHEN nehmen. Keinen großen Happen mehr, immer nur vorsichtig und nicht mit vollem Einsatz.

Ich will mich doch dem großen Kuchen stellen! Ich will nach der Hälfte denken: „Puh, doch ganz schön viel“, aber mir danach lächelnd den letzten Kuchenkrümel aus dem Mundwinkel wischen.

Mit dem Leipziger Freund sprach ich über das Thema. Er gab zu Bedenken, dass man bei großem Kuchen schnell als gierig gelte. „Wenn Du einen kleinen Kichen isst, dann bist Du bescheiden und kannst Dir danach noch ein Mini-Küchlein nehmen“. Wohlgemerkt: Preislich machen Mini-Küchlein und Kuchen nun nicht so den Unterschied.

Ich bin mir nicht sicher, warum Bescheidenheit als eine der obersten Tugenden gefeiert wird. Oma sagte schließlich: „Bescheidenheit ist eine Zier, besser lebt es sich ohne ihr.“ Und wenn mich schon Nagellack und Wimperntusche zieren – warum dann noch Bescheidenheit, wenn sie mich doch daran hindert, das große Stück Kirsch-Sahne-mit-extra-Schokoschicht zu essen?

Und verlassen wir doch einmal den Nahrungssektor. Wer will schon ein Schätzchen sein, bestehend aus vielleicht drei Goldmünzen, wenn er ein riesiger Schatz sein kann? (Ich möchte beides nicht sein, aber wie wir schon feststellten: Ich bin nicht repräsentativ.) Wer ein Häschen, wenn er als Kampfhase durch die Welt ziehen kann? Wer ein Liebchen, wenn er die große Liebe sein kann?

Nur bei zwei Dingen, ist das Mini erlaubt. Beim Glück (denn das setzt sich bekanntermaßen aus vielen kleinen Glücks zusammen) und bei den Mini-Röcken. Denn was wären wir, ohne das Zubbeln, damit der Hintern nicht zu sehr raushängt? Ohne das Wissen, dass der Rock vielleicht fahrlässig kurz, dafür aber auch alle positiven Seiten betonend ist? Exakt: Nicht so viel.

Schuld an all dem Elend sind doch nur die FastFoodKetten, die mit ihren völlig verrückten Riesenportionen dafür sorgten, dass irgendwelche Menschen eine Gegenbewegung ins Leben riefen, um sich von denen abzusetzen, die im Duft der Fritteuse ihren Liter Fanta als Soße zu den Pommes nutzen. Das Ende: Wir essen Mini-Küchlein vorsichtig von kleinen Tellern und trauen uns nicht mehr zu rufen, dass wir alles wollen – und zwar sofort.

Ich will nicht irgendwelche Vorschuss-Lorbeeren, ich will den Braten mit Lorbeeren. Ich will nicht verstohlen kichern, ich will laut lachen. Ich will nicht in 40 Jahren Zeit haben, ich will die Dinge jetzt – wer weiß, was später ist? Vielleicht sind schon in 30 Minuten keine Mini-Küchlein mit SchokoladenMohn-Topping mehr da. Und dann? Ich werde frustriert in der Ecke sitzen und mich grämen, dass das Küchlein vielleicht ein leckerer Teaser war – aber nun nichts mehr da ist, kein Krümel. Und wer kann das bitte wollen?

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7 Kommentare zu “Gebt mir den großen Löffel!

  1. Einer hat was davon – der Küchlein-Verkäufer.

    Aus der Perspektive des Kuchenessers kann ich dem Mini-Wahn auch nichts abgewinnen. Aber so seh ich ohnehin aus, so klinge ich und so war ich schon immer. Das Leben in großen Schlucken trinken … öhm … seltsames Bild …, bzw. in großen Stücken zu sich nehmen! Jawohl!

  2. Huch, habe ich da eine Formatierung im Random-Modus mit den Pünktchen erwischt?

  3. Am Ende willst du sogar eine richtige Pause machen und nicht nur ein Päuschen? Um mal den Kopf frei zu bekommen, weil du nicht nur Problemchen sondern vor riesigen Problemen stehst? Darauf ein Prösterch… äh.. Prost!

  4. Ich persönlich mag die Minikuchensachen, die es so gibt, vom Muffin über den Cupcake (wenn auch mehr vom Optischen her, geschmacklich sind sie meist zu süß für meinen Geschmack) bis hin zum Donut und meinen geliebten Minirührkuchen. Vielleicht haben die meinen inneren Wunsch nach mehr kleinen Sachen für kleine Menschen befriedigt? Vielleicht erfüllt sich mit 20 Jahren Verzögerung mein Wunsch nach ganz kleinen süßen Kuchen zum Kaffeeklatsch mit Kindergartenfreundinnen und Puppen? 😉 Irgendwas mädchen-eskes wirds schon sein.

  5. Das Lied das dazu passt, kommt von Miss Platnum und heißt „Give me the food“ … „if you love me“.

  6. Na, das ist doch mal eine ehrliche Ansage und ich glaube, wenn einige von uns in sich hineinhorchen würden, würden sie feststellen, dass es ihnen ähnlich geht und sie eigentlich das Leben mit Suppenkellen löffeln wollen, aber sich nicht trauen 🙂
    glg Lydia

  7. Absolut wunderbar und richtig, vielen Dank!

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