Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Blog-Status: Etwas Pathos zum Sonntag

4 Kommentare

Was sagen Kronleuchter und Mosaikfenster schon über die dort weilenden Menschen aus?

Was sagen Kronleuchter und Mosaikfenster schon über die dort weilenden Menschen aus?

Hin und wieder mag ich die Welt gar nicht. Dann entschwindet mein fest installierter Eskapismus, ich sehe missmutig aus dem Fenster und hege einen ungemeinen Groll gegen die Luft, die mich umgibt, die Menschen, die den Gehweg an meinem Fenster vorbeigehen, und das Verhalten einiger. Ich bin dann keine angenehme Gesellschaft, meine Lippen fest aufeinandergepresst und zickig-trotzig dasitzend. Zurzeit ist es wieder so weit. Es grollt tief in mir.

Es gibt viele Dinge, die ich nicht mag. Der geneigte Leser kennt diese, ich spare mir eine Wiederholung.

Es gibt aber auch Dinge, die ich nicht nur nicht mag, die mich zusätzlich auch traurig und an der Welt zweifelnd machen. Statusdenken gehört dazu. Ich schrieb schon einmal über das unerträgliche Statusdenken meiner Berufskollegen – der Teil: hier.

Hier soll es um das allgemeine Statusdenken gehen. Um all die Status (im Plural), mit denen wir uns so umgeben. Meldet man sich in einem Sozialen Netzwerk an, müssen wir so viele Status von uns preisgeben, dass einem ganz schwindelig von so vielen Daten werden kann. Beziehungstechnischer Status, beruflicher Status, Alter-Status und der „Wie geht es Dir heute so, Ulrike“-Status.

Es gibt Menschen, für die ist all das wichtig. Sie kaufen sich Accessoires, die ihren Stand, den Status, unterstreichen. Kreative Menschen brauchen eine große Brille, „wichtige“ Menschen eine Ledermappe mit ihrem Namen drauf, denkende Menschen einen Notizblock, digitale Menschen ein schickes Smartphone. Sie hängen sich so sehr daran auf, rennen so dahinter her, sich zu präsentieren, dass von der wirklichen Persönlichkeit nicht mehr viel übrig bleibt.

Nun ist es aber auch so, dass sich Menschen zu etwas machen – aber auch von anderen dazu gemacht werden.

Im Fernsehen sind es die Menschen in den RTL-Sendungen, die sich selber als ranzig darstellen, unser Bild von dieser Gruppe prägen und dann von den Fernsehsendern zu denen gemacht werden, auf die man hinabsehen kann, weil wir uns über sie erheben können – und sei es nur, weil sie den Unterschied zwischen Dativ und Genitiv nicht kennen. Das „Ihr seht auf uns hinab!“ ist dann nur der Soundtrack zum Teufelskreis.

Bei Twitter sind es die mit den vielen Followern, die sich zur Elite machen, indem sie sich selber immer wieder feiern lassen, und von denen mit weniger Anhängern auf ein instabiles und temporär äußerst begrenztes Podest gehoben werden. Da fängt keiner an und hört keiner auf – es ist ein 140-Zeichen-Perpetuum-Mobile.

Und dann gibt es noch B- bis Z-Promis, Stars und erlöschende Sternchen, Internet-Gurus, Experten und dutzende neue Ronaldos.

Und immer wieder muss darauf hingewiesen werden, was wir sind. Plätze in der Gesellschaft müssen gut verteidigt werden. Das geschieht durch obige Accessoires oder durch den Zusatz am Namensschild – eine Eigenart, die vor allem Akademiker für sich beanspruchen. Wer schon einmal seine Daten im Internet eingegeben hat, der weiß um das kleine Feld, mit dem man seinen akademischen Grad einstellen kann. Noch nie aber sah ich die Möglichkeit, den Klempnermeister oder Tischlermeister einzutragen.

Nun mögen einige sagen: „Nun, für meinen Dr. habe ich lange gearbeitet“ – das sehe ich ein. Ich schätze das sehr. Ich empfinde es als beeindruckend. Wirklich. Aber ebenso beeindruckend finde ich meinen Stiefvater, seines Zeichens Meister im Heizungs- und Sanitärbereich. Ausbildung, Fortbildungen, praktische Erfahrung über Jahre hinweg, die Meisterschule neben einer mindestens 40-Stunden-Woche und dann noch Meisterstück und Prüfungen. Wieso darf er dann im Adressformular nicht anklicken, dass vor seinem Namen im Brief ein „Meister“ steht?

Dabei fehlt noch der Aspekt, das all das nichts über einen Menschen aussagt. Status hin, Status her. Was sagt ein iPhone 5 über unsere Persönlichkeit aus? Was ein schnelles Auto, ein langer schwarzer Mantel, eine große Brille, ein Titel vor dem Namen? Gar nichts. Rein gar nichts.

Als ich im Blaumann auf einer Werft im Stahl- und Holzstaub arbeitete, da waren die Blicke auf mich – frisch von der Uni und orientierungslos einen Berufsbereich für den Rest des Lebens suchend – kritisch. Akademiker und Nicht-Akademiker sind sich aus mir unverständlichen Gründen immer etwas suspekt. Leider. Aber als ich dann mit anpackte, zotigen Witzen über meine Brüste im Blaumann mit Koketterie und FSK-18-Zoten entgegnete, war alles gut.

Ein beruflicher Status, eine Ausbildung, ein schickes Auto, viele Freunde bei Facebook oder Follower bei Twitter, eine Aktentasche, ein klimperndes teures Armband, eine schwere Visitenkarte – es sagt nichts darüber aus, ob diese Person nett und loyal ist, ob sie für ihre Freunde da ist, wenn sie benötigt werden, ob sie auch einmal auf einen Witz verzichtet, um eine nahestehende Person nicht zu verletzen. Ob sie des Nächtens mit einem heulenden Haufen Elend um die Häuser zieht und die verschwundene Katze sucht. Ob sie stundenlang mit einem telefoniert und redet, weil man nicht allein sein kann. Ob bei einem Besuch bei dieser Person als Überraschung das Lieblingsessen auf dem Topf kocht. Ob zum Geburtstag Hunderte Kilometer zurückgelegt werden, um das Geburtstagskind vor Glück weinend zu sehen.

Und trotzdem leben wir in einer Welt, in der sich alles nur um Status dreht. Dabei ist doch offensichtlich, dass Titel gekauft werden können. Schwarzweiß-Bilder in Denkerpose keinen Denker oder Kreativen machen und Ruhm gerade im Internet eine vergängliche Größe ist. Warum also halten wir uns so daran fest und vergessen, dass es unser Charakter ist, der uns auszeichnet und der nur schlecht in Statuskategorien zu verpacken ist?

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4 Kommentare zu “Blog-Status: Etwas Pathos zum Sonntag

  1. Leider fördert unsere Gesellschaft dieses Denken und ich verzweifele regelmäßig daran. Man kann sehr froh sein, wenn man Menschen gefunden hat, die hinter die Fassade sehen. Doch immer sind es zu wenige…

  2. Mir gefällt insbesondere der vorletzte Absatz. Aber ein “Wie geht es Dir heute so, Ulrike”-Status muss erlaubt sein!

  3. Ganz wunderschön geschrieben!

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