Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Rosen! Emotionen! Meat Loaf! Slash!

6 Kommentare

Ein unemotionales Bild - das beruhigt vor dem, was nun kommt.

Ein unemotionales Bild – das beruhigt vor dem, was nun kommt.

Ich neige hin und wieder zu emotionalen Ausbrüchen. Ohnehin bin ich ein sehr emotionaler Mensch. Kontrolliert wie einige Freunde von mir kann ich nicht sein. Ja, ich kann nicht einmal pokerfacen, weil ich beim Lügen rot im Gesicht werde und mich unwohl fühle – wenn ich gute Karten habe, muss ich grinsen, habe ich schlechte Karten, dann sehe ich enttäuscht aus. Es ist ein Graus und kein Wunder, dass ich es nicht geschafft habe, über die Rolle des Verkündigungsengels beim Krippenspiel herauszukommen. Der Verkündigungsengel darf rötlich anlaufen und doof grinsen – immerhin sprach er vom Himmel aus den Sternen zu Menschen auf einer Wiese. Ich denke, ich gab eine sehr getreue Vorstellung des Engels ab.

Aber all meine emotionalen Ausbrüche und melodramatischen Selbstdarstellung einer von Käseleidenschaften getriebenen Frau im sächsischen Regen sind nichts gegen das, was in den 1980er und 1990er in den Musikvideos geschah. Ja, ich möchte beinahe so weit gehen und sagen: Wir sind heute nicht mehr zu so viel Emotionalität fähig wie vor Jahren. Diese Weisheit, und man darf sie diskutieren, überkam die Marla Stromponsky und mich in dieser Woche, als wir völlig verzückt Slash bei einer Art Übung für den knackigen Gitarristenhintern zusahen.

Die Rede ist von – Guns N’Roses mit November Rain.

Das Video ist so tragisch und voller Metaphern von Tod und Sex und Verzweiflung, dass es uns schier den Atem raubte. All die Rosen, die Farbe verloren und neu hinzubekamen, Menschen, die vor Angst in eine Hochzeitstorte sprangen und Slash, um sein Leben spielend in der Wüste, allein, ohne Ziel, und Axl Rose, von Erinnerungen getrieben in seinem viel zu großen Bett – ja, das berührte uns. Ich habe seit einiger Zeit keine Musikvideos mehr gesehen, kann mich aber nicht daran erinnern, solch ein episches Stück in den vergangenen Jahren erblickt zu haben.

Die Länge macht es ja auch bei den Videos. Wie soll man auch in drei Minuten Geschichten von poetischer Schönheit erzählen? Und manchmal auch Geschichten, die kein Mensch je verstehen wird.

Da wäre dann – Bonnie Tyler mit Total Eclipse Of The Heart.

Ich gebe zu: Eines der Lieder, die ich schon des Öfteren in der Nacht, angefüllt mit Martini, auf meinem Sofa zum Besten gab. Was allerdings das Video, eine Mischung aus Sportvideo und Horrorfilm, mit dem Text zu tun hat – diese Erkenntnis muss im Koksrausch des Regisseurs untergegangen sein. Aber es ist ja auch egal! Bonnie Tyler rennt – vielleicht um ihr Leben, vielleicht um ihre Liebe, aber sie rennt! In einem fließenden weißen Kleid, während Menschen mit Funkelaugen in Räumen verharren, KungFu-Kämpfer sich aufwärmen und Türen wie von Geisterhand aufgehen. Das ist Emotion. Welche, das ist in diesem Fall so egal. And I Need You Tonight… Und am nächsten Morgen sieht Bonnie Tyler im schwarzen Anzug ihren garantiert minderjährigen Schüler merkwürdig an.

All das ist für unsere heutigen Musikvideo-Sehgewohnheiten vielleicht zu viel. All die Rätsel, Metaphern, die ein Filmwissenschaftsstudium oder den Genuss einer Pilzpfanne voraussetzen, die brauchen Zeit. Zeit, die wir natürlich nicht mehr haben. Deswegen reicht es, wenn Videos heute die simpelsten aller Regungen ansprechen und ein paar Brüste 1a in Richtung Kamera stehen. Schönheit und so…

Da wäre dann… Meat Loaf mit I´d Do Anything For Love.

Meat Loaf : I’d Do Anything For Love von IRONMADMAN

Und ja, mit Schönheit hat das Video wirklich zu tun. Es sei gesagt: Die Schöne und das Biest ist mein Lieblingsfilm von Disney, die Geschichte macht mich mit meinen beständigen Selbstzweifeln ganz traurig und zugleich hoffnungsvoll. Im Gegensatz zu Bonnie Tyler haben wir hier immerhin eine Geschichte, die ohne das Verlassen dies-sphärischer Bereiche zu verstehen ist. Auch wenn ich mich seit Jahren frage, wieso die Frau in einem weißen Kleid, ein Hochzeitskleid meiner Meinung, zum Baden in einem Wald geht. Und wer all die Kerzen in dem Schloss anzündet und warum Betten fliegen können – meines kann das nicht. Nur wenn ich Alkohol… Lassen wir das, meine Mutter liest mit (Hallo Mama!). Aber, ich wiederhole mich, Emotionen! Vermutlich schämte sich nach TicTacToes Ich find Dich scheiße jeder Musikvideoproducer seines Berufs und wir bekamen deshalb Justin Bieber.

Nun, ein letztes Video, weil es nicht fehlen darf. Obwohl ich natürlich gern auch Bonnie Tylers Hero mit der explodierenden Hütte an der Schlucht gern gezeigt hätte – aber die Gema und so. Ihr kennt das.

Aber nun, das, was nicht fehlen darf, mit Schönheit aber nur bei geschmacklichen Verirrungen etwas zu tun hat. Jon Bon Jovi – Always.

Jon Bon Jovi – Always von ftouhgall

Nun, wer da nicht schmachtend darnieder geht, der hat doch kein Herz?! Wenn die mit Spülung gepflegte Frisur Jon Bon Jovis, während er von der großen Liebe singt, von der Windmaschine zerstört wird, wenn sich seine Stimme erhebt, während das Eifersuchtsdrama beginnt und der untreue Unhold die Frau mit der viel zu hoch gezogenen Hose in sein Bett reißt – ja, dann packen einen doch all die Erinnerungen an furchtbare Männer, gemeine Frauen und gebrochene Herzen! Und wie man davor sitzt, der betrogenen Freundin zuschreien möchte, nur nicht den schmierigen Maler zu sehr an sich heranzulassen und der andere, der Betrüger, voller Leidenschaft und Eifersucht und Wut die in Verzweiflung entstandenen Bilder zerstört – ja, da möchte man selber einmal wieder marodierend und brennend wüten.

Stattdessen koche ich nur Risotto. Die heutigen Musikvideos sind dran schuld.

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6 Kommentare zu “Rosen! Emotionen! Meat Loaf! Slash!

  1. Ich freue mich gerade sehr. Ich bin verliebt. In den Post, in die Videos, in die 80er und 90er. In Bombastik, Gitarren, herzensschwere Metaphorik, ich möchte singen. Ich kann nicht singen. Egal. Große Gefühle. Hach. Danke.

  2. Man fragt sich, wie so viele gute Menschen in einem so schlimmen Jahrzehnt geboren werden konnten ….

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