Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Kapriolen tanzen Walzer

6 Kommentare

Kaprioleskes Wetter: Regen, Sonne, Wolkenjagen, Regen, Sonne, Wolkenschlafen.

Kaprioleskes Wetter: Regen, Sonne, Wolkenjagen, Regen, Sonne, Wolkenschlafen.

Der geneigte Leser weiß, dass dieser Blog in diesem Jahr umziehen wird. Vermutlich. Während ich noch hadernd davor stehe und nicht loslassen kann, treiben mich zwei liebe Menschen voran. „Veränderung ist gut“, sagen sie. „Eine eigene Domain ist doch toll“, sagen sie und basteln an neuem Design und Ideen, während ich nur mit kullerigen Augen daneben sitze und hin und wieder nicke. Ich bin strukturkonservativ. Ich kann nicht anders.

Nun, es ist nicht so, dass ich mich nicht darauf freue. Wenn ich nur endlich einen neuen Namen habe und weiß, was ich will (was ich im Prinzip nie weiß – selbst das heutige Abendessen war eine Entscheidung von epischer Gedankenwälzerei). Als wir dann am vergangenen Wochenende das Archiv all meiner Texte herunterluden – immerhin an die 800 Stück – da fühlte ich mich plötzlich nackt. Nicht das gute Nackt. Das mit Kerzenschein und einer warmen Hand auf dem Rücken. Sondern das böse Nackt. Das in der Umkleidekabine bei H&M, mit dem hellen Licht und dem erschreckenden Erkenntnis, dass man knubbelige Knie hat.

Nun ist es ja nicht so, dass dieses Blog mein Tagebuch ist. Es gibt auch so etwas in der Art, aber das ist dinglich, ich schreibe dort mit Kugelschreiber und kein Mensch wird es je zu Gesicht bekommen. Aber es ist schon so, dass dieser Blog viel über mich verrät. Hin und wieder zu viel, weil meine Schwäche für Pudding und den Eskapismus in aller Ausführlichkeit beschrieben werden. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Kapriolen meines Wesens, die hier noch nie zur Sprache kamen.

Die kennen meine besten Freunde, sind teilweise hier nur angedeutet – und davon auch nur die Erträglichen. Dass ich beispielsweise Joghurt und Eis nur unter Qualen vom Metalllöffel essen kann und deshalb zwei Babybrei-Löffel in praktischer Mitnehmbox einer bekannten PlasteHaushaltswarenmarke besitze – die einen festen Platz in meiner Tasche habe. Dass ich aus diesem Grund sogar hin und wieder Plastiklöffel geschenkt bekomme, weil sie doch so schnell kaputt gehen – erst recht dann, wenn ich erkaltetes Kartoffelpüree damit löffle. Eierlöffel bekommen bei diesem Vorhaben Existenzängste.

Ohnehin ist Essen bei mir ein Fall für Marotten. Ich bekomme Angst, wenn ich keinen Yoghurt zuhause habe. Denn zu warmem Essen mag ich gern etwas Kaltes. Und das ist meist Yoghurt mit Knoblauch, Salz und Kräutern. Zu Beginn dachte ich, das sei schon okee und würde nicht unter die Marotten fallen. Als ich dann aber eines Abends Essen machte und merkte, dass ich nichts Kaltes dazu hatte, ich mich anzog und durch den Regen zum Supermarkt lief – da wusste ich: Es ist weit hin mit mir. Esse ich auswärts, kompensiere ich diese Kapriole mit kaltem Getränk – ich kann kann ja schlecht jemanden bitten, mir Kräuteryoghurt zu Pizza zu machen (Esse ich!).

Ohnehin Pizza. Weil ich keine Tomatensauce mag, esse ich die mit Olivenöl oder Sauce Hollandaise. Wobei ich einräumen muss: Vor einiger Zeit bekam ich eine Pizza mit selbstgemachter Tomatensauce. Sie war gut. (Übrigens trank ich dazu kaltes Mineralwasser.)

Die merkwürdigste Eigenart meiner kapriolesken Persönlichkeit ist aber wohl die Schüchternheit. Mir glaubt das nur niemand, weil ich mir vor Jahrzehnten (ja, das darf ich in meinem poststudentären Alter sagen) abgewöhnte, dies zu zeigen. Mein Leben ist ein „Augen zu und durch“, nur hin und wieder blinkt es auf. Meist dann, wenn ich irgendwo hin muss, wo ich mich weder hinter der Arbeit noch hinter einer Begleitung verstecken kann. Was wäre ich für eine Journalistin, wenn ich nicht auf Termine gehen könnte? Das kann ich und ich mag es. Privat schaffe ich das aber nicht. Privat gerate ich sogar beim Bäcker ins Stottern, wenn ich sagen soll, was ich möchte.

Aber ich empfinde es nicht als schlimm. Ich bin dort forsch und nach vorne, wo ich es sein muss (immerhin musste ich einst Heino vor einer Beerdigung auflaufern – Boulevard, man kennt das). Und ich bin da schüchtern, wo ich es sein darf. Bei Twitter, wo ich beinahe niemandem zuerst folge, sondern darauf hoffe, dass die coolen Menschen auch so auf mich aufmerksam werden. Und auf Partys, wo ich liebevoll mein Glas mit Martini umklammere und mich der Hoffnung hingebe, dass die Oliven nicht auf Holzspießen sind. Ich kann leider nichts essen, was auf Holzspießen ist.

Weiteres Kaprioleskes bleibt verborgen. Nun seid ihr dran.

Und ich muss jetzt Hackbraten machen. Mit Kräuteryoghurt.

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6 Kommentare zu “Die Kapriolen tanzen Walzer

  1. Hast du heute früh die Unterhaltung auf twitter von Katharina (mamakeinezeit), buntraum und mir übers Aufhängen von Wäsche gelesen? Das würde gut hierher passen, falls das auch eine deiner Marotten ist. Wunderschönes Foto übrigens.

    Lieben Gruss, Christine

  2. Keine Eier mit Metallöffel, keine ungerade Gläseranzahl im Regal. Immer eine Ecke vom Butterbrot-/Brötchen abbeißen, bevor der restliche Aufstrich draufkommt. IMMER! Kann Pfeifen und Summen nicht ertragen. Und Fingerknacken auch nicht.
    Veränderungen mag in übrigens auch nicht. Dafür wird mir schnell langweilig. Es ist eine Krux.

  3. Ich bekomme Gänsehaut allein vom Gedanken daran, dass man mir von außen nach innen über die Augenbrauen streicht. Mein Mann hat die gleiche Yoghurtmitmetalllöffelessenphobie wie Du, und unser Dreijähriger heult mit, wenn das Frischgeschlüpfte weint, weil er so mitleidet.
    Diese Aufzählung hat keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, im Gegenteil…

  4. Okay… 😉
    Ich kann es nicht ertragen, wenn Salzwasser auf meiner Haut trocknet, deswegen gehe ich nur im Meer baden, wenn eine Süßwasserdusche in der Nähe ist. Ich esse zwar Dinge von Holzstäbchen, muss aber krampfhaft vermeiden, diese mit der Zunge zu berühren. Das führt dazu, dass mir die Zähne wehtun, wenn ich das Eis damit abkratze. Ich krieg‘ die Krise, wenn mir Wasser unter die Uhr oder in die Ärmel läuft, z.B. weil auf öffentlich Toiletten die Hand-Trocken-Tücher zu hoch hängen. Saft trinke ich nur mit Wasser verdünnt. Ich hasse es, wenn meine Hände nach irgendwas riechen (außer Seife oder Handcreme) oder auch nur winzige Spuren von irgendwas aufweisen, z.B. wenn ich Münzgeld angefasst habe, Chips oder Schokolade gegessen, Zwiebeln geschnitten oder einen Spüllappen angefasst habe.

  5. Ich kann nichts essen, wenn es kein Glas Wasser oder andere Kaltgetränke dazu gibt. Meine Mitmenschen bringt jedoch viel mehr in Rage, dass ich stundenlang in meinem Essen herumstochere, immer auf der Suche nach dem besten Bissen. Erst wenn ich den gefunde habe, geht die Gabel Richtung Mund. Und dann fängt alles von vorne an. Deswegen dauert es auch ziemlich lange, bis ich fertig gegessen habe.
    Und wenn ich dusche, muss der Duschkopf so eingestellt sein, das mir das Wasser ja nicht über den Kopf läuft.

  6. Ich mag keine Krümel auf meinem Frühstücksbrettchen. Also schneide ich Brötchen entweder über der Spüle auf oder fege Krümel auf dem Brettchen erst alle in einer Ecke zusammen, bevor ich essen kann. Außerdem hab ich so was wie einen Anti-Fußfetischismus, ich hasse es, wenn Menschen auch nur die Andeutung machen, meine Füße berühren zu wollen oder mit der Hand in die Nähe meiner Füße kommen. Menschen, die mich kennen und davon wissen, nutzen das gern, um mich zu ärgern, müssen dann aber mit reflexartigen Tritten rechnen. Wirklich problematisch war das Ganze, als ich einen Bänderriss im Sprunggelenk hatte und mir regelmäßig Ärzte und Physiotherapeuten an die Füße wollten…

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