Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der Stein im Käsebrötchen

3 Kommentare

Kein Brot mit Stein, kein Fallen im Schnee, keine saure Milch: war einfacher.

Kein Brot mit Stein, kein Fallen im Schnee, keine saure Milch: war einfacher.

Es gibt Dinge, die – sind sie erst einmal weg – nur schwer wieder zu beschaffen, erhalten, erwerben sind. Der Kofferinhalt aus dem Urlaub beispielsweise, der unter mysteriösen Umständen aus dem Flugzeug verschwand, und in dem nicht nur Kleider, sondern auch Erinnerungen waren. Die Lieblings-Mixtape-CD, die wir zwar rauf unter runter hörten – nun aber, wo sie unauffindbar ist – will nicht mehr einfallen, was Lied Nummer 10 noch einmal war. Das Vertrauen, das wir in etwas hatten, und das eines morgens plötzlich mit dem Geruch der Nacht abgeduscht wurde und sich einfach nicht mehr einstellen will.

Ich habe ja beispielsweise vor Jahren mein Vertrauen in die Brötchen vom Aldi verloren. Es muss so 2006 gewesen sein, als ich an einem Sonnabendmorgen – kurz bevor ich zur nebenjoblichen Arbeit musste – in das Brötchen mit Käse biss. Ein kleiner Stein war eingebacken, der sich fies an meinem Zahn verkantete und so eine Mini-Spitze abbrach, an der ich bis heute ständig herumspiele. Seitdem kann ich leider keine Brötchen mehr von Aldi essen. Ja, nicht einmal mehr Toast kaufe ich da. Dieser Schreck, als ich spürte, wie in meinem Mund etwas geschah, das dort nicht sein sollte, hat es sich tief in meinem Gedächtnis gemütlich gemacht und weist bei jedem Einkauf darauf hin.

Dabei ist es doch so: Wie häufig kommt es vor, dass man in ein Brötchen beißt und dort ein Steinchen steckt? Selten! Vermutlich sogar: Seltenst! Zumal es bald sieben Jahre her ist und die Wahrscheinlichkeit, dass es noch einmal passiert, recht niedrig ist. Der langjährige Leser weiß, dass ich nur bis 12 zählen kann und ich Wahrscheinlichkeitsrechnung für eine Pro und Contra-Liste halte. Rechnen müsst ihr nun also.

Und trotzdem lässt es sich nicht vergessen. Wohl aber, wie viele Brötchen ich in meinem bald 32 Jahre andauernden Leben schon gegessen habe, ohne auch nur einen MiniMiniStein abzubekommen. Das ist wie mit der Milch, die wir einmal in unserem Leben direkt aus der Tüte trinken und die ausgerechnet dann sauer ist. Allein beim Gedanken daran, wird mir schon wieder schlecht und mein Speichelfluss stellt sich auf Unschönes ein.

Das sind Erfahrungen, die einfach nicht weggehen. Das Vertrauen in die Brötchen vom Discounter ist weg, in das „Milch direkt aus der Tüte trinken“ oder sonst etwas. Da reicht es ja schon, dass man mit einem paar Schuhe einmal bei Glatteis ausgerutscht ist. Schon vertraut man weder Schuhen noch sich noch den Streudiensten. Anstatt an all die Winter zu denken, die man nicht zappelnd in der Hecke der Nachbarn verbrachte.

Aber wie soll man das Vertrauen auch wieder finden? Dazu muss aller Mut zusammengenommen und gesagt werden: „Ich wage es noch einmal.“ Ich sage es gleich: Ich bin nicht besonders mutig. Ich suche mir lieber eine Alternative und umgehe die vertrauenslosen Gebiete dieser Welt weitestgehend. Ich kaufe mein Brot beim Bäcker – was zwar teurer aber auch besser ist. Milch kaufe ich am liebsten in der Glasflasche, weil ich da sehe, was ich trinke. Und meine schwarzen Schuhe ziehe ich bei Glatteis nicht mehr und wechsle an der Stelle, an der ich fiel, einfach die Straßenseite.

Problematisch wäre es natürlich, wenn ich das Brot vom Aldi am liebsten essen würde. Zum Glück ist das nicht so. Und Milchdurst habe ich nie so stark, dass ich die Kühlschranktür aufreiße und die – von vielen Menschen beim Transport betatschte – Verpackung an meine trockenen Lippen setze. Andere Schuhe besitze ich auch und habe auch mehrere Möglichkeiten, den Weg zur Arbeit zu bestreiten.

Schlimm endete es, wenn es plötzlich keine Gelegenheit mehr geben würde, den Dingen auszuweichen. Wenn die Straßen gesperrt sind und alle meine Schuhe vom Kater angeknabbert wurden. Mein Überleben vom Brot und der Milch abhinge.

Das sind Gedanken, die die Panik in der Magenhöhle zum Leben erwecken und für Händereiben bei den Erinnerungen sorgen. Gern würde ich nun etwas Positives schreiben. Über das „mutig die Straße entlangschreiten“, über „mit Schmackes in das Brötchen beißen“ und „Milch literweise in sich hineinschütten“. Vorerst versuche ich aber, ob man Handseife essen kann und lade mir eine gute Karten-App herunter. Ich bin schließlich die Grande Dame des Eskapismus.

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3 Kommentare zu “Der Stein im Käsebrötchen

  1. Ach, ich lese deinen Blog so unglaublich gerne! Danke für jeden neuen erheiternden Text mit trotzdem viel Tiefgang!

  2. „Ich habe ja beispielsweise vor Jahren mein Vertrauen in die Brötchen vom Aldi verloren.“
    Trotz einiger blogfreier Zeit ist es schön, wieder hier zu lesen. In deinen Texten stecken immer so viele Sätze, die grandios sind, ich weiß gar nicht, welchen ich lieber mag!

    Dürfte ich mir mit deiner Erlaubnis und einem Verweis auf dich den ersten Satz für einen Artikel nehmen?

    Liebe Grüße

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