Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Im Jammerlappen mit Zimt-Kaffee

4 Kommentare

Dinge, die man nicht ändern kann: Wetter.

Dinge, die man nicht ändern kann: Wetter.

Da standen wir heute Morgen also. Die Straßenbahn voll, Wochenbeginn. Draußen war es kurz vor der blauen Stunde, die ich liebe. Leipzig sah wunderschön aus, mit all dem Schnee und den Lichtern und mit dieser Gemächlichkeit, die nur plötzlicher Schneefall möglich macht: Wenn alles nicht mehr so schnell geht, die Autos sich durch Schnee und Eis schieben, viele Menschen laufen und Eltern ihre Kinder mit dem Schlitten zur Schule und dem Kindergarten bringen.

Aber es soll gar nicht um das Wetter gehen. Darüber habe ich ja erst geschrieben. Es geht um das Jammern. Jammern, das ich lieber neinern nenne, weil „Ja“ zu positiv ist und all diese Lappen ja nicht optimistisch-eskapistisch die Faust in den Himmel recken und „Ja“ brüllen, sondern mit zusammengesunkenen Schultern in der Ecke hocken und „neinneinein“ greinen.

Um den Bogen zwischen Wettern und Jammern/Neinern zu spannen: Da standen wir in der Straßenbahn. Wir Menschen. Und alle schimpften sie. Über ihre kalten Füße. Über den Schnee, den man nicht erwartet hätte, über den Montag und dass das Wochenende schon wieder vorbei ist. Nur ich stand da, selig grinsend, auf dem Weg zur Arbeit, Musik im einen Ohr, Wärmesohlen an beiden Füßen und sah nach draußen in das Schneegestöber.

Wenn mich neben Smileys und Milchreisgeruch etwas nervt, dann ist es dieses ständige Jammern/Neinern. Und nein, ich neinere deshalb nicht. Ich habe bei Facebook und Twitter alle Jammerigen/Neinerigen gemutet oder ausgeblendet. Ich stelle fest.

Es ist nicht so, dass ich ein Eisklotz bin und Menschen, denen es schlecht geht, sage, dass sie verschwinden sollen. Jeder Mensch hat schlimme Phasen. Zeiten voller Selbstzweifel und Orientierungsstörungen und einem allgemeinen Hass auf die Welt. Wer das nicht hat, der ist mir unheimlich. Das Problem: All die Neinernden haben es sich so bequem in ihrem Jammerlappen gemacht, dass sie da gar nicht mehr raus wollen. Der Jammerlappen wurde durch Kissen, den Lieblingskaffee und einen Fernseher mit umfangreichem Kabelprogramm ergänzt – kann man schon verstehen, dass es dort ganz nett ist.

Jammern dürfen Menschen, denen es wirklich schlecht geht. Die schwer krank sind, das Liebste verloren haben oder unverschuldet vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Überraschend: Geht es Menschen wirklich schlecht, jammern sie nicht mehr. Sie sind still, unsichtbar. „Ich bin nicht sehr krank, ich kann noch drüber reden“ soll William Shakespeare gesagt haben und er hat wohl recht. Es gilt nicht nur für Krankheiten, es gilt auch für alles andere.

Warum wird über Dinge gemeckert, die sich nicht ändern lassen? Das Wetter ist, wie es ist. Keine einzige Schneeflocke bleibt oben in den Wolken hängen, weil die Frau mit den hochhackigen Schuhen krakeelt, sie wollte doch ausgerechnet heute besonders fabelhaft aussehen. Und der Mann aus der Straßenbahn wird nicht angenehmer duften, nur weil wir uns darüber aufregen. Außer, wir empfehlen ihm etwas Trockenshampoo für die Achseln und er dies an Ort und Stelle in die Tat umsetzt.

Es gibt so viele Dinge, die wir ändern könnten – allem voran unsere Einstellung zu den Dingen. Aber das tun wir nicht. Dafür müssten wir den Jammerlappen, ein ausgewaschenes und grünes Stück Frottee mit kleinem Loch am Boden, verlassen. Und draußen ist es kalt, da sind Menschen, das Sofa ist so weit weg und vielleicht wird der Kaffee an diesem Ort ohne Zimt gemacht. Ich sehe ein, dass all das nicht leicht ist.

Und es ist ja auch so toll im Jammerlappen, weil es so viel Mitleid gibt. Wer aber dort hockt und durch das Loch am Boden in die Welt hinaussieht und sich freut, weil alle „Oh“ und „Ah“ sagen, der … naja… sollte vielleicht einmal kurz nachdenken und sich reflektieren. Ich persönlich halte Mitleid für verzichtbar.

Jeder darf mal in seinem Jammerlappen hausen. Da näht man das Loch am Boden zu und will allein sein. Das muss auch sein. Es gibt immer Phasen, in denen man nicht weiß, wohin man möchte und was das alles überhaupt soll. Aber irgendwann muss man seine Schuhe mit den Wärmesohlen anziehen und wieder hinaus gehen. Und wenn man das alleine nicht kann, dann nimmt man jemanden mit, der einen festhält, wenn man festgehalten werden muss und möchte und will. Und der einen loslässt, wenn man losgelassen werden muss und möchte und will.

Und weil mir gerade kalt ist und ich nicht jammern möchte, drehe ich nun die Heizung auf. Und mache das Fenster mal zu.

(Eine gute Übung für die Frage „Gibt es wirklich einen Grund zum Neinern?“ liefert übrigens die Good & Bad Day-App. Nur mal so. Und gar nicht in beruflicher Sache. Gar nicht.)

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4 Kommentare zu “Im Jammerlappen mit Zimt-Kaffee

  1. Jawohl. Und die App wird gleich geladen :)!

  2. 1.) Meine Großmutter ist am Montag verstorben, nach drei Jahren Dasein als Wachkomapatient.
    2.) Meine Ohren werden vom Wick Medi Nait ganz warm.
    3.) Wir leben in einer Welt, die nicht mehr antwortet. Deshalb erzählen wir das alles, je drastischer, umso besser. Das klingt dann wie Jammern, ist aber nur Wimmern auf lautem Niveau.
    4.) I like.
    5.) Die Zehn Gebote waren im Grunde nur der letzte Teil einer Franchisereihe für Desillusionierte und sind deshalb vor dem elften beendet worden, weil der Hauptdarsteller nicht mehr mitmachen wollte.
    6.) Hier spricht die Polizei.
    7.) Hab ich vergessen.

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