Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Vorbereitungstier Mensch und der Winter

Hinterlasse einen Kommentar

Es ist kalt. Überraschend.

Es ist kalt. Überraschend.

Der Mensch ist ein Vorbereitungstier. Vor Feiertagen geht er einkaufen, dass selbst ein drei Jahre langer Streik der Graved-Lachs-Hersteller unbeschadet überstanden werden könnte. Er kauft zehn Paar Socken im Sonderangebot, weil man vorbereitet sein muss, wenn die anderen 169 Paare einmal ein Loch haben sollten. Riesige Einkaufszettel und To-Do-Listen sind unser täglich Brot, damit auch alles so klappt, wie wir es wollen.

Nur vier Dinge kommen jedes Jahr wieder unvorbereitet: die Jahreszeiten. Am meisten schafft es in jedem Jahr der Winter, einen Überraschungsmoment zu erzeugen, wie ihn sich die größten Illusionisten nur erträumen können. Im Dezember stehen wir da, erwarten bombige Temperaturen, um an den See zur Fleischbeschau zu fahren und dann ist er da. Mit Schnee und Schneematsch und vor allem mit: Frost.

Der Winter ist wirklich fies. Er verzieht sich auch nicht, um Platz für das zu machen, was wir ansonsten in den Monaten von Dezember bis März erwarten. Was immer das auch sein mag. Vermutlich Softeis mit Himbeersoße. Der Winter nistet sich ein, wie ein Gast, den man einfach nicht los wird, so oft man auch hustet und sagt, man sei doch so müde und morgen werde es ein anstrengender Tag. Er bleibt da. Sitzend. Ausharrend.

Auf alles kann das Vorbereitungstier Mensch sich vorbereiten. Nur nicht auf den Winter. Wie auch? Er zeigt sich ganz offensichtlich in einem Gewand, das in jedem Jahr aufs Neue unfassbar und unfassbar neu ist. Er ist wie ein Formenwandler.

Nun, die anderen Jahreszeiten sind auch nicht sehr viel besser. Der Frühling, von offensichtlich unter Drogen stehenden Poeten als alles neu machender Lenz beschrieben, überrascht mit Heuschnupfen und kalten Abenden, der Herbst verwirrt durch Bäume, die gar nicht mehr aussehen wie Bäume, sondern wie ihre eigenen Gerippe. Beinahe eben so schlimm wie der Winter ist der Sommer. Hat man gerade noch erwartet, laut singend und alte Weisen schmetternd über die Wiesen zu springen, liegt man eine Sekunde später ermattet, unangenehm riechend und schwitzend unter dem Baum und ruft nach frischer Zitronenlimonade mit Eis. Auf nichts kann man sich mehr verlassen, nicht einmal auf das, was … naja… auf nichts eben.

Die einzig klugen Menschen, die eine Vorahnung hatten, dass der Winter uns vielleicht doch keine tropischen Temperaturen bringen könnte, lachen sich in das behandschuhte Fäustchen. Sie verkaufen Glühwein für den Kopf und Wärmepflaster für die Füße und selbstgestrickte Mützen für die Handtasche. Und wir, unvorbereitet und verwirrt, stehen vor diesen klugen Menschen, dankbar – obwohl wir sie kurz vorher ob ihrer verrückten Idee, der Winter könnte kalt werden, am liebsten wie eine Hexe verbrannt hätten.

Auch im Sommer gibt es diese klugen Köpfe. Sie verkaufen Eis und Sonnenhüte, geben Tipps gegen die Temperaturen, die keine Bauernregel auch nur annäherungsweise vorhersagen konnte. Um auch diese Menschen nicht zu vergessen und ihnen hier ein verbales Denkmal zu setzen.

Ohne diese Vordenker wären wir in der unberechenbarer Lotterie der Jahreszeiten verloren und dem wahllosen Spiel unserer Umwelt schutzlos ausgeliefert. Grausam. Und so gemein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s