Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Vom Wollen, Brauchen und Ziegenfrischkäse

9 Kommentare

Streichen kann ich nicht. Da bräuchte... NEIN!

Streichen kann ich nicht. Da bräuchte… NEIN!

Hin und wieder – sogar sehr häufig – fehlen mir die richtigen Formulierungen. Ich bin froh, Menschen zu haben, die es dann treffend auf den Punkt bringen, während ich seit Minuten eskalierend in meinem Kaffee rühre. Der Beste unter ihnen ist der Essensfreund. Einst unter dem Namen Flohbude bekannt. Heute als zweimaldie19 (Wir sind da sehr strukturkonservativ, was das Essen beim Asiaten unserer Wahl betrifft). Und während ich wieder einmal lamentierend und mich im Gedankenkreisrad drehend vor ihm saß, sagte er: „Eigentlich ist es doch ganz einfach.“

Es ging um Männer. Natürlich. Kaum etwas bringt mich so zum aufgeregten Schapütern und der Welten Lauf hinterfragen, wie das andere Geschlecht – naja: und Fußball. Ich war wirklich aufgebracht, versuchte noch, meine Gedanken zu sortieren, als der Freund folgende weise Worte sprach, die ich seitdem häufig zitiert und immer wieder erklärt habe: „Du möchtest einen Mann, den Du nicht brauchst, sondern willst. Und auch Du möchtest nicht gebraucht, sondern gewollt werden.“ Ich nickte. Sprachlos.

Man mag auf den ersten Blick diese Feststellung für unverständlich halten, aber das ist sie nicht. Sie ist grundlegend.

Brauchen tut man Luft, Essen, Trinken. Ohne sie sind wir verloren. Ziemlich sogar. Dabei reichen Grundlagen beim Essen. Brot. Beim Trinken: Wasser. Dem Brauchen ist ein Zwang inne. Wenn mich jemand braucht, dann sagt er, dass er ohne mich wie ohne Wasser nicht kann. Was für Einige die Spitze der Romantik ist, ist für mich der fleischgewordene Albtraum (wie die „richtige“ Schreibweise des Wortes, übrigens). Das ist eine Verantwortung, der ich nicht gewachsen bin – gebraucht zu werden, setzt mich in meinem Privatleben unter Druck. (Und fragt nicht, wie das werden soll, wenn ich mal Mutter werden sollte!)

Dem Wollen ist eine freie Entscheidung inne. Ich brauche Brot, aber ich will Ziegenfrischkäse. Ich brauche Wasser, aber ich erfreue mich an einem eiskalten Vodka Martini oder einer Ananassaftschorle.

Ich empfinde ein „Ich will Dich“ – frei von jeder sexuellen Bedeutung – als viel romantischer als „Ich brauche Dich“. Die Entscheidung ist freiwillig, getroffen mit dem Wissen, dass auch schlechte Charaktereigenschaften wie Trotz und Zickigkeit, charakterliche Langeweile und Strukturkonservatismus ihren Platz, ihr Dasein und hin wieder sogar die Oberhand haben.

Im übrigen: Ich will auch all meine Freunde. Hin und wieder brauchen wir uns auch. Aber in erster Linie will ich mit ihnen befreundet sein. Weil sie so klug und witzig sind, in den richtigen Momenten die passenden Worte finden und um das kapriolenhafte Schwanken der eigenen Person wissen.

Zuweilen hat dieses sich Wehren gegen das Brauchen natürlich auch seine absurden Auswirkungen. Beispielsweise dann, wenn man etwas eigentlich nicht kann und einfach und wirklich jemanden braucht, der besser mit der Bohrmaschine als man selber umgehen kann.

Gestern. Ikea. Die ostfriesische Freundin und ich fuhren mit dem Bus dorthin und kauften zu viel ein. Natürlich. Gutscheine machen es möglich, wie im Käsefondue-Rausch durch die Gänge zu mäandern. Schon weit vor der Kasse spürten wir, dass es für uns unglücklich enden würde. Und so standen wir dann auch vor dem Leipziger Hauptbahnhof und sahen verstört auf all die Lampen und Servietten, Kerzen und Bilderrahmen, auf die Tarteform und die Kisten. Die Freundin musste noch per Fuß und per Bus weiter, ich mit dem Fahrrad. Wir schämten uns ob unserer eigenen Maßlosigkeit.

„Ulle“, sagte die Freundin, „wenn der Festhaltefreund ein Auto hat, dann könnten wir ihn doch anrufen?“ „Nee“, sagte ich. „Warum nicht?“ entgegnete sie. „Weil ich nicht will“, antwortete ich. „Und jetzt willst Du das alles auf dem Rad transportieren?“ fragte sie. Ich nickte.

Um es kurz zu machen: Ich schob mein Rad 50 Minuten durch den Regen – überall hingen Taschen, ein Karton fiel alle zehn Meter von Gepäckträger. Aber hej! Ich habe es geschafft. Wenn ich nicht will, dann will ich nicht. Da bin ich wie ein Hefeteig, dem man nicht die richtige Temperatur zukommen lässt. Trotzig. Zickig. Allerdings gehend. Und der Bratze, die lachend mit dem Finger auf mich zeigte: Immerhin ist meine Nase kein Haken!

Bevor nun einer einwirft: „Aber man muss doch um Hilfe bitten können!“ Klar, kann ich. Ich muss es nur wollen.

Es ist ja auch so: Bei vielen Dingen glauben wir nur, dass wir sie dringend brauchen. Den Menschen an der Seite, der schon längst nicht mehr glücklich macht, aber immerhin den Müll runterbringt. Den Job, der zwar das Geld aufs Konto bringt, aber jeden Abend für mehrstündige Weinkrämpfe sorgt. Das aktuellste Smartphone, das nur vor unseren eigenen Augen unser Image aufwertet, dem Umfeld aber eigentlich egal ist. Ach, und bei einigen Dingen glauben wir auch nur, dass wir sie wollen – es ist eine einzige Schwierigkeit mit unseren Bedürfnissen.

Aber bevor ich nun noch in Richtung Kulturkritik und in hormonelle Diskussionen abdrifte: Ich will jetzt Lasagne.

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9 Kommentare zu “Vom Wollen, Brauchen und Ziegenfrischkäse

  1. Jetzt müsste die Bratze nur noch deinen Artikel lesen. 😉

  2. Das Gebrauchtwerden ist für mich als Mutter kein Problem, da es mit dem Wollen einhergeht. Also meistens jedenfalls. Und dann ist da ja noch der Faktor Liebe, der einem bei eher als lästig empfundenen Pflichten weiter- und durch manch durchwachte Nacht hindurchhilft…
    Zudem hilft eine gesunde Portion Egoismus, sich nicht vor lauter Gebrauchtwerden selbst zu verlieren. Und ja: das geht einher mit der Bitte um bzw. mit dem Einfordern von Hilfe durch Nahestehende.

  3. Hatte den passenden Mottosong vorgestern dazu: Wir müssen nur wollen…. 😉

  4. Gut, dass ich mich mit der Gedankenlage meiner Chefin so gut identifizieren kann. Und ich gelobe: In Zukunft weniger gegen das Brauchen zu wehren.

  5. Die Zeile mit dem Job, der einem Weinkrämpfe beschert, den finde ich besonders treffend. Great!

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