Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die richtige Tür zum Eintreten

8 Kommentare

Modisch machte mir niemand einen Pullover für ein Kleid...

Modisch machte mir niemand einen Pullover für ein Kleid…

Der ein oder andere Leser wird sich nun wundern. Nein, nicht, weil ich längere Zeit nicht geschrieben habe, sondern über folgende Tatsache: Auch ich war einmal klein. Ziemlich klein sogar, 49 Zentimeter groß, nur knapp 3000 Gramm schwer – ein Wunder, dass aus mir das wurde, was ich heute bin.

Als nun im hohen Norden an der Kasse ein Kind mit quäkend quälender Stimme von seinen Plänen berichtete, später einmal Feuerwehrmann zu werden, fühlte ich mich an mein Vorhaben erinnert, mir eines Tages das Leben Untertan zu machen. Damals, als ich klein war.

Nun, der kleine Junge wusste sicherlich nicht, dass weit mehr zum Feuerwehrmann-sein dazugehört, als mit einem Auto mit Martinshorn durch die Straßen zu fahren und dabei einen lustigen gelben Helm zu tragen. Ebenso wie all die Mädchen, die Prinzessin werden wollen, nicht wissen, dass sie als britische Adelige nie Schwarz oder orangefarbenen Lidschatten tragen dürfen.

Meine Pläne waren ohnehin durchaus weniger heldenhaft oder glitzerbesprenkelt, aber ähnlich hochtrabend.

... auch zur Kleinkünstlerin hätte es bei meinem Ungeschick nicht gereicht.

… auch zur Kleinkünstlerin hätte es bei meinem Ungeschick nicht gereicht.

Lange Zeit wollte ich Schriftstellerin werden. Ein Plan, den ich mit acht Jahren in die Tat umsetzte und meiner Oma, die ich liebevoll Eis-Oma nannte, ein Buch schrieb. Ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, das einzige Exemplar des Buches ist zudem verschollen. Wohl bin ich aber sicher, dass ich nicht nur kurze Sätze mit krakeliger Buntstifthand schrieb, sondern auch gleich die Illustrationen übernahm. Eine künstlerische Meisterleistung, die nur meine – ebenfalls mit Buntstiften erstellte – Biografie von Johann Sebastian Bach übertrumpfte. Dabei handelte es sich um ein Geschenk an meine Mutter. Ich glaube, als Quelle verwendete ich die orangenen Duden-Bände, in denen ich damals alles fand, was ich wissen musste. Oder glaube, wissen zu müssen. AUF JEDEN FALL GAB ES NOCH KEIN WIKIPEDIA! Der geneigte Leser ahnt: Ich bin so alt, wie es meine Augenringe vermuten lassen.

Irgendwann verwarf ich die Pläne, wurde mir doch klar, dass meine Illustrationen und holprigen Textbausteine nur von meiner Verwandtschaft mit Lob bedacht wurden. Ein frustrierender Moment, der auch durch den neuen Schimmer am Berufshorizont nicht verglimmert werden konnte. Ich wollte Meeresbiologin werden.

Das muss ungefähr zu der Zeit passiert sein, als ich mir abgewöhnte, das Wort „Killerwal“ zu verwenden und es durch „Orca“ ersetzte. Auch boykottierte ich Free Willy, las die Greenpeace-Zeitung und nannte in Meine Freunde-Büchern Petra Deimer mein Idol. Aber das Leben ist ein gemeines Ding und das Gehirn noch viel fieser und so musste ich auch hier feststellen, dass es an einer Sache hapern sollte: Ich bin eine Niete in Naturwissenschaften.

Der ein oder andere Leser wird nun wissend nicken und sagen: „Ja, ich kann das auch nicht.“ Ich weiß, ich bin nicht allein. Aber all Jenen sei gesagt: Mit Niete meine ich: Katastrophe. Eine Enttäuschung. Der Alptraum aller naturwissenschaftlichen Lehrer. Nicht nur, dass ich zwar Worte, aber keine Zahlen lesen kann, nein, ich habe keine Ahnung, was der Sinn einer Reaktionsgleichung ist. Ich weine beim Wort Magnet, weil ich dann an Magnetstaub denken muss und mich doch schier endlos vor sich schwarzen, bewegenden, Punkten ekele. Kurvengleichungen kenne ich nur, wenn ich meine Brüste mit denen anderer Frauen vergleiche und wie Lösungen umkippen können, erfahre ich nur, wenn aus der süßen Weißweinschorle Sodbrennen wird.

Und deswegen konnte ich keine Meeresbiologin werden. Ich gucke immer noch kein Free Willy und wie Plankton entsteht, wie das alles im Gleichgewicht bleibt: ein Rätsel.

Wie soll ich hoch hinaus schaukeln, wenn mich niemand anschiebt?

Wie soll ich hoch hinaus schaukeln, wenn mich niemand anschubst?

Ich versuchte, eine Stärke an mir zu entdecken. Irgendwie zu finden. Das ist gar nicht so einfach, wenn man zwölf oder 13 Jahre alt ist und das ganze Leben daraus besteht, mit wachsendem Unwohlsein auf die ebenso wachsenden Brüste zu sehen. Und die Jungs zu entdecken, die mit ihrem Geruch nach Pumakäfig und den krächzenden und instabilen Stimmen so aufregend wirkten. Bei all den Hormonen beinahe ein Wunder, dass ich dann tatsächlich beschloss, ich müsste Pastorin werden.

Pastorin, das war tatsächlich etwas, das ich über einen langen Zeitraum werden wollte. Eine ernste Sache, weil mir auch heute noch häufig der Gedanke kommt, dass ich eine gute Pastorin geworden wäre. Einzig: der Glaube fehlt. Bis kurz nach meiner Konfirmation ging ich regelmäßig zur Kirche, war aktiv in Gruppen und bibelfest bin ich bis heute. Ich habe sie tatsächlich komplett gelesen. Und ja: Auch die Seiten, in denen es nur darum ging, wer wie alt wurde und wen in sein Bett ließ. Aber dann sah ich die Nachrichten, die Welt um mich herum in Trümmer zerfallen und hin war alles. Der Fußballgott ist geblieben.

Irgendwann kam der Punkt, an dem ich gar nicht mehr wusste, was ich werden sollte. Außer vielleicht Punk. Ich färbte mir die Haare schwarz und grün, verliebte mich in den größten Eskapisten des Jahrgangs, braute selber Apfelkorn und hatte diverse verfilzte Strähnen auf dem Kopf, die meine Art von Protest gegen die hohen Friseurpreise und die Welt im allgemeinen waren.

Und während die Mutter obigem Jungen lächelnd über dem Kopf strich, als er von seiner Zukunft sprach, da wurde mir ein wenig wehmütig zumute. Und auch pathetisch, ja beinahe pastoral – ohnehin eine Eigenschaft, die mir immer wieder bescheinigt wird. Vielleicht habe ich das Pastorale in der Zeit von 13 bis 17 Jahren entwickelt, als ich mich oben auf der Kanzel sah, den Menschen in schweren Zeiten beistehend, mit liebevollen Worten den Weg durch die Schluchten des Lebens gebend.

Das richtige Outfit für die Karriere als Meeresbiologin.

Das richtige Outfit für die Karriere als Meeresbiologin.

Wie viele Pläne wir als Kinder und Jugendliche hatten. Wie wir glauben, dass die Welt uns offen steht, dass wir machen können, was wir wollen. Wie dann mit wachsendem Alter die Erkenntnis kommt, dass die Türen nicht offen stehen. Und wie dann irgendwann – und zum Glück – die Erkenntnis kommt, dass eben diese Türen eingetreten werden können. Wenn man nur will.

Nun sitze ich hier und frage mich, was aus den Jungs wurde, die Superheld und Raumschiffkapitän werden wollten, was die Mädchen heute machen, die Prinzessin oder Supermodel als Wunschberuf im Mein Schulfreunde-Buch schrieben. Und ob sie glücklich sind. Trotz allem. Wegen allem.

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8 Kommentare zu “Die richtige Tür zum Eintreten

  1. wo hast du nur all diese Bilder her. Du warst so ein suesses Baby

  2. Nun, wollte nie Prinzessin werden. Juristin aber. Oder Medizinerin. Jetzt mache ich etwas ganz anderes und mit den Reichtümern und all dem ist es nichts geworden. Aber ja, ich bin glücklich. Zumindest denke ich mir wenn ich mich so umsehe, dass ich nur mit ganz wenigen tauschen wollen würde. Also trotzdem und deswegen.

  3. Ich frage mich, warum fast alle kleinen Mädchen (ich übrigens nie) Prinzessin werden wollen… Die sind doch immer nur in hohen Türmen eingekerkert.

  4. Hallo, liebe Ulle,

    ich wollte nur sagen, ich habe dich getaggt! Schau doch einfach mal auf meinem Blog vorbei, dort erfährst du mehr! Ich würde mich freuen, wenn du auch mitmachst.

    Liebe Grüsse, Schubi 🙂

    Ach und wenn du sowas doof findest: einfach ignorieren 😉

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