Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Spieglein, Spieglein…

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Wie ein Telefon das Duckface verdeckt.

Wie ein Telefon das Duckface verdeckt.

Wir hatten diese Woche eine kleine Mädchenrunde. Eigentlich sollte es Frauenrunde heißen, aber weil wir kicherten und uns beim Lästern hin und wieder voller Schrecken die Hand auf den Mund legten, war es wohl eher ein Mädchending. Mit Champagner und Zwiebelkuchen, kalorienhaltigem Nachtisch und männlichen Gästen zu späterer Stunde. Natürlich, die weibliche Leserschaft weiß es, waren beim Eintreffen der Männer schon alle wichtigen Dinge besprochen worden: Wer mit wem, wer nicht mehr und warum abgelaufene Pillenpackungen einen guten Dünger für Zimmerpflanzen abgeben. Diese Dinge eben.

Kurze Aufmerksamkeit erlangte das Geständnis von uns allen, dass wir Schaufenster, funkelnde Wagen und Glasscheiben von Rolltreppen als Spiegel benutzen würden. Aus gutem Grund: Wie schnell passiert es, dass einem der harte sächsische Wind die fragile Frisur ruiniert? Dass das Weintraubentörtchen die Hüfte in solch einem Maße verändert hat, dass die Jacke ungünstig hochrutscht? Nicht zu vergessen: Bauch rein, Po anspannen und die Brüste attraktiv vor sich herschieben – Gang kontrollieren!

Die meisten Menschen sind eben sehr wohl ein Stück weit eitel, auch wenn es kaum jemand zugibt. Nur der nun nach Mainz wandernde Freund kokettiert mit seiner Eitelkeit – die, bei aller Liebe, extrem ist. Extrem anstrengend, extrem bemerkenswert und auf eine putzige Sebastian-Vettel-Art extrem niedlich. Aber der Großteil der Menschheit sagt noch, er sei nicht eitel, wenn er noch vor dem Schaufenster das letzte freie Stück Spiegelfläche freikratzt, um die Augenbrauen nachzustreichen.

Ich würde mich – natürlich – auch nicht als besonders eitel bezeichnen. Obwohl ich hin und wieder schon merkwürdige Anwandlungen habe, was mein Aussehen betrifft. Gepeinigt von Selbstzweifeln, dem Zwang des Zerdenkens und der Existenz einer nicht frauenzeitschriftenkompatiblen Figur, ist das auch kein Wunder. Also das mit den Anwandlungen.

Ich könnte diese Anwandlungen nun natürlich in aller Ausführlichkeit beschreiben, aber mal ehrlich: Wer will das wissen? Viel interessanter sind doch die Marotten anderer Menschen, über die es sich so herrlich und langanhaltend sprechen lässt.

Aber diese Welt verlangt es ja auch, dass wir eitel sind. Wenn ich an die Sozialen Netzwerke denke und all die Profilfotos, die man braucht: Bei XING angemessen seriös (Ich hingegen sehe aus wie ein Schulmädchen vor Rektors Gnaden), bei Facebook locker entspannt, bei Twitter lässig und irgendwie auch künstlerisch – und Instagram lockt dann die endgültige Zurschaustellung aus uns heraus. Und mit all den Filtern hat man ja auch die Möglichkeit, sich viel schöner zu machen, als man eigentlich schon ist (alte ulleske Weisheit: Es gibt keine hässlichen Menschen, es gibt nur unpassende Frisuren, Kleidungen und Vera Int-Veen.)

Der perverseste Auswuchs all dessen sind natürlich die Duckfaces – ich kann dem geneigten Leser nur empfehlen, einmal in der Google-Bildersuche „Duckface“ einzugeben: eine Auswanderung auf den Mars wirkt danach recht verlockend. Nun, ich habe natürlich keine Scham gescheut, um dieses mitzuteilen: Auch von mir gibt es solch ein Bild. Ich war betrunken, ich war 24 Jahre alt und … erwähnte ich, dass ich betrunken war? Und selbst der massive Gin-Konsum an diesem Abend entschuldigt es einfach nicht. Nein, gar nicht. Nie. Ich schäme mich. Schlimm wird es vor allem dadurch, dass ich das Bild bis vor wenigen Minuten in einem Sozialen Netzwerk als Profilbild hatte.

Und da ist sie: die Eitelkeit. Und die Frage, warum wir verdammtnocheinmal Fotos von uns vor Spiegeln machen (siehe Artikelbild – und ja, das bin ich), hüpfend vor Schaufenstern stehen, weil der Gedanke sich festgesetzt hat, dass die an den Beinen befindliche Strumpfhose rutscht (auch ich) und warum wir fünf Minuten den Kopf vor dem Toilettenspiegel im Büro immer wieder schief legen, um zu sehen, in welcher unnatürlichen Pose das leichte Doppelkinn am wenigsten auffällt – bis die sich beinahe in die Hose pinkelnde Kollegin reingestürmt kommt und schreit, sie könne nicht mehr warten (passiert: gestern).

Aber was sag ich, es gibt keine Lösung für die Eitelkeit, außer: sich ihr hinzugeben, hin und wieder zumindest. So zehn Minuten am Tag!

Ich habe ohnehin keine Zeit mehr, noch viel zu schreiben. Ich muss zum Netto meines Vertrauens. Zwischen dem Gemüsegrün und dem Schildhintergrundgrün leuchten meine blauen Augen so wundervoll, meine Lippen sehen knutschig rot aus und Basilikum und Rosmarin lasen mich von Toskanaatmosphäre umweht dort stehen. Phantastisch. Wie eine junge römische Göttin – bis die Eistruhe meine Hüfte niederschmetternd verzerrt.

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