Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Katastrophentourismus, Badesaster #4

7 Kommentare

Die Badewanne ist raus. Am Montagmorgen nahmen wir zwei ziemlich theatralisch und leicht melodramatisch voneinander Abschied. Ich duschte ein letztes Mal, wusch mir Schlaf und Gedanken aus dem Gesicht, die Fliesen ließen ein letztes Mal Wasser in die Altbauwand ab. Tränen in den Schimmel. Als dann um 7.30 Uhr der nur 1,60 Meter große Handwerker die Wohnung betrat, waren die Spuren verwischt. Es roch leicht nach Duschgel.

Der Leipzig Canyon. Eine Touristenattraktion.

Als ich nach der Arbeit nach Hause kam, war da nur noch ein Loch in der Ecke des Badezimmers. Ein ziemlich tiefes Loch. Ich nenne es liebevoll Leipzig Canyon. Kurz nachdem ich vor dem Krater stehend in Tränen ausgebrochen war – laut, hemmungslos und latent hysterisch – kam der Handwerker von Firma 2. Er brachte die Heizplatten an, stellte einen Luftentfeuchter auf, nuschelte ein paar erzgebirgisch-sächsische Worte in seinen Blaumann und ging.

Da stand ich nun – ein Loch im Bad, eine schimmelige Badwanne mitten im Flur (Wanne und ich, wir bekommen uns wieder – aber wie Schimmel und Kalk beseitigt werden sollen, das ist offensichtlich, so glaubt Firma N., wohl mein Ding) und dieser unfassbar laute Entfeuchter surrte sein Lied von Schimmel, miefigem Wasser und feuchten Wänden.

Es dauerte nicht lange und die ersten Nachbarn standen neugierig vor der Tür.

Natürlicherweise ist der Mensch ein Katastrophenliebhaber. Ich sehe die Horden togatragender Römer gen Vesuv pilgern, um sich die Überreste von Pompeji anzusehen – so vor knapp 1940 Jahren. Als die Pest wütete, werden sich vermutlich ungezählte Waschweiber an ihren Gucklöchern im modernden Holz die Nase schrunzelig gedrückt haben. Und heute gibt es Katzenberger, Supertalent und Unfassbar Hässlich (Was, wie mir Kollegen immer wieder einzureden versuchen, eigentlich Extrem Schön heißt – aber ich zweifele das an) – die Menschen wollen offenbar die schönen Dinge nur selten sehen.

Mir war nicht klar, dass ein Badesaster die Menschen dazu bewegt, zehn Minuten an die Außenwand des Bades im Flur zur klopfen und pseudofachmännisch zu sagen: „Klingt feucht.“ Wirklich passiert. Folgend:

Ich brachte meinen Müll raus, kam wieder rein und sah da die beiden Nachbarn an der Badezimmeraußenwand im Flur stehen. Der eine: Familienvater, Teil des Kohlrabi-Paares. Der andere schwerer Alkoholiker, der mich gern mal im Treppenhaus abfängt, um mit mir über feuchte Keller zu reden. Feuchtigkeit, Flüssigkeiten – das scheint sein Fachgebiet zu sein.

Also: Die zwei stehen da, ich möchte an ihnen vorbei. „Frau B., was ist denn nur bei Ihnen los?“, fragt mich der Familienvater ernst. „Macht ja einen schlimmen Eindruck“, sagt der Alkoholiker. Beide Männer sehen sich an. „Ach, die haben bei der Sanierung so geschlampt“, sagt der Eine. „Ohja“, bestätigt der Andere. Ich nicke. Es folgt das Klopfen gegen die Wand. „Klingt richtig feucht“, sagt der Alkoholiker. Der Familienvater legt seine Hand auf die Wand: „Ja.“ Beide nicken, klopfen, nicken, legen die Hand wieder auf die Wand, wischen mit einem Finger über den Putz, schütteln den Kopf, klopfen wieder. „Und jetzt? Haben Sie kein Bad?“, fragt mich der Alkoholiker mit Bierfahne. „Nee“, sage ich – leicht entnervt, weil es ja offensichtlich ist – die Reste meines Badezimmerbodens stehen schließlich zur Abholung im Flur. „Und wo duschen Sie?“, fragt mich der Familienvater. „Mal hier, mal dort“, sage ich. „Mmh“, macht der Alkoholiker. „Mmh“, sagt der Familienvater. Schweigen. Ich gehe. Sollten die zwei mal brennen: Ich würde sie nicht einmal mit Milchreis löschen.

Kurz nachdem ich wieder in meiner Wohnung bin, klopft es. Frau P. von nebenan. „Ich wollte meinen Briefkastenschlüssel abholen“, sagt sie und stellt sich auf die Zehenspitzen, um besser in meine Wohnung zu sehen. Während ich den Briefkastenschlüssel suche, der seit Monaten bei mir liegt und von dem sie sagte, ich solle ihn behalten („Unser nächster Urlaub kommt bestimmt.“) redet sie so vor sich hin. „Es waren heute wohl auch Handwerker bei Ihnen?“ „Ja“, sage ich. „Mmmh“, macht sie. „Jetzt ist also das Bad raus?“, fragt sie. „Ja“, sage ich. „Furchtbare Sache“, sagt sie. Ich nicke und lege ihr den Schlüssel in die runzelige Hand. Sie bleibt stehen.

Einige Sekunden vergehen, ich sehe sie an. Sie sieht mich an. „Jaja, ohne Bad“, sagt sie und versucht weiterhin, an mir vorbei in die Wohnung zu linsen. „Ja“, sage ich. Schweigen. Schweigen. Schweigen. „Und das dauert nun wohl lange?“, fragte sie. „Ja“, sage ich. „Wie lange denn?“ Beinahe verliert sie bei der Frage das Gleichgewicht, weil sie sich einen Hauch zu weit nach links lehnt, um an mir vorbeizusehen.

Die Frage nach dem „Wie lange“ ist ja eine Frage, die mich nun schon länger beschäftigt. Die kluge Frau am Telefon sagte mir, es dauere keine sechs bis acht Wochen, sondern mehr so zwei bis drei. Der Handwerker am Montag murmelte dennoch etwas von sechs Wochen. Als ich heute mit der Frau telefonierte, sprach sie sogar davon, dass die Trocknung bestimmt schon kommende Woche abgeschlossen sei. „Endgültig“ könne man das aber natürlich nie sagen. „Erst dann, wenn es fertig ist, nöh!“, sagte sie und lachte. Ich glaube, sie hat ein funktionierendes Bad zuhause.

Um diesen Text zu einem Ende zu bringen (man beschwerte sich bitterlich und ausdauernd, meine Texte seien zu lang): Mich besuchte auch noch die Mutter mit Kind aus der dritten Etage. Die Chemielehrerin von oben, die zwar bald auszieht, mir ihre leerstehende Wohnung aber nicht zu Duschzwecken überlassen möchte („Da sind ja die Maler zum Renovieren.“) und der Mann von Frau P. (also Herr P.), der gar nichts sagte, sondern nur vor meiner Tür stand und mich anstarrte. Und dann war da auch noch das Paar von ganz oben, das an den Briefkästen ganz geheimnisvoll tat, während ich nach Hause kommend meine Tür öffnete.

Ich bin RTL2.

PS: Gerade eben klingelte der Schlüsselwart. Nicht, um mir sein Bad anzubieten. Um mir zu sagen, dass er für mich beten würde. Ich bin verwirrt.

Advertisements

7 Kommentare zu “Katastrophentourismus, Badesaster #4

  1. Ganz neue Berufsbilder eröffnen sich für mich. Brauchst du zufällig eine Badesaster-Katastrophen-Tourismusmanagerin, um den Ansturm zu bewältigen? Auch als Masterthesisthema für mich wäre das sicher ein interessantes Phänomen.

    • Orrrh! Das hätten wir vorher abklären müssen – wir wären beide reich geworden. Nun fliegst Du weg und ich bekomme mein Bad – hoffentlich – bald wieder.

      • Och wie dumm, ja. Millionen hätten wir damit machen können. Pauschalreisen mit Besichtigungen anbieten und mehr Besucher als das Völkerschlachtsdenkmal anziehen können. Mist. Aber du könntest immer noch Eintritt verlangen und Teile der Badezimmerfliesen als Souvenirs verkaufen.

  2. bei uns kannst du jederzeit duschen

  3. Furchtbar wie neugierig manche Menschen sind. Scheinbar ist jetzt endlich mal was los in ihrer sonst so langweiligen Welt. 😦

    Zu lang sind deine Texte nie!!! Wer sowas sagt ist nur zu faul zum lesen. 😉

  4. Nichts gegen den wunderschönsten Dialekt Deutschlands – erzgebirgisch, bitte! ;D

    Und deine Texte sind zwar wirklich sehr häufig sehr lang… Im „Stress des Alltags“ übergehe ich deine Artikel deswegen häufig (wie gemein das klingt), nehme mir dafür dann aber lieber viel Zeit und kann mich umso mehr darüber freuen..

    Und auf ein baldiges Ende im Duschlemma!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s