Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der Kugelschreiber

8 Kommentare

Ich habe meinen Lieblingskugelschreiber verloren. Ein brauner Kuli mit genau dem Blau, mit dem ich so gern schreibe. Der Stift kratzt nicht, er liegt in meiner Hand und es fühlt sich so richtig an, wenn wir gemeinsam kleine Briefchen schreiben, Einkaufszettel erstellen und Nettigkeit auf Postkarten ersannen. Der Stift ist weg – und wie es bei liebgewonnen Dingen so ist: Der Verlust schmerzt.

Nun weiß ich, dass ein Kugelschreiber nur ein Kugelschreiber ist. Einmal über eine Messe gelaufen und man hat einen Vorrat für die kommenden Jahre. Aber es gibt Dinge, die möchte man nicht verlieren. Und dabei sind Stifte noch das kleinste Übel.

Es ist bei den meisten Menschen die größte Angst, das zu verlieren, was ihnen wichtig und lieb ist. Das können durchaus dingliche Sachen wie eben der Kugelschreiber, ein schöner Ohrring oder eine große Muschel vom Romantikurlaub auf El Hierro sein. Das können aber auch Gefühle sein, die Wärme der Hand eines nahen Menschen auf dem Rücken. Wir halten kurz die Luft an, sich im Gedanken einwickelnd, gerade eben noch den Hauch der Berühung neu gespürt zu haben.

Das Problem mit all diesen Dingen: Aus Angst zu verlieren, legen wir sie irgendwo ab, sicher und abgeschlossen. Keine Luft soll die Postkarte aus Rom vergilben, die Erinnerung wird durch Musik mühselig und mit verbissenem Lächeln wach gehalten, der Mensch an sich gezogen bis keine Luft mehr zum Atmen bleibt.

Aber der Mensch weiß: Dinge, die man wegschließt, die fangen irgendwann an zu vermodern. Sie werden nicht besser. Kugelschreiber trocknen aus, Gefühle bekommen den Milchschleier der Verherrlichung und Erinnerungen werden trüber und manchmal auch einfach falscher.

Deshalb habe ich meinen Kugelschreiber benutzt. Einmal musste ich ihn sogar von Kekskrümeln reinigen, weil mir die Dose in meinem Beutelchen aufgegangen war, kleine Keksbestandteile die Tasche verunreinigten und den Stift böse angriffen. Ich wischte den Kugelschreiber aus, zog mit einer Pinzette ein Stück Schoko-Cookie aus dem Zwischenraum zwischen „Ich brauche die Mine“-und-„nein ich brauche die Mine nicht“-Pinökel und freute mich dann, als ich wieder schreiben konnte. Hätte ich den Stift nur sorgsam und angstvoll in eine Schublade gelegt, ich hätte nie mit ihm auf Juist gesessen und eine Postkarte an mein dynamisches Uno geschrieben, den Blick bei Minusgraden aufs Meer gerichtet, ich hätte mit ihm nie meinen Mietvertrag unterschrieben, niemals Überlegungen für einen Blogeintrag in meinem kleinen Heft notiert.

Alles, was wir so gerne verstecken wollen, damit wir es nie verlieren können, braucht es aber, dass wir es weggeben, weggehen lassen und nutzen. Sonst enden sie wie die Frikadellen, die ich zwar so gern mag – aber immer als letztes esse. Dann, wenn ich schon satt bin und eigentlich nicht mehr mag. Der Stift ist zum Schreiben da, die Erinnerung zum denken, festhalten und reflektieren, die Frikadelle zum Essen. Und Menschen muss man gehen lassen, damit sie wiederkommen können, um von dem zu erzählen, was wir nicht sehen konnten. Hin und wieder muss man ja auch selber gehen – was wäre das Leben ohne Weggehen und zurückkommen? Nur ein Sitzen auf dem Sofa unter Keks- und Chipskrümeln, mit Mayonnaise am Mundwinkel.

Man muss eben lernen und hoffen und glauben, dass das letzte Schreiben mit dem Stift nicht wirklich das letzte Mal ist. Sondern nur ein vorerst letztes Mal. Dass der Stift noch ganz lange hält, die Hand noch ganz oft beschützt und die nächste Portion Frikadellen ebenso lecker wie die aktuelle ist. Und dass man nicht immer das Schlimmste denken sollte, sondern einfach den Moment genießt. Hier. Jetzt. Dann, wenn der Stift ohne ein lautes Kratzen über das Papier fährt, beispielsweise.

Wie ich ihn vermisse, meinen Kugelschreiber.

(Ich habe bereits von heldenhafter Seite einen neuen Stift inklusive Block bekommen. Gerade gewöhnen wir uns aneinander und testen uns aus. Es läuft gut.)

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8 Kommentare zu “Der Kugelschreiber

  1. Awww, so ein toller Artikel!

  2. Vielleicht schreibt nun jemand anderes schöne Sachen damit, wie zum Beispiel »Ich trete zurück. Gruß A. Merkel« oder »Meine Angestellten sollen nicht mehr unter mir leiden. Adieu! Chef.« oder »War ’ne doofe Idee von mir. Nehme alles zurück. B. Uddelflink, Architekt des City-Tunnels« oder »Ich bin gerne mit Dir zusammen, liebste Ulle!«.

    Man kann ja nie wissen, kann man nicht. Daher solltest Du den Verlust als Chance begreifen.

  3. Erstaunlich viele Menschen leben in so einem Stand-by-Modus. »Das hab ich mir auf für wenn’s mir mal wieder besser geht«, oder an was für Wenns man solche Belohnungen koppelt. Ich denke an den Nachlaß einer alten Tante, die zwei (!) komplette Kaffeegeschirre im Schrank hatte, originalverpackt, noch mit Quittung von 1988 … Insofern: Kekskrümel für Kulis! .)

  4. Mein Lieblingskuli war zuletzt auch weg. Ich habe unser komplettes Büro auf den Kopf gestellt und alle Schränke durchsucht. Gefunden habe ich ihn dann wieder in einer anderen Abteilung. Ich drücke dir die Daumen, dass deiner vielleicht doch wieder auftaucht. 🙂

    • Du warst Kommentar 4000 im Blog – nur einmal so nebenbei 🙂 Aber: Ich glaube auch, dass ich ihn irgendwo finde. Und wenn nicht: Siehe Kommentar von Hansi. Vielleicht verbessert mein Kugelschreiber gerade die Welt.

  5. Ich schreibe zwar nicht viel mit Kulis, aber auch ich habe einen, der besonders liebevoll schreibt. Den hat mir mal jemand geklaut, jemand, von dem ich das nie gedacht hätte. Also so im öffentlichen Raum, nicht aus einem Geschäft. Da wusste ich noch nicht, dass der so toll schreibt, ich brauchte nur einen Kuli, um rasch was zu notieren. Inzwischen ist der Mensch etwas weiter weg aus meinem Gesichtsfeld gerückt, aber ich habe immer noch den Kuli, der mir nach wie vor sehr lieb ist und in meiner Tasche mit mir herumläuft. Und immer wieder mal benutzt wird.

    Im Normalbetrieb schreibe ich mit Filzstiften, zu denen ich keine Vorliebe für jedes Einzelstück hege. Dafür sind sie zu sehr Massenware und ich schreibe einen nach dem anderen von ihnen eiskalt durch.

    Oh, der Kommentar von Hansi ist sehr poetisch, sehr schön. Und so gute Nachrichten, die mit dem Kuli, der die Welt verändert, nun geschrieben werden.

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