Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Der Mückenstich, der „Zickentum“ heißt

6 Kommentare

Meine größte Schwäche konnte ich bisher zumindest auf dieser meiner kleinen Plattform erfolgreich verbergen: Ich bin eine Zicke. Aber es sei auch gesagt: Ich kann nichts dafür, ich bin vorbelastet. Das Zickentum zieht sich durch den Stammbaum meiner Familie. Schon meine UrUrUrUr-Oma wird vermutlich alle Gespräche, die nicht zu ihrer Zufriedenheit liefen, mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem spöttischen „Ach?!“ beendet haben.

Nach den Kämpfen bleibt nur: Schutt.

Zu meiner Studienzeit begab es sich, dass der von mir sehr geschätzte Seifertinho an einem Abend zu mir sagte: „Boah, Du kannst so eine Zicke sein.“ Ich sprang auf, bereit, ihn über den mit Bierflaschen bestellten Tisch zu ziehen. „Gar nicht!“, zischte ich. Er lehnte sich entspannt zurück, lächelte und sagte: „Quod erat demonstrandum.“ Ich schmollte.

Glücklicherweise bin ich nicht der einzige Mensch auf dieser Welt, der zum Zickentum neigt. Und entgegen aller Annahmen, diese Schwäche sei nur bei dem weiblichen Geschlecht zu finden, sind auch Männer betroffen. Und ich wage zu behaupten: im gleichen Maße wie Frauen.

Es gibt Männer, die definieren die ganze Begrifflichkeit neu. Da wird nicht nur geschmollt, da wird aktiv die Welt boykottiert. Und wenn gesprochen wird, dann mit quietschender Stimme. Ja, auch Männer können zickig sein.

Zickentum ist wie ein gemeiner Mückenstich. Man darf ihn nicht kratzen, denn dann juckt er nur noch viel mehr. Und wenn man immer weiter kratzt und reibt und irgendwann Blut fließt, bleibt eine Narbe zurück, die nicht mehr weggeht. Das ist Zickentum. Man muss den Drang unterdrücken, so zu sein. Wer schon einmal einen Mückenstich unter der Fußsohle hatte, der weiß, wie schwierig das sein kann.

Glücklicherweise sind die Ausbrüche bei den meisten Menschen nur temporär. Kein Mensch kann immer nur zickig sein, auch wenn die dunkelhaarige Bäckerin von unterm-Büro eine Gegenuntersuchung beinahe herausfordert. Zickentum verbraucht so viel Kraft und Energie, dass es eigentlich einen Spitzenplatz in den Top-Todesursachen haben sollte. Es treibt den Blutdruck nach oben, raubt den Schlaf und verschreckt die Menschen, die man eigentlich mag.

Ich kannte auch mal eine – und die Vergangenheitsform des Wortes treibt mir Freudentränen in die Augen -, die war unerträglich zickig. Und wie oben erwähnte Bäckerin war sie eventuell ein Gegenbeweis für meine These, dass Zickentum vielleicht im Charakter fest verankert sein kann, aber nur temporär auftritt. Jedem Satz in ihre Richtung wurde mit einem verbalen Bombenangriff beantwortet.

Und da zeigt sich die Krux des zickigen Mückenstichs. Das Rumfurien hat nichts mit Stärke oder Kraft zu tun, sondern nur mit dem Gefühl, sich wehren zu müssen. Gegen Kritik, gegen Nähe, gegen das Gefühl, nicht die oder der Starke zu in der vorhandenen Konstellation zu sein. Zickentum ist ein permanenter Grabenkrieg, ein Belagerungszustand im tiefsten emotionalen Winter.

Es ist kein Wunder, dass die Person, die ich einmal kannte, mittlerweile irgendwie alleine ist. Weil sie selbst den Mann, den sie eigentlich liebte, zum Ziel ihrer Kriege machte, hatte der dann (endlich) irgendwann keine Lust mehr, setzte sich in seinen Jeep und verließ das Schlachtfeld. Vermutlich hockt sie da immer noch, auf diesem Acker mit tiefen Kratern, den Ruinen von Häusern und ausgebrannten Bäumen; brüllend nach dem nächsten Feind, der nächsten Gelegenheit, vehement Aufmerksamkeit zu fordern, um sie gleich danach kreischend zurück zu schmettern.

Die Steigerung all dessen sind die Zickenkriege. Die nicht umsonst Zickenkriege heißen, weil auf beiden Seiten Zicken stehen, in Lauerstellung. Und ja, auch ich bin hin und wieder eine der Fronten – allerdings fehlt mir die Ausdauer dafür. Ich bin mehr so der Mensch für die schnellen Kriege. Einfallen, alles zerstören, weg. Und wenn das nicht klappt, habe ich keine Lust mehr. Zickenkriege werden für den Sieg geführt – nicht, um seine Zeit zu verschwenden. Ich muss andere Dinge tun: Kuchen backen, die Schlechtachter beschlechtachten und mit netten Menschen in der Sonne sitzen oder im Bett liegen und dem Regen lauschen.

Zumal die Scham nach einem Zickenkrieg immens ist: Zickenkriege geraten schnell außer Kontrolle, da wird gebissen und gefaucht, gekratzt und gespuckt – unwürdig. Wirklich unwürdig.

Und dennoch gibt es Frauen und Männer, die lassen sich gern darauf ein. Ein Tag ohne die verbale Schmutzschlacht in der Toilettenschlange ist für sie ein verlorener Tag – manchmal sogar in doppelter Hinsicht. Dabei ist es doch ein furchtbarer Kreislauf, wenn ich einmal so darüber nachdenke. Wie oben ausgeführt: Zickerei entsteht aus Angst und dem Gefühl, nicht erst genommen oder geliebt und gemocht zu werden – gleichzeitig tut die Zicke aber alles dafür, eben nicht ernst genommen zu werden, nicht geliebt oder und gemocht zu werden. Ein Teufelskreis. Ein Zickenkreis.

Vielleicht ist Zickentum ein kriegerischer Mückenstich im Kreisverkehr. Da kann man beim Kratzen eigentlich nur auf die Schnauze fallen.

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6 Kommentare zu “Der Mückenstich, der „Zickentum“ heißt

  1. Ich erinnere mich gerade an dieses „Ach?!“. Herrlich, Frau B., herrlich! 🙂

  2. Ich habe es an deinem Geburtstagsabend ja auch mal miterleben dürfen 😉

  3. jaja, das ist immer wieder das alte problem, dass, macht man nur den mund auf, gleich als zicke degradiert wird! da kann man machen was man willl, man hat seine meinung geäußert und schon stress man gleich rum. und ja, männer können so richtig zickig sein. hachja.. =)

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