Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Formularwelten, Badesaster #2

4 Kommentare

Man mag es kaum glauben, aber: Ich bin immer noch im Besitz einer funktionierenden und eingebauten Dusche. Mit dem Sommer hat sich auch bei Handwerkern eine Art Gemütlichkeit eingestellt, die mir auf der einen Seite gefällt – auf der anderen Seite aber auch den letzten duschfreudigen Nerv raubt. Seit fünf Wochen – oder noch mehr? – zieht sich das Badesaster nun hin. Dabei ist die Dusche noch drin, das Schlimmste kommt noch.

Noch hängt er da, der Duschvorhang.

Heute war Schlechtachter 4 da. Ein alter Mann, von der Versicherung des Wohnungsbesitzers geschickt, der schon nicht mehr auf den Boden runterkam, um das Corpus Badewanni in Augenschein zu nehmen. Was ja egal ist, denn prinzipiell war er da, um Formulare zu unterschreiben. Die legte er auf dem Waschbecken ab, murmelte und machte Haken. Prinzipiell hätte er das ohne eine Beschlechtachtung machen können und ich hätte heute nicht um kurz vor sieben aufstehen müssen, um früher mit der Arbeit anzufangen, um – puuuh, Bandwurmsatz – früher wieder gehen zu können.

Rund zehn Seiten Formular hatte der arme Mann dabei, seine verschwitzten Finger klebten auf dem Papier. „Wann ist Ihnen das erste Mal die Feuchtigkeit aufgefallen?“ („Gar nicht?!“), „Duschen Sie regelmäßig“ (Perfekte Antwort: „Ich rieche wie ein Sommermorgen. NATÜRLICH!!!“), „Und es tropft im Keller?“ („Tut es? Oh.“), „Wann war das erste Mal jemand deswegen hier?“ („Vor fünf Wochen…“) und „Und was sagten die Handwerker? Der Abfluss ist kaputt?“ („Nein, die Wanne wurde falsch eingebaut.“ „Oh.“)

Dabei wurde mir wieder einmal klar, in was für einer verformularten Welt wir eigentlich leben. Ich lehne Formulare ab, sie lähmen mich, in den Kästchen ist immer zu wenig Platz, um alle meine Gedanken unterzubekommen.

Liebes Finanzamt…

Auf einem Formular vom Finanzamt fragte man mich beispielsweise nach meinem Familienstand. Aber „ledig“ fehlte. Ich schrieb es trotz der Worte „Leserlich, Blockschrift“ daneben, malte einen eigenen Kasten und setzte ein Kreuz. Am liebsten hätte ich noch eine Abhandlung über die a.) Unverschämtheit der Fehlerhaftigkeit der Ankreuzmöglichkeiten geschrieben und b.) einen Essay zu der Frage, warum ich meine kostbare Zeit mit solch unwichtigen Fragen wie der nach meinen Forstbeständen verbringen müsste, während ich doch besser dafür sorgen könne, keine Kästen mit „ledig“ zu malen, indem ich den perfekten Mann für mich suchte. Aber ich glaube, beim Finanzamt versteht man keinen Spaß und möchte das Leben gern auf orangenen und grünen Formularen zusammengefasst haben. (Ich besitze übrigens keinerlei Forstbestände).

Manchmal kann man sich nur wundern, was die Menschheit in Form von Behörden und Institutionen, von einem wissen möchte. Die Zahngesundheit der Eltern, den Beruf des Bruders, die Häufigkeit der Körperpflege oder warum ich keinen Fernseher habe und an wen ich, wenn ich denn mal ein Empfangsgerät besessen habe, dieses verschenkt hätte. Facebook ist nichts dagegen, denen gebe ich meine Daten immerhin semifreiwillig.

Und so muss ich nun wohl damit leben, dass es nicht nur eine Akte über meine nicht vorhandenen Forstbestände beim Finanzamt in Leer gibt, sondern auch eine Akte bei einer Versicherung, in der meine Duschgewohnheiten aufgeführt sind. Wenn ich mich nicht recht täusche, hat der Schlechtachter auch meine Duschgelsammlung fotografiert und wird nun DM wohl davon in Kenntnis setzen, dass ich zwar bald keine Dusche mehr habe, dafür aber eine treue Kundin mit einer Vorliebe für Kokos und Tropen bin.

Eventuell sollte ich auch selber einfach mehr Formulare aufsetzen und an meine Umwelt verteilen. Ich könnte Akten über meine Mitmenschen anlegen. Nicht nur die, die ich ohnehin als Profil in meinem Kopf abgelegt habe. Sondern richtige Akten, zum Anfassen. Formulare wie Formular Ulle, kurz Fulle, Nummer 87b, in dem es um die Essgewohnheiten von Milchreis geht. Oder Fulle Nummer 32, in der Fragen rund um englischen Fußball beantwortet müssen. Fulle 5b8u verlangt eine Aufstellung der familiären Hintergründe vom Hauskaninchen bis zum Weihnachtsessen.

Das Problem ist nur: all diese Formulare müssen bearbeitet und abgeheftet werden. Das gilt ja auch für den Schlechtachter Nummer 4. Deshalb erwarte ich mit Grausen den Moment, an dem das Badesaster die Grenzen der Formularität überwindet und zu einer praktischen – und sanitären – Katastrophe wird.

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4 Kommentare zu “Formularwelten, Badesaster #2

  1. Wunderbar frisch geschrieben. Ich drücke Dir die Daumen in der Wannensache!

  2. uuuh handwerker im haus – unangenehme sache! viel erfolg dafür und – echt toller text! =9

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