Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Versteckt, verstaubt, besonders

7 Kommentare

Der Bekannte ist frustriert. Er wäre gerne etwas Besonderes für einen anderen Menschen. Aber dieser andere Mensch ist nicht in Sicht. So sehr der Bekannte auch sucht und hofft und versucht: niemand hört oder sieht ihn. Und so saß er vor einiger Zeit frustriert vor mir, die Schultern nach unten gedrückt, als habe die Suche ihm den letzten Rest Kraft geraubt.

Jeder Mensch hofft und wünscht, dass er für Jemanden etwas Besonderes ist. Das ist das, was wir als Liebe bezeichnen. Jemand sieht uns als Ganzes, erkennt das Zusammenspiel von Macken und Liebenswertem und erkennt darin etwas, das er nie wieder missen möchte.

Während der Mensch auf der einen Seite selber nach dem Besonderen sucht und als Besonderes gefunden werden möchte, hat er jedoch ein Problem: Wir alle denken in Schubladen. Oder sagen wir nicht alle: viele. Und das Besondere, das findet sich eben nicht in Schubladen. Besonderheiten passen dort gar nicht hinein.

Es gibt gesellschaftlich gefestigte Regeln, wie beispielsweise eine Traumfrau auszusehen hat. Oder wie der Traummann. Und daran orientieren sich viele. Kein Wunder, dass es diese ewigen Singles gibt, deren Ansprüche so weit von der Realität entfernt sind wie die Erde von Kepler-22. Und das ist weit. Unerreichbar.

Auf der einen Seite: das gewollte Besondere. Auf der anderen Seite: die Schublade Traumfrau.

Ich beispielsweise, ich sprenge mit einigen Körperteilen diese Schublade. Nun, ich bin auch an sich allgemeingeltend keine Traumfrau. Aber in der romantische Ecke meines Kopfes weiß ich, dass es irgendwann einen Mann geben wird, für den ich besonders bin. Vielleicht gerade deshalb, weil schon meine Füße nicht in die Schublade passen, meine Hände für die Schublade aber vermutlich zu klein wären. Weil ich Angst vor Clowns und Eis am Stiel habe und weil ich vor Freude kreische, wenn es anfängt zu regnen.

Vor beinahe genau einem Jahr schrieb ich schon einmal über ein ähnliches Thema. Über eine traurige Liebesgeschichte. Ein Mann, eine Frau, die nichts außer unglücklich wurden, weil er so eine fest geordnete Traumfrauschublade hatte.

Der geneigte Leser merkt: Ich bin in romantischer Stimmung. Nein, nicht weil ich direkt betroffen bin, sondern weil gerade so viele glückliche Paare in meiner Umgebung zu finden sind. Für viele Singles ist das Glück der Paare wie Salzsäure auf ihren Augäpfeln – für mich ist es wie Lavendelhonig auf frischem Toast: wundervoll. Mich macht das Glück anderer Menschen einfach glücklich. Ich würde solch einen schlechten Menschenhasser abgeben!

Aber zurück zum Thema: Obiger Bekannter sucht sein Glück übrigens auch in den Schubladen. Das finde ich merkwürdig, weiß man doch, dass das, was macht sucht, nie in den Schubladen liegt. Sondern in Körben, auf dem Sofa, unter dem Tisch, manchmal im Kühlschrank. An den merkwürdigsten Orten. In Schubladen findet man das, was man erwartet. Und das ist nichts Besonderes. Das sind Löffel und Gabeln, Socken und alte Tesafilmrollen.

Es gibt viele menschliche Eigenarten, die uns zu dem machen, was wir sind. Varianten über Varianten, die eine stärker ausgeprägter als die andere. Ich habe einmal das Beispiel mit den Backformen gebracht und vielleicht ist das immer noch ganz gut. Ich stehe ja bekanntlich auf Metaphern. Es lässt sich so viel damit erläutern, erklären und herunterbrechen. Metaphern sind toll. Und lustig. Sie nehmen vielen Sachen den Ernst. Und das ist gut.

In den Schubladen finden wir platongleich die Backformen. Das perfekte Ebenbild (eigentlich sogar: die Schablone) dessen, was angeblich Traummann oder Traumfrau ist. Aber es ist nichts Besonderes. Weil es jeder haben kann. Interessant sind all die mit Dellen oder Macken. Mit der abgesplitterten Farbe, dem schon leicht angeknacksten Innenleben und dem eingebrannten Teig an der rechten Seite. All die, die aus der Schublade rausgeflogen sind oder nie drin liegen durften.

Der Bekannte selber passt auch in keine Schublade. Seine Macken sind unübersehbar, aber gerade das macht ihn zu etwas, das sich zu suchen lohnt. Momentan fühlt er sich aber, als liege er verstaubt unter einem Tisch. Ein Ort, an dem man offensichtlich viel zu selten nach dem Besonderen sucht. Und unter Staub wird man ja auch so schlecht erkannt. Die Frau, die ihn irgendwann findet, wird unter den Tisch sehen müssen, sie wird pusten und die Brille putzen müssen – und dann sehr glücklich werden. (Kontaktdaten gebe ich bei Interesse natürlich gerne an gewillte Frauen raus. Ich verrate sogar, wo der Tisch ungefähr steht…).

(Da fällt mir ein: Ich sollte professionelle Kontaktanzeigenschreiberin werden. Followerpower: Gibt es dieses Berufsbild?)

Und nun kommt wieder das Schwierige eines jeden Textes, der Ausstieg. Lasst mich überlegen… Mmh… Also… Ich kenne noch eine Frau. Sie steht zwischen Kreuzkümmel und Pfeffer im Gewürzregal, leicht verdeckt vom Bohnenkraut.

Besonderheiten, wohin man sieht. Und wir Idioten, wir gucken in die Schubladen. Mann, Mann, Mann…

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7 Kommentare zu “Versteckt, verstaubt, besonders

  1. Wunderbar geschrieben. Und Dein Bekannter wird vielleicht auch noch woanders suchen.

  2. ach ja, die Schubladen… Irgendwie kommen wir nicht ohne sie aus, aber die wahren Schätze sind eben nicht darin. Schön geschrieben.

  3. Pingback: Das Glück und die Schubladen | Doppelblog's Weblog

  4. „In Schubladen findet man das, was man erwartet. Und das ist nichts Besonderes. Das sind Löffel und Gabeln, Socken und alte Tesafilmrollen.“

    Mein neues Lieblingszitat. Wie immer wunderbar und treffend beschrieben. Und deinem Bekannten viel Glück bei der Suche… Man muss eben manchmal auch hinter den Schrank schauen…

    • Lustig: Genau diese Textstelle habe ich mir eben in mein Heft der schönen und schlauen Sätze geschrieben.

      Als ich gerade den Text las, musste ich mit Schaudern feststellen, dass ich, die ich immer von mir behaupte, von Schubladendenken weit weg zu sein, gerade bei diesem Thema ganz vorne bei der InSchubladendenkolympiade mitmische. Fühle mich ertappt, aufgerüttelt (danke!) und werde nachher gleich mal auf der Parkbank und hinterm Fahrradständer nachschauen, wer weiß….

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