Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Teil 1 – Treibschwamm in da house

33 Kommentare

Ich hatte einmal ein schönes Badezimmer. Altbau, mit einem hohen – aber sehr schmalen – Fenster, eine Eckbadewanne, altem Marmorboden und eine wunderschöne Ablagefläche für all meinen Krempel. Ich hatte. Denn seit einigen Wochen ist klar: mein Bad ist der Feind für die Bausubstanz des mehr als 100 Jahre alten Hauses. Der Endgegner sogar. Drei Gutachter standen mit Schnappatmung vor dem abblätternden Putz an der Außenwand, hielten Messgeräte in ein gebohrtes Loch und sagten: „100 Prozent Feuchtigkeit.“ Matsch.

Meine Entchen suchen für Wochen eine neue Unterkunft.

Eigentlich fing alles mit – unfähigen – Malern an. Denen fiel auf, dass der Hausflur an meiner Badezimmerseite nass sei. An einem Morgen fing er mich ab und fragte: „Haben Sie Schimmel im Bad?“ Voller Stolz auf meine geniale Belüftungstechnik (Fenster prinzipiell immer geöffnet) sagte ich: „Nein.“ „Is hier aber nass“, guckte er mich ernst an und ich verwies darauf, dass ich dringend zur Arbeit müsse.

Einen Monat später bekam ich eine Email von der Hausverwaltung: „Setzen Sie sich bitte mit Klempner yx in Verbindung. Es gibt ein Feuchtigkeitsproblem mit ihrem Bad.“ Der Klempner kam, besah sich mein Badezimmer und sagte: „Das waren ja Idioten.“

Gemeint waren die Handwerker, die die Wanne eingebaut haben.

Etwas Klempnerkunde: Wenn eine Badewanne eingebaut wird, befüllt man sie mit Wasser und füllt dann die Fugen mit Silikon. Trocknen lassen, Wasser aus der Wanne. Der Grund ist, dass die Wanne mit Mensch und Wasser schwerer ist und bei Befüllung etwas absinkt. Deswegen müssen die Fugen auf diese Weise abgedichtet werden. Die Dehnungsrichtung nach oben halten Silikonfugen aus. Umgekehrt nicht. Warum die Handwerker, die die Wanne eingebaut haben, das Wasser nicht eingelassen haben und so verfugten – man wird es nie erfahren. Aber jedesmal dann, wenn meine Vormieter und später ich in die Wanne stiegen, ging die Wanne nach unten und die Fugen rissen ein. So konnte über Jahre Wasser eindringen. Der lautlose Feind. Seifenwasser.

Zudem verbauten die Handwerker damals eine Spanplatte. Vermutet wird, dass sie die Wanne stabilisieren sollte. Genau klar ist das nicht, die Platte ist zum großen Bruder von Spongebob Schwammkopf geworden und kaum noch als Holz zu identifizieren. Unter meiner Wanne, die in der Ecke vermauert ist, hat sich Leben entwickelt. Noch zwei, drei Jahre, und die Evolution wäre dort ihren eigenen Weg gegangen. Kleine Schimmelsaurier, mit Feuerschimmel werkelnde Homo Schimmelus, flatternde Zitronenschimmelinge. Soweit wird es nun nicht mehr kommen.

Es kam Gutachter 1. Mehr als 90 Minuten lag er auf dem Bauch vor meiner Wanne, hin und wieder skeptisch von Wilhelm Walter beschnüffelt. In regelmäßigen Abständen murmelte Gutachter 1: „Oh, Scheiße“ oder „Uha“. Einmal sogar: „Wer macht denn so einen Scheiß?“ Gutachter 1 sah mir irgendwann tief in die Augen. Er war wieder aufgestanden, hatte sich die Hände an seiner blauen Hose abgewischt und einen großen Schluck Kaffee getrunken: „Die Wanne muss raus.“ Ich legte fragend den Kopf schief. Alles sei feucht: „Wie ein riesiger Schwamm.“ Wenn die Spanplatte der große Bruder von Spongebob Schwammkopf ist, dann ist mein Badezimmer seine Mutter. „Und wie lange dauert das?“, fragte ich. „Vier Wochen.“ Seitdem nenne ich Gutachter nur noch: Schlechtachter.

Vier Wochen ohne Badezimmer. Glücklicherweise gibt es die befreundete Nachbarin, bei der ich duschen kann. Auch Frau P. von nebenan sagte schon: „Sie dürfen gern mal bei uns duschen.“ Und auch einige Kollegen zeigten sich hilfsbereit. „Kommste mal zu uns“ sagten sie. Ich sah mich also, fortan mit Kulturbeutel und Handtuch durch Leipzig fahren – immer auf der Suche nach der nächsten Dusche.

Und heute nun, heute kamen Schlechtacher 2 und Schlechtachter 3 mit großem Equipment. Große Kameras, große Bohrer. Sagen wir es so: Ich habe unter meiner Badewannendusche nun ein Loch in den Keller. Alle Bauschichten bis unten: 100 Prozent Feucht. Die sandige Schicht in der Mitte ist Matsch. Matsch. Matsch.

Immerhin: Mein Waschbecken bleibt.

Sicherheitshalber fragte ich noch einmal nach diesen ominösen „vier Wochen“. „Mindestens“, sagte Schlechtachter 2 und machte eine Pause. „Vielleicht auch sechs.“ Sein Blick danach sagte mehr „Vielleicht auch acht“.

Um es kurz zu machen: die Wanne kommt raus. Ein Teil vom Boden. Die Wand. Dann werden Strahler aufgestellt, die Wand und Bad auf Saunatemperaturen bringen sollen – ich lade also schon einmal in die Ulle-Therme ein. Ein Planschbecken könnte ich auf dem Balkon aufstellen, Eiswürfel liegen im Eisfach, Alkohol steht auf der Anrichte.

Schlechtachter 2 zeigte sich offensichtlich verwundert über meine Gelassenheit im Angesicht der badlichen Katastrophe. Es sollen schon Menschen deswegen geweint haben. Nun. Ich kann es nicht ändern. Ich mache das Beste aus der Situation. Meint: Badezimmerhopping in Leipzig.

Als meine Eltern noch verheiratet waren und wir in dem Haus wohnten, in dem ich aufgewachsen bin, gab es über Wochen schon einmal eine ähnliche Situation. Damals war nicht einmal die Küche benutzbar, weil ein wichtiges Rohr unter der Bodenplatte abgerutscht war. Wie gesagt: Meine Eltern waren damals noch verheiratet und mein jetziger – wunderbarer – Stiefvater war damals der Klempner unseres Vertrauens. Ihr ahnt: In meiner Familie gibt es eine romantische Liebesgeschichte.

Wer nun vermutet, dass ich bestimmt ganz froh über einen Handwerker bei mir bin: Naja, der, der für mehrere Wochen Mann an meiner Seite wird, ist klein. Und alt. Eine romantische Liebesgeschichte ist also nicht zu erwarten. Wohl aber Zustände wie bei CSI. Rotes Flatterband wird den unbewohnbaren Teil des Badezimmers vom kläglichen Rest (Toilette und Waschbecken) abtrennen. Denn sind erst einmal die Fliesen raus, ist nur noch Schwamm übrig. Treibschwamm, der mich unbarmherzig in den Keller ziehen würde.

Natürlich werde ich berichten. Ungeschönt. Vom Betteln um eine heiße Dusche. Vom Treibschwamm, der ungezählte Besucher anziehen wird. Ob es vier, sechs oder acht Wochen werden. Von schreienden Handwerkern. Vom Loch neben meiner Toilette. Von der Sauna im Bad im Sommer. Wenn ihr mich sucht: Immer der Nase nach. Ich bin im Land der Schlechtachter und Klempner.

Schlagwort? Keine Ahnung. Stimmt ab.

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33 Kommentare zu “Teil 1 – Treibschwamm in da house

  1. #Wannanarama!

    (Alles Gute.)

  2. Oh fuck, oh fuck. Ich erinnere mich noch sehr gut an Trockengeräte von unserer letzten Havarie durch eine einfach nicht angeschlossene Wasserleitung, die nachts die Wohnung und noch 2 andere Etagen flutete.Trockengeräte sind Arschlöcher. Und sehr sehr teuer im Verbrauch. Stell sicher, dass du die mehreren hundert Euro Strom hinterher nicht selber tragen musst, denn du hast den Fehler ja nicht verursacht.

    Das Wort Treibschwamm ist wunderschön und schon dafür: Alles Gute dir und deinem Schwammbad!

  3. „Etwas Klempnerkunde: Wenn eine Badewanne eingebaut wird, befüllt man sie mit Wasser und füllt dann die Fugen mit Silikon. Trocknen lassen, Wasser aus der Wanne. Der Grund ist, dass die Wanne mit Mensch und Wasser schwerer ist und bei Befüllung etwas absinkt. Deswegen müssen die Fugen auf diese Weise abgedichtet werden.“

    Das wurde bei uns nicht gemacht. Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen, damit ich sie dann auch bald anwenden kann. *schluck*

  4. Immerhin noch eine Toilette und ein Waschbecken für die Katzenwäsche. Bei mir kannst Du natürlich auch duschen. Graz heißt Dich und Deinen Kulturbeutel jederzeit willkommen! 😉

  5. Oh man, dein Unglück amüsiert mich. Selber schuld. Was schreibst du auch so gut.

  6. Ich kann voll und ganz nachvollziehen wie du dich ohne vernünftiges Bad fühlen wirst! Wir hatten ja zwischen Mitte März und Ende Mai auch nur ein GästeWC zur Verfügung. Das waren fast 10 Wochen. 😦

    Der Dreck ist eigentlich nicht sooo schlimm. Wenn einmal alles raus ist geht es. Bei uns war es halt etwas schlimmer, weil wir in allen Zimmern (außer im Schlafzimmer und Keller) nahezu einen Rohbau hatten.
    Was mich durch diese „schlimme“ Zeit getröstet hat, war immer „Es muss erst mal häßlich sein, damit es nachher schön werden kann“.

    Das die Wanne erst mit Wasser befüllt werden muss, bevor die Silikonfugen gesetzt werden war mir auch nicht bekannt. Ich hoffe die Herren, die sich um unser Bad gekümmert haben wussten das!!! Ich war nämlich nicht da, als das alles verfugt wurde. Wenn nicht tropft es dann wohl irgendwann im Flur von der Decke… 😦

    Obwohl du die Sache hier ja schon ziemlich mit Humor trägst, drücke ich dir die Daumen, dass es nicht allzu lange dauert, bis alles wieder schön ist!!! 🙂

  7. Danke! Ich werde regelmäßig Fotos zeigen 🙂 Für Schadenfreude oder Mitleid – das sei dann jedem selber überlassen 😉

  8. Oooooha! Willst Du nicht den ganzen September Urlaub in HH machen?! Du darfst auch gerne ganztägig in der Badewanne plantschen!

  9. Oha, da haste dir ja was schickes eingefangen. So ein Pfusch scheint sehr oft gemacht worden sein. Vermutung: schnell und billig sollte es gehen. Dabei kann man in Nassräumen so viel verkehrt machen… Vor allem das Verfugen der Badewanne wird sehr oft falsch gemacht, da eben jenes oben im Text geschriebene meist nicht gemacht wird.

    Und: „… Voller Stolz auf meine geniale Belüftungstechnik (Fenster prinzipiell immer geöffnet) … “

    Das klingt so genial, dass es leider total verkehrt ist. Das Bad nach dem Duschen lüften sollte man Etappenweise machen. Fenster für paar Minuten richtig auf und lüften. Fenster wieder zu und Luft verteilen lassen, dann wieder das Fenster für einige Minuten öffnen. Das mehrmals wiederholen.
    Wenn man nach dem Duschen das Fenster einfach ne Stunde auf macht, kühlt der Raum nur aus, aber die Feuchtigkeit geht nicht wirklich weg. Da aber schon vorher vieles falsch gemacht wurde, kannst du glücklich sein, dass es entdeckt wurde. Sonst wäre es gesundheitlich irgendwann auch unangenehm geworden.
    Und allgemein gilt auch: Fenster ankippen sollte man möglichst ganz unterlassen.

    Kleine, etwas erweiterte berufliche Kunde meinerseits 😉

    Und: Badestaster klingt toll

    • och, jetzt hat es den [ Klugscheißmodus ] für den mittleren Teil der Antwort nicht mit gesendet 😦

      • Ich habe kein Problem mit dem Klugscheißermodus, wo ich doch weiß, dass meine geniale Belüftungstechnik jedem Experten den Schweiß auf die Stirn treibt. Immerhin bin ich die Stieftochter eines Klempners 😉

        Auf Kipp habe ich Fenster so gut wie nie. Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes – und Mitteldinger lehne ich ab und können kaum gut sein. Glaube ich.

  10. Das ist ja… nicht gerade bewundernswert. Ich wünsche dir starke Nerven und allseits bereite Dusche-zur-Verfügung-Steller!
    Mir ging es in meiner WG kurz vorm Auszug ähnlich… nur mit der Küche. Das war unschön, aber wesentlich leichter zu verkraften als eine nicht funktionale Dusche! Und ich kann mich nicht zwischen Bagödie und Wannanarama entscheiden… schlimm, dieses Duschlemma!

    • Hihi… Man kann dreimal abstimmen. Ich kann mich nie entscheiden und freue mich immer, wenn ich mehrere Dinge gleichzeitig auswählen kann. Eine Entscheidung wird dann meist schon richtig sein…

  11. Sie dürfen natürlich auch gern jederzeit Duschasyl in FFO und Badeasyl bei mir in Berlin in Anspruch nehmen!

    Sie sollten das mal vorher klären, dass die Handwerker eine Baustromleitung legen, Sie können ja nicht wochenlang Strom ohne Ende zahlen. Das hatten wir auch als monatelang unsere Fassade in FFO saniert wurde. Da kann man ja nicht den Privatstrom zur Verfügung stellen. Befragen Sie doch bitte mal die wirklich Fachkundigen wie Ihren wunderbaren Stiefvater oder hyaeneleipzig.

    Tja, ich freue mich, mit etwas zwiespältigem Gefühl auf den Fortsetzungsroman und hoffe für Sie auf knusprige, ergänzende Klempner-Gesellen. Die Romantik soll ja nicht fehlen.

    • Ich habe tatsächlich gestern Mittag sofort Muttern und Stiefvater angerufen, die gemütlich mit ihrem Boot auf dem Ijsselmeer schipperten – den Strom übernimmt wohl die Versicherung nachträglich. Dafür muss ich aber die Stromstände notieren. Langsam bin ich in Sorge, dass das für mich in Arbeit ausartet.

      Im September plane ich übrigens einen Ausflug nach Berlin. Vielleicht könnten wir dann auch unser entzückendes Thai-Essens-Ding wiederholen?!

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