Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Glitzer, auf jeden Fall Glitzer!

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Vor einigen Tagen twitterte Sina einen Artikel aus der TAZ zum Thema „Frauenzeitschriften„. Ich lese ja gern Frauenzeitschriften. Weniger, um mir dort Rat zu holen, sondern um mir einen Überblick über das zu verschaffen, für das ich mich interessieren sollte – aber völlig an mir vorübergeht.

Der Artikel zeigt aber recht gut, wie an Menschen herumgezerrt wird. Prinzipiell soll es keine Rollen mehr geben, wir alle – Männer wie Frauen – sollen uns frei entfalten, aber diese freie Entfaltung hat unter bestimmten Regeln und Gesetzen stattzufinden. Und diese Rahmenbedingungen .. naja… Schwierig, sich dem zu entziehen.

Nehmen wir einmal meine Hass-„Kolumnistin“ Katja Kessler. Im Stylebook gibt es ihre kleine Sparte Katjas Kladde. Die Zahnärztin und Chefredakteursgattin quietscht sich durch die Videos, flippt sich selber demütigend als Starschnitt über die Seite. Es geht um Kleidung und Promis und trifft sie mal einen der deutschen C-Prominenz, wird sie ganz aufgeregt, ihre Stimme geht eine Oktave höher und … nun… anbiederlich eben.

In der aktuellen „Kolumne“, die den erschreckenden Titel Nicht durchdrehen, wenn die Locke klemmt trägt, geht es um Haardesaster. Ein schlimmes Problem. Länder liegen im Krieg, weil die eine Grande Dame den schöneren Dutt als die andere First Lady hat.

Das Frauenbild, das all diese Kolumnen – weitere Knaller der Reihe Baustelle Mann – es gibt immer etwas zu tun oder Tratsch und Clutch – Ich steck die Welt in die Tasche – transportiert ist mit „überholt“ nicht mehr zu beschreiben. Vermutlich hätte selbst meine Oma, in den 1950er Jahren ein flotter Feger in den Weiten Ostfrieslands, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Katjas Kladde (nein, kein Block, nur eine Kladde für Entwürfe) zeigt, wofür Frauen sich zu interessieren haben: Mode, Mode, Mode – achja… Und vielleicht noch den Mann an ihrer Seite verändern. Wobei das natürlich alles mit einem Augenzwinkern passiert, denn ändern, ändern möchte man eigentlich nichts. Es könnte in Arbeit ausarten und wer arbeitet, der hat keine Zeit mehr für die wichtigen Dinge. Ich sag nur: Clutch und Klatsch.

Um auf meine Oma zurückzukommen: Für sie zählte auch, ihre Familie gesund und kostengünstig zu ernähren, Proviantpakete für den Weg zur Schule zu packen. Aber nicht einmal mehr das interessiert die Frau nach Katja Kessler. Geht es ums Essen, dann darum, wie die Bikinifigur bis zum nächsten Ausflug an den Strand entsteht. Es geht also weniger um das Essen, sondern um den Verzicht darauf. Kein Wunder, dass ganze Generationen von Kindern mit einem merkwürdigen und bedenklichen Körperbild aufwachsen.

Ohnehin: Welche Rolle spielen eigentlich Kinder bei Kessler, Maxi und Co? Geht einer meiner Leser auf die Barrikaden, wenn ich schreibe: Kinder sind das perfekte Accessoire für die Frau, die der Welt zeigen will, dass sie sich nun vollends selbstverwirklicht hat?

Dazu passt hervorragend die gestrige Meldung der Bild. Sylvie van der Vaart, Fußballerfrau, Moderatorin und gelernte Personalmanagerin, verspricht, dass sie nach dem Aus beim Supertalent eine neue Sendung bei RTL bekommt. Worum es geht: noch nicht klar. Sicher aber: „Aber es soll entweder um Mode oder um Kinder gehen.“ Glitzer wird es also auf jeden Fall. Nur ob in Gold, Silber, Pink oder Himmelblau – das ist noch nicht ganz klar.

Merkwürdig. Wir reden über Frauenquoten und darüber, dass Frauen irgendwie nicht den Sprung auf den Chefsessel schaffen (ich würde ohnehin nicht springen, ich würde mich setzen – bei meiner Tollpatschigkeit würde ich nur daneben springen oder die Rollen würden den Stuhl unheilvoll in Schwung versetzen) – gleichzeitig wird uns die Antwort auf diese Diskussion überall vorgesetzt: Man kann Frauen nicht ernst nehmen. Wo doch der Bad-Hair-Day dem auflagenstärksten Klopapier Deutschlands ein riesiger Aufmacher wert ist. Wir sind unemanzipierter als unsere Großmütter. Wir reden von Selbstverwirklichung und verwirklichen unreflektiert doch nur Klischees.

Dass mich keiner falsch versteht: Ich bin keine Emanze. Ich bin es mal gewesen. Ich möchte nur, dass die Menschen – Mann, Frau, alles – glücklich sind, das machen können, was sie wollen. Fernab von Rollenklischees und dem sich Widersetzen eben dieser. Wer gerne kocht, der soll das machen, egal ob Mann, Frau. Wer gerne Fußball spielt, soll auch das tun. Aber ohne missionarischen Eifer, ohne das ständige Verweisen auf Rollen und Erwartungen und konstruierte Pflichten.

Wie schön, dass SpiegelOnline, die ich gerne einmal wegen ihrer Teaser kritisiere, heute eine wunderbare Geschichte über alte Frauen und Mode hat. Und darüber, dass diese Frauen jeden Tag alles aus sich herausholen, das machen, was sie möchten.

Besonders beeindruckt hat uns Kolleginnen (wir saßen verzückt vor dem Video) die Künstlerin Ilona Royce Smithkin, die in einem entzückenden Video – welches ich auch einfach mal eingebunden habe – sagt: „It’s a wonderful thing not to need something.“ Vor allem: niemanden, der uns sagt, was wir glauben sollen. Was wir wollen sollen. Was wir sein sollen.

Update: Der aktuelle Artikel bei Katjas Kladde heißt seit gerade eben: Haare zähmen mit allen Mitteln. Haare – war klar.

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7 Kommentare zu “Glitzer, auf jeden Fall Glitzer!

  1. Ihre Bücher haben illustre Titel wie „Frag mich, Schatz, ich weiß es besser!: Bekenntnisse einer Ehefrau“ oder „Das Schatzi-Experiment oder Der Tag, an dem ich beschloss, meinen Mann zu dressieren“. Ist natürlich besonders witzig, weil, Männer, zwinker, zwinker!

    Das erinnert mich wieder an die Zeitschriftenregale im Supermarkt: Voll von „Frauenzeitschriften“. Wenn Bild der Frau das Bild der Frau darstellt, dann Danke und gute Nacht. Wie die Bild der Frau es schafft, jede Woche eine neue Diät zu präsentieren (2 Kilos in einer Woche!), das weiß ich bis heute nicht.

    Ihr seid nicht Bild der Frau und wir nicht Men’s Health. Und das ist ok.

    (was mich immer wieder irritiert: Wie Frauen Frauen sagen, wie sie zu sein haben)

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