Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Torschlusspanik beim Sockenausverkauf

9 Kommentare

Ich schreibe heute über ein Thema, das ein Tabu in unserer Gesellschaft ist. Tabus sind dazu da, gebrochen zu werden. Das machte Charlotte Roche als sie über ihre blumenkohlförmigen Hämorrhoiden, Klopapier als Tamponersatz und noch allzu anderen Kram schrieb. Diese zwei jungen Männer, deren Namen ich immer vergesse, versuchen auch Tabus zu brechen. Wobei mir die Tabus nicht klar werden, wie auch der Sinn der Existenz von… ich habe kurz gegoogelt… Joko und Klaas.

Tabus also. Es geht um Torschlusspanik. Wenn man, vor allem Frauen eigentlich, ein bestimmtes Alter erreicht, erwartet die Gesellschaft beinahe, dass sich dieses Gefühl einstellt. Wer mit Ende 20/Anfang 30 fernab jeder ernsten Beziehung befindet, der wird irgendwann gefragt: „Hast Du keine Angst, niemanden mehr abzubekommen?“

Auf diese Frage gibt es keine richtige Antwort. Es gibt nur sehr Falsche. Sagt man „Ja, habe ich“, dann kommt der wohlgemeinte und doch nervige Rat: „Aber wirke auf keinen Fall verzweifelt! Das schreckt ab.“ Danach kann der Wunsch nach dem heimischen Sofa und zugezogenen Vorhängen nur wachsen.

Antwortet man mit „Och, nööö“ kommt vom Gegenüber ein Seufzer: „Du kannst es ruhig zugeben. Es ist doch vöhöhöllig verständlich.“ Ähm. Ja.

Prinzipiell sollte man also gar nicht antworten. Wozu auch? Die obigen einzigen Antworten bieten keinerlei Möglichkeiten, das Gespräch zu einem für beide Seiten freudigen Ende zu bringen. Es kann nur in einem Desaster enden, weil die Singlefrau (gibt es diese Gespräche bei Männern auch?) so oder so als verzweifelter Singlist daraus hervorgeht. Sei sie es – oder sei sie es nicht.

Fangen wir bei der Bezeichnung an. Torschlusspanik. Torschlusspanik ist ja ähnlich wie Espresso fehleranfällig. Schwups, ist man zu müde oder betrunken oder beides oder nur dumm – und schon wird aus der Torschlusspanik die Torschusspanik und aus dem Espresso das unbekannte Getränk Expresso. Wobei Torschusspanik und Torschlusspanik schon beide so inhaltlich gehen. Wer die Engländer vor dem Elfmeterpunkt sieht, der weiß, dass da durchaus Panik mit im Spiel ist.

Torschlusspanik. Die Tore schließen, die Panik bricht aus. Ich stelle mir das immer so vor wie beim Sommerschlussverkauf vor Woolworth. Da stehen all die Muttis in hellblauen Kittelschürzen vor den Toren, bis diese öffnen. Punkt 10 Uhr kümmert sich ein Sicherheitsbeamter darum, dass der Schlüssel herumgedreht wird. Und dann stürmen all diese Biester durch die Türen, schubsen und schieben, nur um die Socken aus Taiwan 10 Cent günstiger zu bekommen – und mit ihnen Käsefüße. Plastik. Ihr versteht. Wer bis 18.30 Uhr keine Socken bekommen hat, der bleibt erst einmal barfuß – bis zum nächsten Superangebot.

Sicherlich, die richtige Erklärung wäre das Ding mit den Stadttoren. Aber die gibt es ja leider Gottes nicht mehr, dabei wären die manchmal schon sehr hilfreich. Beispielsweise dann, wenn zum Wochenende Garnisonen von Junggesellenabschiedswilligen betrunken und beschämend durch die Kneipenstraßen ziehen.

Und jetzt mal ehrlich? Welche Frau mit etwas Würde tut sich obiges Szenario an? Wir wollen Tom Ford und nicht Taiwan. Wir wollen Wohlgeruch und keine Käsemaunken. Wir wollen alles – und zwar nicht sofort.

Alleine der Gedanke daran, aus der reinen Not heraus einen Mann zu nehmen, der vielleicht gerne Milchreis isst, nein, nein, nein.

Und so ist es nämlich beim Torschluss. Da kauft man etwas, weil man Sorge hat, dass die Socken nicht mehr günstiger werden – oder es die letzten Socken sind, die wir uns je leisten werden. Und nach einem Monat haben sie Löcher, glänzen trotz Handwäsche an einigen Stellen und riechen bereits nach zehn Minuten tragen. An sich: der Tragekomfort ist gleich null. Wir rutschen damit in unseren Schuhen herum, das Bündchen rutscht und am Abend… erwähnte ich die Käsefüße?

Der ein oder andere Mann wird nun wieder empört aufschreien, weil ich ihn mit Socken vergleiche. Aber wir Frauen, wir Frauen lieben Socken! Ich sage nur: Wohlfühlsocken! Sie wärmen im Winter unsere Füße, geben ein Gefühl von Zuhause, lassen uns wie auf Wolken gehen, umschmeicheln die Haut und halten mit viel Glück sehr lange. Prinzen, ein häufiges Symbol für Männer, ziehen irgendwann in den Krieg und kommen mit Syphilis wieder – kein besonders schmeichelhafter Vergleich, meine Herren.

Torschlusspanik können aus dem Grund auch nur Frauen bekommen, die keinen Wert auf Qualität legen. Und nein, ich lasse nicht gelten, dass die Panik irgendwann so groß ist, dass man alles nimmt. Irgendwann wird er kommen. Der perfekte Mann. Die perfekte Socke. Und solange tanzen wir barfuß durch das regennasse Gras.

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In eigener Sache: Oben findet der geneigte Leser nun den Reiter für „115 Leipzigs„. Mein ambitioniertes Großprojekt für die kommenden Monate. Ich möchte nämlich – tusch – jeden Stadtteil, Ortsteil, jede Gemarkung von Leipzig bereisen. Gar nicht so einfach. Noch sieht es sehr leer aus und ein wenig traurig, aber ich hoffe, die Plätze bald mit Inhalt füllen zu können.

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9 Kommentare zu “Torschlusspanik beim Sockenausverkauf

  1. Es fühlt sich manchmal wie beziehungstechnisches ”Reise nach Jerusalem” an. Das haben alle mit Mitte 20 gespielt aber nicht allen mitgeteilt (Ich kenne die Regeln immer noch nicht). Die Stühle sind jetzt entweder weg, kaputt oder gut versteckt. Da mache ich mir manchmal doch Gedanken…möchte nicht den Rest meines Lebens stehen müssen.

    Wobei ich manchmal das Gefühl habe, dass gerade Frauen lieber unbequem sitzen als mal eine Weile zu stehen.

  2. Man wundert sich, ob das, was Du da wieder so gekonnt und humorvoll auseinandernimmst, überhaupt noch von irgendwem ernstgenommen wird … ich befürchte aber, dass der paarideologisch-romantische komplex da immer noch ganze arbeit leistet.
    Auch wenn ich das ständig und überall propagiere, hier noch einmal der link auf ein gradios grandioses buch zu diesem thema: http://www.fischerverlage.de/buch/liebe_wird_oft_ueberbewertet/9783100929464

    • Das Buch hole ich mir!

      Und ja: Ich glaube, dass es sehr sehr fest verankert ist, dass wir so und nicht anders zusammen leben. Dass dieser Druck zu Entscheidungen führt, die uns vielleicht gar nicht glücklich machen – das wird dann vergessen. Leider.

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