Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Tasche zum Weltretten

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Die Kollegin kämpfte heute mit dem Reissverschluss ihrer (wunderschönen) Jacke. Irgendwie hatte sich das Mistding verhakt, nichts flutschte so wie es sollte. Sie zog und zerrte – und ich bot ihr an, mit etwas Silikonöl auszuhelfen. Die Kollegin sah mich irritiert an: „Du hast nicht wirklich Silikonspray in Deiner Tasche?“

Die Antwort ist: Ich hatte Silikonspray in der Tasche. Ebenso übrigens wie Kabelbinder. Vor einiger Zeit, ich weilte in einem anderen Büro, war dort das Fenster kaputt. Es konnte einfach nicht mehr geschlossen werden – was bei Wind und Wetter unschön sein kann. Ich entnahm meiner Handtasche also zwei Kabelbinder und verschloss das Fenster mit ihnen.

Schon da richteten sich verwunderte Blicke in meine Richtung.

Sicherlich: Es ist schon ungewohnt, dass tatsächlich praktische Dinge in einer Damenhandtasche zu finden sind – aber ich möchte nicht mehr ohne Kabelbinder aus dem Haus gehen. Mit Kabelbindern kann man die Welt retten.

Männer wollen ständig wie MacGyver sein und aus allem ein U-Boot bauen. Aber wie soll das gehen, wenn Männer nie irgendwas dabei haben und die Handtasche ihrer Freundin tragen müssen, in der nachweislich nur Lippenstift und Mobiltelefon sind. Aus einem Lippenstift kann man nichts bauen, man kann melodramatisch „Ich liebe Dich“ auf einen Spiegel schreiben – aber ansonsten?

Mit Kabelbindern und Silikonöl bin ich auf der sicheren Seite. Wenn mein Fahrrad unangenehm quietscht, kann ich mit Silikonöl alles etwas schmieriger machen. Und Kabelbinder… Kabelbinder… Erwähnte ich, dass man mit ihnen die Welt retten kann?

Der ein oder andere unterstellte mir schon, ich bräuchte sie, um Männer an mich zu fesseln. Das ist natürlich eine bösartige Verleumdung. Ich kann sehr wohl mit meiner Persönlichkeit punkten, ich muss niemanden fesseln. Ich bin liebreizend, charmant und all dieses Gedöns, das auf dem Markt der Geschlechtsreife so gefordert wird.

Kabelbinder kann man immer gebrauchen. Wenn – wie oben – ein Fenster nicht richtig schließt, vielleicht der Knopf von der Hose abspringt und nichts mehr das Stück Stoff hält (ist mir noch nie passiert!), am Fahrrad etwas klappert oder das Haargummi nicht mehr hält. Es gibt ungezählte Möglichkeiten für solch ein Stück Kabelbinder.

MacGyver hat sein rotes Taschenmesser, Chuck Norris seine bloße Existenz – und ich eben meine Kabelbinder und mein Silikonöl. Vermutlich wäre ein Feldzug damit nicht möglich, aber ich bin ja auch im Auftrag des Friedens unterwegs.

Sicherlich: mit dem Silikonspray kann man schon Menschen weh tun. Deshalb ersetzt es auf nächtlichen Radfahrten auch das Pfefferspray. Ich würde mit mit dem Öl sicherlich schon Unheil anrichten – aber wer mit mir Unheil anrichten möchte, der hat es auch nicht besser verdient. Und mein Schlüsselbund ist einfach nicht groß genug, um eine angemessene Waffe gegen Unholde zu sein. Solch ein Kabelbinder zwiebelt zwar als Peitsche eingesetzt ganz gut – aber ich bin nicht schnell genug, meine Selbstverteidigung muss nachhaltiger sein.

Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Ich schrieb an dieser Stelle schon häufiger über Handtaschen. Sie sind immer wieder Thema. Weil Männer nicht verstehen, warum Frauen sich den Rücken mit dem Tragen riesiger Säcke kaputt machen. Und weil Frauen zwar vielleicht noch an einer Drogerie vorbeilaufen können, aber ein Handtaschengeschäft eine merkwürdige Faszination ausübt. Der Schritt wird immer langsamer, der Blick rast über die Ständer und Regale mit den Taschen.

Ich habe immer eine Tasche dabei. Dabei schleppe ich Dinge mit mir rum, die ich nie benutze. Manchmal weiß ich nicht einmal, warum ich sie eingepackt habe. Im Gegensatz natürlich zu den Kabelbindern und so.

Beeindruckend ist, dass die meisten Männer, die ich kenne, nie ein Äquivalent zur Damenhandtasche dabei haben. Mein Bruder trägt so eine lässige Outdoor-Gürteltasche, in der Geld, ein Messer und das Mobiltelefon sind (er ist Umweltwissenschaftler und muss auch dafür ausgerüstet sein, im Oldenburger Sumpf in Wechloy zur Not auch ein niedersächsisches Krokodil zu töten – sollte es einmal auftauchen), der Kollege besitzt ebenfalls eine Gürteltasche, die er sich aber um den Hals hängt – er hat ebenfalls ein Mobiltelefon und Geld dabei. Sowie seine Rauchwaren. Die Zwei sind die einzigen Männer, die ich mit Tasche kenne.

Aber wie können Männer das? Das Haus verlassen, ohne Kamm, Kabelbinder, Silikonöl, Lipgloss, mindestens zwei Bücher (Auswahl muss sein!), Mineralwasser, Handcreme, Taschenspiegel, Taschentücher, Batterien, Schreibblock und verschiedenfarbige Stifte? Haben sie nicht das Gefühl, einen Teil von sich zuhause zu lassen, für Notfälle nicht gerüstet zu sein? Was machen Männer, wenn die Lippen mal trocken sind? Wenn ein Fenster kaputt geht oder das Fahrrad quietscht. Was?

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22 Kommentare zu “Die Tasche zum Weltretten

  1. Wie Männer ohne Handtasche mit all den überlebenswichtigen Dingen drin das Haus verlassen können, ist mir auch völlig unklar.
    Was ja noch skandalöser ist: erst machen sie sich lustig über unsere MacGyver-Ausrüstung, dann wollen sie aber doch ein Taschentuch/einen Kabelbinder/dass wir ihren Krempel in unserer Tasche unterbringen.

    Story, exakt so passiert letzte Woche vor dem Springsteen-Konzert:
    Ich quetsche das für ein Konzert überlebensnotwendige (Geld, iPhone, Haarbürste, Haarband, Lippenstift, Puder, Puderpinsel, Taschentücher, etc.) in eine viel zu kleine, aber dafür praktische Umhängetasche, er – schmunzelt: „Was willst du denn da alles mitschleppen?“
    2 Sekunden später: „Oh, kannst Du da vielleicht noch die Hotelschlüssel und die Tickets unterbringen?“
    I rest my case. Und packe jetzt ein paar Kabelbinder in meine Handtasche, für alle Fälle.

  2. Seit ich letztens meinen Fahrradkorb befestigen musste, trage ich auch ein paar restliche Kabelbinder (in modischen schwarz) mit mir rum. Nach deinem Artikel werden sie auch ertmal da bleiben wo sie sind. Ich habe mir sogar mal überlegt einen Schraubenzieher einzupacken aber davon gehen die schönen Taschen so schnell kaputt.

    • Siehst Du! Kabelbinder kann man immer gebrauchen. Ich habe meinen zwei Kolleginnen aus dem Büro heute erst einmal jeweils einen geschenkt. Noch wissen sie nicht, was sie damit anfangen sollen – aber der Moment wird kommen. Bald.

  3. Ich hab meist ein Rucksack dabei. Darin sind an normalen Tagen (Arbeit): Macbook, iPad, Stifte, Buch, Block, Taschentücher, Ladegerät, Kabel- und Adapter, 1-2 Schnellhefter mit Inhalt, Wasserflasche.
    Wenn ich nicht Arbeite, reise ich mit leichtem Gepäck: kleine Planentasche mit nem iPad, Stiften, Taschentüchern, Reisepass (für alle Fälle! Man weiß ja nie, wenn man mal schnell das Land verlassen muss), Notizzettel, Wasserflasche, meist noch nen Magazin oder kleines Buch, Lineal.
    Leider kann man mit der großen, noch der kleinen Ausstattung die Welt retten. Aber Kabelbinder leuchtet mir ein. (u.a. Handschellen für böse Menschen!)

  4. Außerdem befinden sich in der Tasche ein Notizblock, mein Terminkalender, der Haustürschlüssel – und ab heute natürlich auch Kabelbinder!

  5. Stimmt, Kabelbinder und Silikonölspray können die Welt retten. Und zu verschiedensten Zwecken eingesetzt werden.

    Ich kenne aber viele Männer, die zumindest eine kleine Hipstertasche sich quer rüber hängen, wenn sie in der Freizeit aus dem Haus gehen, bei größeren Anlässen auch einen Rucksack.

    In feinster Gewandung erhielt ich auch einmal die unsittliche Anfrage, einen Männer-Schlüsselbund mit in meinem Abendhandtäschchen unterzubringen. Von einem, nun ja, nicht uneitlen, Herren, der sich seine Smoking-Jacke nicht ausbeulen mochte. Der Funkfernsprecher passte gerade noch rein, bzw. war wichtig genug um permanent am Körper getragen zu werden. Ich hatte nur wenig realistische Chancen, abzulehnen, weil hierarchische Beziehung, habe aber darauf verwiesen, dass die Frau in der Geschichte nur selten mehr als ein Ridikül mit sich trug und dass dies eine Ausnahme sei. Wobei es dann auch bei diesem einen Mal der Schlüsselunterbringung blieb.

  6. Des Rätsels Lösung für zumindest einen Teil der Männer: Cargohosen. Da gehen Taschentuch, Taschenrechner, Taschenschirm, Taschenlampe und Taschenmesser in die eine, Gasbrenner, Schokoladentafel, Kamera und noch zwei, drei Dinge zum Frauenverblüffen (»Picknickdecke? Augenblick …«) in die andere Beintasche. Damit paßt der Mann zwar in keinen Kinosessel mehr, heißt aber dafür im Bekanntenkreis »Mr. Gadget«.

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