Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das Liebesleben der Paarmeen

13 Kommentare

Am Sonntag, als ich mit dem Rad nach Hause fuhr, hatte ich es wieder einmal mit menschlichen Verkehrshindernissen zu tun: Pärchen. Es ist an sich kein Problem, an engeren Stellen mit den Fahrrad an einer Person vorbeizufahren, Pärchen aber – vor allem händchenhaltende – haben ein Raumbedürfnis, das mir als Fahrradfahrer nur die blanke Wut ins Herz treibt.

Denn rund 95 Prozent der Pärchen denken nicht daran, dass sie als sich langsam bewegende Straßenbarrikade durch dieses Leben manövrieren. Es ist für sie selbstverständlich, dass sie nicht Platz machen müssen – sonderen die anderen. Sei es im Supermarkt, wo sie gemeinsam mit dem Einkaufswagen aggressiv-gemütlich schlendernd ganze Gänge blockieren, sei es im Bekleidungsgeschäft, wo sie zwecks körperlichen Kontakts die Kabine für laaaange Zeit beanspruchen. Oder sei es eben auf Fußwegen, Radwegen, FußRadGehwegen.

Als ich am Sonntag leicht entnervt klingelte, brüllten mich gleich zwei Stimmen an. Und wieder einmal musste ich daran denken, dass Paare immer Recht haben: weil sie zu zweit sind. Hat man einmal einen Konflikt mit einem Teil des Paares, kann man wetten, dass der andere sich nicht still verhält – sondern in besonders schweren Fällen zur Furie wird, den Partner mit Klauen verteidigt. Das ist auf der einen Seite schön, weil jeder gerne verteidigt werden möchte. Aber Alleinstehende stehen sich plötzlich der Paar-Armee (im folgenden kurz „Paarmee“ genannt) gegenüber und sind chancenlos. Die Paarmee ist etwas furchtbares.

Paarmeen sind häufig diese Paare, die nach außen so tun, als sei alles in der Beziehung in völliger Ordnung, bei denen man aber irgendwann durch erhöhten Alkoholkonsum feststellen durfte, dass es „eigentlich gar nicht mehr so gut läuft“. Es ist das „Druck von Außen erzeugt Solidarität von Innen“-Prinzip. Wobei der Druck auch einfach ein klingelnder Fahrradfahrer sein kann. Alles wird als Angriff auf die Beziehung gesehen. Glückliche Paare haben gar keinen Platz für Aggressionshormone.

Paarmeen sind auch die, die Singles gerne klein machen, und über die Vorzüge des Vergeben-seins schwadronieren. Dass hinter dem „Ich bin ja so froh, dass ich mein Hasel habe“ vor allem ein „Ich will nur nicht alleine sein“ steckt, übertünchen sie mit Spitzen gegen alle anderen, die unter dem Single-Sein gar nicht so leiden.

Für Paarmeen ist es völlig undenkbar, alleine zu sein. Seit Jahren sind sie vergeben, kaum fähig, alleine etwas zu unternehmen. Das ist irgendwie traurig, aber eigentlich nicht bemitleidenswert. Es gibt genügend coole Paare, in denen beide Teile das temporäre Alleine-sein schätzen, sich gerne Zeit für ein eigenes Leben nehmen. Für Paarmeen ist das nichts. Paarmeen haben das „Wir gehören zusammen“ aus Angst so sehr verinnerlicht, dass ein „Ich mache heute einmal etwas alleine“ als Verrat an der Beziehung an sich gesehen wird.

Und nein, natürlich sind nicht alle Paare so. Nicht einmal die meisten. Aber in dem Wust aus Zweierkörpern sind immer wieder Paarmeen zu finden. Und weil sie aus Unglück und dem Krallen am Glück, das schon lange keines mehr ist, ganz verbittert und müde und verzweifelt sind, stechen sie heraus. Sie sind der Grund, warum Singles sagen, dass es vielleicht doch ganz gut ist, alleine zu sein. Und sie sind der Grund, warum Teile von Pärchen sich immer wieder fest in die Augen sehen und sagen: „So wollen wir aber nicht werden.“

Denn so werden: das kann man nicht wollen. Weil Paarmeen nicht nur sich kaputt machen, sondern auch ihr Umfeld. Die Aggressionen, Fragen und Unsicherheiten werden nicht innerhalb der paarlichen Mauern ausgefochten, sondern an den bemitleidenswerten Freunden und Bekannten oder gänzlich Unbekannten ausgelassen. Die, was klar ist, in den meisten Fällen gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. So wie mir auf dem Fahrrad. Als die zwei mich anbrüllten.

Ein glückliches Paar hätte mein höfliches Klingeln als Grund genommen, kurz eng zusammenzurücken, sich in die Augen zu sehen und sich platzsparend zu umarmen. Nunja. Da ist wohl die romantische Vorstellungskraft mit mir durchgegangen – ich sehe gerade Pushing Daisies, ich bin zurzeit also sehr so hach und romantisch und oooh. Sagen wir es einmal so: Menschen, die glücklich und in Balance sind, brüllen nicht einfach so um sich herum. Vor allem nicht in Richtung von freundlichen jungen Frauen (also mir), die doch gar nichts Böses im Sinn haben.

Aber so ist das häufig. Vermutlich sind nur rund 21,6 Prozent der dummen Anmachen (im Sinne von: „Wat willst Du denn?“) wirklich ernst gemeint. Der Rest sind eigene Unzufriedenheiten, die nur jemanden suchen, an dem sie sich entladen können. „Blitzableiter“ sagt man wohl, aber ich glaube, dass das Bild schief ist. Blitzableiter sorgen doch dafür, dass nichts passiert?

Nun. Paarmeen sind hervorragende Propagandisten. Für die Beziehung. Weil aber ihr Leben nicht für sie spricht, müssen sie selber sprechen. Über sich, über die Vorteile von Beziehungen (die nicht von der Hand zu weisen sind), über das fuuuurchtbare Leid der Alleinstehenden. Sie tun all dies mit der Vehemenz, mit der auch wankende Vegetarier gegen den Fleischkonsum und jeden Fleischesser wettern. Mit der Stärke eines ertappten Lügners. Laut, Unnachgiebigkeit und unbeeindruckt von jedem Einwurf.

Vegetarier, die einfach nur Vegetarier sind, haben den missionarischen Pfad längst verlassen. Sie sagen beim Anblick von Fleisch nicht „Bäh“, sondern einfach: nichts. Auch wer die Wahrheit sagt, kann im Angesicht des Vorwurfs „Du lügst doch ruhig“ bleiben. Ich glaube, meine geneigten Leser, die ich für sehr klug halte, verstehen, was ich hier ungeschickt zu erklären versuche.

Um zu einem Abschluss zu kommen: Vermutlich kennt jeder Paarmeen in seinem Bekanntenkreis. Es gibt kein Mittel gegen sie. Nur die Zeit. Und in meinem Fall ein vom Rad zugeworfenes „Seht zu, dass ihr Land gewinnt!“

Advertisements

13 Kommentare zu “Das Liebesleben der Paarmeen

  1. Ja, ja, und nochmal verdammt ja! Endlichspricht es mal jemand aus. Das Konzept trifft aber nicht nur auf manche Pärchen, sondern auch auf diverse Eltern zu, die ständig betonen müssen wie viel besser Ihr Leben mit Kindern doch ist und es gar nicht verstehen können, wie man (momentan) keine Kinder haben will. Das sind dann meist die gleichen, die im Supermarkt völlig entnervt ein schreiendes Kind so hinter sich herziehen, dass sie diesem fast den Arm auskugeln. Aber ist ja alles super, so mit Kindern.

    • Hah! Der Text ist seit Stunden fertig und ich war wirklich am Überlegen, ob dieses Paarmeen-Problem in meiner Wahrnehmung liegt, aber nein. Danke!

      Das ist eigentlich ähnlich wie beim LIebeskummer. Es geht einem nur schlecht, das Herz schmerzt mit jedem Schlag und wir sagen: „Alles gut. Bin froh, dass ich ihn los bin.“

      • Vielleicht beschreibst du auch das Phänomen der Autosugesstion. Wenn ich mir einrede dass alles gut ist, dann hat es dass auch verdammt noch mal zu sein!

        PS: Pushing Daisies läuft auch gerade bei mir. Großartig!

        • Wirkt immer, die Autosuggestion. Vor allem bei Diäten: „Ich habe keinen Hunger, ich habe keinen Hunger. VERDAMMT NOCH EINMAL, ICH HABE KEINEN HUNGER!“

          Und Pushing Daisies: Ja! Die Serie ist so wunderbar entrückt, dass ich nur noch lächeln kann, wenn schon die ersten Worte gesprochen werden.

  2. Dem ist absolut nichts weiter hinzuzufügen. Danke dafür. Auch die Mütter mit Kindern wurden von atomsinwar angesprochen. Fehlen noch die Rentner, die einen schief angucken, wenn man nachmittags sich traut in der Kaufhalle aufzukreuzen und ihre Einkaufroutine stört (die meist nur aus einem Stück Butter besteht) und damit die Kassen blockieren, weil sie gleich im Rudel aufschlagen (Christa von nebenan, Horst aus dem Haus gegenüber … alle müssen mit*).

    Oder Menschen, die in Straßenbahn/Zug/Bus unbedingt als erste einsteigen wollen (sogar noch an die Tür rennen und/oder drängeln) und direkt an der Tür stehen bleiben, obwohl noch 10 andere rein wollen und eigentlich ausreichend Platz innerhalb ist.

    *nein, ich hab nichts gegen einkaufende Rentner**, nur müssen sie doch nicht unbedingt nachmittags die Kassen blockieren wenn arbeitende Menschen auch mal was einkaufen müssen. Vor-/Mittags geht das doch auch ganz gut (wahrscheinlich hat da Christa oder Horst aber schon anderes vor, deswegen geht es wohl erst nachmittags… man weiß es nicht).

    **sorry, Ich wohne in einem Viertel mit hohem Anteil älterer Menschen, vielleicht ist dieses Phänomen auch nur hier so.

    • Bei mir im Stadtteil wohnen auch viele alte Leute… Ich kenne das Phänomen 🙂

      Was mich vor allen Dingen ärgert ist doch, dass diese Gruppen alle Toleranz fordern: Paare wollen nicht angemault werden, weil sie mitten in einem interessanten Gespräch beginnen, rumzuknutschen und sich anzufassen (!!!). Eltern wollen (verständlich!) Ruhe für ihr Kind, sind aber böse, wenn man sich über die Flummileidenschaft des Kindes zur Nachtzeit beschwert. Senioren wollen, dass man ihnen den Platz in der Straßenbahn 😉 anbietet, schieben einem den Rollator an der Konsumkasse aber derart in die Haken, dass ein Schmerzensschrei nicht genug ist.

      Lebenssituationen sind immer anders und auch wir, ohne Kinder, Mann/Frau, Alter, haben unsere Päckchen zu tragen. Nur nimmt deswegen kaum einer Rücksicht auf uns. Etwas mehr Toleranz und Verständnis von Allen für Alle wäre so schön.

      Übrigens: Musste bei der Überschrift an Dich denken. Eines meiner Lieblingsbücher heißt nämlich „Das Liebesleben der Hyäne“…

  3. Ich kenne überhaupt keine Paarmee… Glaube ich… Muss wirklich furchtbar sein! Natürlich fühle ich mich im sechsten Absatz angesprochen und habe deswegen nichts damit zu tun 🙂

    • Aber ihr macht doch Sachen alleine! Du hast mich schon alleine besucht, Ika hat mich schon alleine besucht. Und so!

      • Äh, ja! Deswegen fühle ich mich ja auch angesprochen!

        „Es gibt genügend coole Paare, in denen beide Teile das temporäre Alleine-sein schätzen, sich gerne Zeit für ein eigenes Leben nehmen.“

  4. OT: Ich freue mich gerade, dass noch mehr Menschen Pushing Daisies gucken!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s