Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das Wort zum Finale

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Manchmal ist es gar nicht so leicht, einen Einstieg in den Text zu finden. Wenn man genau weiß, was man schreiben möchte, auch der Aufhänger da ist, aber der richtige Moment fehlt, mit dem man den Leser ins Thema hineinzieht. Bei diesem Artikel ist es so. Ich möchte schreiben. Über Fußball. Und Eventisierung. Aber „Eventisierung“ ist ein Wort, das niemanden begeistert. Es klingt so gewollt, so nach „Wir brauchen da nun dringend einen Begriff für – schnell!“.

Mein ehemaliger CvD, ein Mann der schreiben konnte und kann, dass es eine Freude ist, seine scharfzüngigen Worte zu lesen, sagte einmal: „Wenn Ihnen kein Einstieg einfällt, dann beginnen Sie einfach ganz schnörkellos mit dem Aufhänger zu Ihrer Geschichte. Vielleicht soll es ganz genau so sein.“ Und weil der Vetter von Martin Kaymer (unbestätigt und vermutlich im Reich der Legenden anzusiedeln) so gut wie immer recht hatte, nehme ich seinen Rat an dieser Stelle an.

Der Aufhänger: Die UEFA hat, so melden es die Nachrichten, Bilder von vor den EM-Spielen (der spaßende Löw, eine weinende Anhängerin der deutschen Nationalmannschaft) in die Live-Übertragung hineingeschnitten – womit das „Live“ eigentlich hinfällig ist. So sollten wohl, ist anzunehmen, etwas Dramatik und Emotionen in das Spiel hineingebracht werden.

Schwupps – und schon sind wir mitten im Thema.

Fußball ist vermutlich die Sportart, die am meisten Zuschauer und Fans hat. Vor allem in Europa, Südamerika und Afrika ist Fußball ein Teil der wochenendlichen Freizeitgestaltung. Nur die Wenigsten spielen, das ist offensichtlich. Aber Hunderttausende ziehen alleine in Deutschland an den Spieltagen in die Stadien. Das ist eine immense Zahl.

Wir leben in einer Welt – ich erwähnte es bereits mehrfach – die eine permanente Reizung und Steigerung der Gefühle verlangt. Der Erreichbarkeit durch das Haustelefon folgte das Handy, die SMS – mittlerweile ist die Datenflatrate für das Handy nicht mehr nur die Ausnahme. Es gibt viele, die das Gefühl der ständigen Erreichbarkeit auf der einen Seite zwar verteufeln, auf der anderen Seite aber auch genießen. Das ist nur eine Form der Steigerung von Dingen.

Der Fußball ist ein weiteres Beispiel. Und wir sind „live“ dabei (der kleine Wortwitz sei mir verziehen). Wenn Bilder von einem einen Balljungen foppenden Löw oder eine weinende Düsseldorferin eingeblendet werden, dann ist das nur ein Symptom einer jahrelangen Entwicklung.

Es reicht nicht mehr nur, dass das gezeigt wird, was auf dem Platz ist. Der häufig angebrachte Satz von BVB-Legende Adi Preißler „Entscheidend is aufm Platz“ passt nicht mehr ganz. Nicht einmal mehr halb (Übrigens heißt der ganze Satz: „Grau ist alle Theorie – entscheidend is aufm Platz“ und gilt eigentlich für Taktik, Training und Spiel).

Aus den Fußballspielern sind im Verlauf der vergangenen 60 Jahre Stars geworden, die innerhalb kürzester Zeit von „EM-Helden“ zu „EM-Versagern“ werden, die Spielerfrauen machen als ähm… Freundin eines Fußballspielers Karriere und Trainer werben für die richtige Hautpflege.

Ich will all das gar nicht verteufeln. Auch wenn ich den teilweise respektlosen Umgang der Medien und der Fans mit Spielern und Gegnern nicht nachvollziehen kann. Die zum großen Teil noch jungen Spieler sind bis in das Halbfinale gekommen – das ist keine schlechte Leistung. Das ist kein Versagen, so wie es einige meiner Berufskollegen schrieben. Aber Fußball wie Journalismus wie Psychologie wie der Lehrerberuf – jeder meint es besser zu können.

Aber kommen wir zurück zum furchtbaren Begriff der Eventisierung. Fußball ist ein Event für viele, viele Menschen (warum ich nicht Masse schreibe: hier). Und diese vielen, vielen Menschen wollen unterhalten werden, wenn sie in ein Stadion gehen. Dazu gehören die Einlaufmusik, wenn die Manschaften auflaufen, die Tormusik, wenn ein Tor fällt, manchmal Menschen, die mit Fallschirmen in das Stadion einfliegen und und und. Dazu gibt es manchmal Torwandschießen für ausgewählte Fans, kurze Interviews über das Stadionfernsehen mit ehemaligen Spielern, die es genießen, noch einmal in ihrem alten Wohnzimmer sein zu dürfen – wie sie alle fünf Minuten wiederholen, damit es auch der Zuschauer mitbekommt, der erst zwei Minuten vor Spielbeginn seinen Platz einnimmt.

Das kann man nervig finden, muss man aber nicht. Es ist eben eine Entwicklung in diesem Sport. Für mich persönlich ist sie nichts. Ich gehe auch gerne zu Fußballspielen unterhalb der Regionalligen, wo ich – ohne eine FanFlagge im Gesicht hängen zu haben – mir das Spiel ansehe. Ein gutes Fußballspiel hat tolle Pässe, beeindruckende Paraden vom Torwart und einen Spielaufbau, den es zu verstehen gilt. Mich persönlich reizt das am Sport. Ich brauche kein Maskottchen, das mit mir tanzt, während unten 22 Mann spielen. Ich möchte das Spiel sehen, mit den Fans meine Mannschaft unterstützen.

Wer nicht im Stadion ist, sondern vorm Fernseher sitzt, der hat meist nicht das tanzende Maskottchen, das StadionTV oder ähnliches. Durch gezeigte Momentaufnahmen wird er aber emotionalisiert. Und damit sind wir schon bei den eingeschnittenen Bildern. „Guckt mal, was für ein Spaß die EM ist“ schreit die Jogi-Szene. Und „Seht mal, wie traurig eine Niederlage ist“ schreit die Tränen-Szene. Der Fußballkenner Hansi (der übrigens sehr lesenswert hier bloggt und hier twittert) mit dem ich heute einem Bambini-Fußballturnier hier in Leipzig beiwohnte, sagte dazu folgenden und sehr merkenswerten Satz: „Das Spiel ist erst wirklich verloren, wenn die jungen Mädchen weinen.“

In diesen Worten steckt eigentlich alles, was ich den vorherigen rund 700 Worten sagen wollte. Wichtig ist nicht mehr auf den Platz. Wichtig sind die Bilder und all das, was irgendwie Emotionen macht – leider ist das immer weniger Fußball. Sondern der zum Feindbild aufgebaute Spieler, die sexy Spielerfrau, der weinende Fan, eingewickelt in die tröstende Landesflagge. Mats Hummels kann fassungslos die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber wenn die 16-jährige Cindy sich die Tränen samt aufgemalter Deutschlandflagge von der Wange wischt und den Kopf traurig an die Schulter ihres Freundes lehnt – dann erst haben wir eine Niederlage.

Als ich noch in home-sweet-home-Ostfriesland gewohnt habe, ging ich häufig zu Bezirksligaspielen. Einige erinnern sich vielleicht an meine Beobachtungen dazu. Ich habe selten jemanden gefunden, der mit mir ging. „Ich gucke keinen unterklassigen Fußball“ war oftmals die Begründung. Und alleine das Wort „unterklassig“ ist falsch. Ich habe richtig gute Spiele in Weener oder in Rhauderfehn gesehen – Orte, die kaum einer außerhalb Ostfrieslands kennt.

Sicherlich: Gegen Bayern München, Borussia Dortmund, Mönchengladbach oder Werder Bremen hätten die Mannschaften aller Wahrscheinlichkeit nach verloren. Aber die Spieler trainierten ja auch nicht jeden Tag. Sie arbeiteten 40 Stunden die Woche – und zeigten am Wochenende trotzdem eine gute Leistung. Was an Technik fehlte, wurde durch Einsatz wett gemacht (eine Spielweise, die auch ich mir zu eigen gemacht habe). Dazu eine Stadionwurst: perfekt. Aber ich bin auch eine Fußballromantikerin. Eine Fußballpuristin.

Um nach Einstieg und einen recht langen Mittelteil ein Fazit zu ziehen: Spielerisch gehörte diese EM sicherlich nicht zu den fußballerischen Höhepunkten. Aber insgesamt sollten wir uns mal fragen, die Zuschauer, die Fans, die Funktionäre, ob wir diese Eventisierung und künstliche Emotionalisierung des Spiels wirklich wollen. Im Fußball stecken genug Emotionen. Da muss ich keinen scherzenden Löw während des Spiels sehen. Im Vorbericht ein „Löw ist ganz entspannt und scherzt mit dem Balljungen“: Ja. Aber sonst? Pffh. Ein Gomez, der seinen Kritikern bewiesen hat, dass er sein Potential abrufen kann, der reicht mir schon als Freude aus. Und wenn es Fans sein sollen, die mich berühren: dann doch bitte sowas Ehrliches wie die Iren. Das sind Momente, die gibt es nur selten. Und bleiben dadurch unvergessen.

PS: Und weil ich nun schon häufiger aus mir nicht bekannten Gründen zu Mario Balotelli gefragt wurde. Meine Meinung: All die selbst ernannten Fußballexperten, die ihn als den neuen Superhelden feiern, sollten ihr Expertentum mal gehörig anzweifeln. Super-Mario war der jüngste Spieler in der Serie C, traf für Inter Mailand innerhalb von drei Jahren (und im fußballerisch zarten Alter von 17 bis 20 Jahren!) in 59 Spielen 20mal. Für Manchester City traf er in den 23 Spielen, in denen er in der vergangenen Saison nicht immer ganz spielte, beeindruckende 13mal. Wer ihn in der Premier League gesehen hätte (und „Fußballexperten“ sollten schon einmal über den Ligenrand sehen), der wüsste, dass er ein Talent ist. Aber eine dramenumwobene Figur braucht es eben auch zur EM. Im Ereignis Fußball.

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6 Kommentare zu “Das Wort zum Finale

  1. Danke für diese Worte. Das beschreibt so ziemlich gut meine Gedanken zur EM und anderen „angepriesenen“ Fußball-Events. Und da ist man schon bei dem Begriff. Event. Das sportliche scheint wirklich im Hintergrund zu stehen. Dieses „genau jetzt müssen die Spieler einlaufen“ bis „punkt dreiviertel (oder viertel vor … wie auch immer) wird angepfiffen. Das wirkt alles so verkrampft, dass auch ja alles zeitlich passt, dass alles glatt läuft, dass bloß kein Fehler passiert, dass auf keinen Fall die falschen Bilder an die TV-schauenden Fußballfans weitergeleitet werden. Und bis dahin ist das Spiel gerade mal angepfiffen worden.
    Ich möchte das nicht.

    Dass der Fußball in den unteren Ligen (ich benutzte nicht den Begriff ‚unterklassig‘) teilweise ein besseres Spiel bietet, wie die Bundesliga (wahlweise auch andere „Topligen“) oder Nationalmannschaften, ist mir schon lange aufgefallen. Im hochbezahlten Fußball steht nur noch das Geld im Vordergrund, in der z.B. Landesliga wird mit Herzblut gespielt. Für den Verein. Für die Fans. Aus Spaß. Nicht nur für sich selbst. Nicht für den eigenen Kontostand (was bekommen die Spieler eigentlich für Unsummen?).
    Und dieses ‚der-und-der-Verein‘ kauft ‚den-und-den-Spieler‘ für ’so-und-so-viel Millionen‘ habe ich noch nie verstanden. Ich vergleiche es gerne mit ‚Viehhandel‘. Denn nichts anderes wird da betrieben… Ich würde das nicht mit mir machen lassen.

    • Genau. Und im Sport soll es ja eigentlich um Herzblut gehen. Nicht um Gelddruckerfarbe… Diese Entfremdung des Sports war ja auch für die ersten großen Ausschreitungen in Stadien in den 1950ern in England „schuld“. Gelernt hat daraus niemand etwas…

  2. Im Fußball sieht man einfach am deutlichsten, wie eine gigantische Marketingmaschinerie gegriffen hat und auch die Medien erfolgreich bedient. Da trifft Sensationsgier (der lieben Kollegen Journalisten) auf Übereventisierung (durch die Sportmarketingmenschen). Das kann man in etwas zarterer Form, allerdings unbemerkter von einer sooo großen Öffentlichkeit, auch im Kulturbereich feststellen.

  3. Ach so, und ich frage mich natürlich auch, ob es immer einer Dosissteigerung bedarf. Schließlich möchte ich nicht mit Süchten meine Freizeit gestalten … man macht mir mit kleinen, unspektakuläreren Veranstaltungen deutlich mehr Freude (und damit meine ich nicht unterfinanzierten oder dünnbrettgebohrten Klein-Klein-Kram).

  4. Wir zwei gehören zu den Puristinnen. Das zeigt sich schon daran, dass ein guter Abend für uns aus Thai-Essen, Apfelschorle und netter Gesellschaft besteht 🙂

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