Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Ikea-Tischler und Bundestrainer

6 Kommentare

Viele meiner Kollegen (nicht arbeitsstellengebunden übrigens) und ich wir hadern häufig mit uns. Jeder Mensch hadert ab und zu mit sich, es sei denn, er leidet unter Dunning-Kruger. Hadern ist also völlig normal. Trotzdem soll es in den folgenden Abschnitten um dieses Gefühl gehen.

Prinzipiell ist es so, und das ist das Problem, dass es immer wieder den Punkt gibt, an dem wir an unserem Beruf – und bei den meisten von uns ist es eine Berufung – zweifeln. Die meisten wissen: Ich schreibe beruflich. Ich habe mal Lokalzeitung gemacht, Online – und nun Magazin (und nur noch selten Online).

Schreiben, das ist zumindest die Meinung vieler, kann jeder. Wir lernen es in der Grundschule, wenn wir schwungvoll „L“s und „O“s in ein Heft zeichnen. Und in den darauffolgenden Jahren lernen wir, ganze Sätze zu schreiben, die richtigen Worte zu finden und sie in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Von daher kann jeder Schreiben.

Aber das was wir tun, das ist mehr. Das Schreiben ist nur die Federspitze unserer Arbeit. Wir recherchieren, ordnen ein und erklären. Die meisten Journalisten haben als Freie angefangen, haben über die völlig obskuren Bewertungsrichtlinien bei Tauben- und Kaninchenschauen geschrieben, volontierten später mindestens 18 Monate, fuhren zu Autounfällen, Theaterpremieren und Baumpflanzungen – manchmal alles an einem Tag. Oder sie studierten ein Fach, in dem sie – wir – lernten, wie man schreibt. Und trotzdem gibt es immer noch viele Menschen, die glauben: Schreiben in all seinen Facetten kann doch jeder.

Kein Wunder, dass viele Journalisten selber daran zweifeln, etwas zu können. „Ich habe ja nichts gelernt“ ist ein Satz, den man immer wieder hört. Ein Satz, den ich mindestens einmal die Woche verzweifelt von mir gebe. Wenn ich höre, wie mein Bruder mit einem riesigen Kran Schiffe mit Flüssigkreide entleert. Wie der andere Bruder nachhaltige Tourismuskonzepte entwirft. Wie meine Schwester ab morgens halb sechs Brötchen verkauft, mein Stiefvater Nasszellen plant, meine Mutter in der Bank kassiert, ein Freund Möbel baut oder das dynamische Uno krasse Dinge im Internet macht, die ich nicht in Ansätzen verstehe.

Hinzu kommt: Journalisten haben einen schlechten Ruf. Sie rufen ständig und immer wieder an und wollen irgendwelche Unterlagen, decken manchmal unliebsame Machenschaften auf und stellen unangenehme Fragen. Nur: Wer stellt denn sonst diese Fragen? Wer verbeisst sich sonst in ein Thema, bis er es so sehr durchdrungen hat, dass er es anderen – nämlich dem Leser – erklären kann?

Natürlich: Mittlerweile ist kaum mehr Zeit dafür, alles muss am besten schon vor der Nachricht raus, alles muss mehr SEO-abgestimmt als schön sein. Und trotzdem gibt es immer noch viele in diesem wundervollen Beruf, die schreiben um des Schreibens Willen, denen es nicht um persönlichen Ruhm oder den Namen auf der Seite 1 geht. Die nicht dafür recherchieren, damit sie irgendwann im Fernsehen erklären dürfen, was es für ein Gefühl war, dies oder jenes zu finden – sondern die all das auf sich nehmen, damit Tante Trude von nebenan weiß, was es für sie für Folgen hat, wenn eine neue Straße gebaut wird.

„Schreiben kann ich auch“, sagen manche immer wieder – ich kenne da einige Exemplare. Aber nur, weil ich einen Ikea-Stuhl zusammenbauen kann, bin ich doch noch lange kein Tischler. Und weil ich ganz passabel ein Pflaster zuschneiden kann, bin ich kein Krankenpfleger. Das würde auch alles niemand sonst von sich behaupten. Nur wenn es um Journalisten geht, glaubt jeder, die Arbeit eben so gut machen zu können. Das ist so ein bisschen so wie bei Fußballtrainern. Da kann auch jeder einzelne Zuschauer die Mannschaft am besten einstellen. Und auch am Donnerstag: Da sind wieder alle Jogi Löw. Nur ohne Strenesse-Oberteil. Dafür mit Trikot, Bierflasche und einer ganze Menge Lungenvolumen.

Bitte verstehe mich keiner falsch: Ich glaube wirklich, dass jeder schreiben kann, wenn er nur möchte und sich darauf einlässt. Nur ist es eben ein Unterschied, ob man gemütlich zuhause vor seinem Computer zuhause sitzt, die Füße in den warmen Puschen und einen Becher Milchkaffee daneben – oder ob man in einer Redaktion sitzt, den Redaktionsschluss vor Augen, während neue Informationen eintrudeln, die man so verpacken muss, dass auch Omma Höckenpöller aus Collinghorst versteht, was Fracking ist und was es mit ihrem Gemüsegarten zu tun hat.

Und ja: Natürlich gibt es einen Grund für meine aktuelle Wut. Fragt bitte nicht. Es ist auch egal.

Natürlich ist es auch so, dass viele Journalisten sich durch das Internet bedroht fühlen. All die Blogger und Twitterer dieser Welt, die schneller ein Foto von einem Unfall hochgeladen haben, als die Nachrichtenagenturen es mit ihrem Wasserzeichen versehen haben… Ich sehe noch einen meiner ehemaligen Kollegen vor mir, der mir ins Gesicht fauchte, das Internet habe keine Zukunft. Dabei ist doch das Internet solch eine phantastische Möglichkeit für den Journalismus – für die Recherche, die Darstellung und die Verbreitung von Nachrichten.

Nur vor einem habe ich Angst: vor SEO. „SEO killed das schöne Schreiben“ habe ich mir auf einen kleinen Zettel geschrieben, der mich überallhin begleitet. Weil ich glaube, dass die Sprache dadurch vereinheitlicht wird. Alle schönen Frauen sind nur noch „sexy“, mit „prallen Hintern“ und „großen Brüsten“, jeder Roman ist „phantasievoll“ und wie „Harry Potter“ oder „Twilight“ und bei einer Geschichte über Strom wäre es toll, wenn auch die Wörter „Stromvergleich“, „Preisvergleich“ und „Spartipps“ zu finden wären. Muss ja über Google alles gefunden werden. Böööh.

Ja, Verbitterung spricht aus den vergangenen 861 Worten. Oder mehr: Trauer. Weil doch jeder Mensch gerne möchte, dass andere seine Arbeit anerkennen. Die Frau in der Bäckerei freut sich, wenn ihr für das freundliche Lächeln und das Wissen um das Lieblingsbrötchen gedankt wird. Der Arzt ist glücklich, wenn er seinen Patienten helfen kann. Und der Architekt steht vor dem Gebäude, das er entworfen hat, und grinst – hoffentlich. Ich bin eben eine furchtbare Sozialromantikerin. Aber hej: Ich kann eine Meldung schreiben!

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6 Kommentare zu “Die Ikea-Tischler und Bundestrainer

  1. Ich kenne das, denn in meinem Fall ist es der „obsolete“ Lehrerberuf. Da ja wirklich jeder schon einmal in der Schule war – und das können sehr viele sehr gut verbergen! –, glaubt man wissend zu sein, mitreden oder -bestimmen zu können. Es gibt im Grunde keine fatalere Grundkonfiguration, um Idealismus zu zerballern…

    …aber es gibt sie, diese Momente, in denen Leute, auf die man etwas hält, Kompetenz attestieren, dir die Hand auf die Schulter legen, damit der Kopf wieder hochkommt, das Licht zeigen, dass es ja bei all dem Schatten notwendigerweise geben muss. Vielleicht jetzt schon? Oder nachher?

    Alles Gute.

    • Danke für die netten Worte. Es stimmt: Lehrer ist auch ein Beruf, bei dem jeder denkt, dass er das schon könne. „So ein paar Jungs und Mädels kann ich schon in Schach halten.“ Dabei möchte ich kein Lehrer sein – ich würde nach fünf Minuten schreiend im Kreis laufen!

      Viele meiner Freunde im Studium haben auf Lehramt studiert – und man konnte nur Respekt dafür haben. Bei einigen war es sicherlich die pure Verzweiflung, weil sie eigentlich nicht wussten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Aber bei den meisten ist es auch eine Berufung. Wie bei Journalisten. Oder Psychologen. Was der Laie von außen sieht, ist oftmals ja auch nur – wie schon geschrieben – die Spitze der Arbeit.

  2. Du bist nicht allein! Ich habe doch die Internetsachen auch nicht offiziell gelernt und alle können Webdesign oder kennen jemanden, der Webdesign kann. Was dann dabei herauskommt, sieht man ja hier: http://www.clemens-partner.de/ 😉

  3. Ich arbeite an der Uni und frage mich auch oft was ich da eigentlich mache. Am Ende des Tages kommen (bestenfalls) ein paar Zeilen raus, die wahrscheinlich nie wieder jemand lesen wird. Wie gern würde ich am Ende des Tages auch mal meine Arbeit sehen. Etwas greifbares. (dazu gehört auch eine Homepage! @Kesro) Oder wie bei dir als Journalistin einen Text für ein Magazin oder Online zu schreiben, der Menschen unterhält, aufrüttelt, beschäftigt. Aber irgendwelche Texte, die in Schubladen landen und nur dazu da sind, irgendwann mal Forschungsgelder zu beantragen für Projekte, die eigentlich keinen praktischen Nutzen haben… irgendwie deprimierend.

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