Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das Dunning-Kruger-Dilemma

3 Kommentare

Der Kollege und ich arbeiten gerade an einem interessanten Artikel über Dinge, die die Welt braucht, damit sie nicht verrückt wird – ich denke, das ist eine gute Beschreibung für unser Tun, das von gelegentlichen Lachanfällen begleitet ist. Bei unseren Recherchen – eigentlich die Hauptarbeit eines guten Journalisten – stießen wir auf etwas, das uns den ganzen Tag nicht mehr loslassen sollte: den Dunning-Kruger-Effekt.

Wer möchte, kann sich den Wikipedia-Text durchlesen, dann sind meine Ausführungen aber vermutlich weniger neu und aufregend.

Der Dunning-Kruger-Effekt erklärt unser Leben und das, über das wir uns täglich ärgern, auf gar vortreffliche Weise. Er besagt: Inkompetente Menschen überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten und Leistungen, unterschätzen aber gleichzeitig das, was eigentlich kompetentere Menschen tun. Man kennt diese Menschen: Man trifft sie im Freundeskreis, bei der Arbeit und sehr häufig auch im Straßenverkehr. Mit ihnen zu leben ist nicht einfach – und sie sind so zahlreich vertreten.

Meine Kollegin und ich diskutierten, ob der Effekt vor allem bei Männern auftreten würde. Wir sind uns bisher nicht ganz sicher, weil uns auch passende Frauen einfielen, die sich selber auf erschreckende Weise überschätzen. Vielleicht kann diese Überlegung hier zur Diskussion gestellt werden und vielleicht mag der ein oder andere Leser sich dazu äußern.

Es ist völlig unerklärlich, warum einige Menschen immer wieder glauben, ihre Fähigkeiten seien denen Anderer überlegen, auch wenn Fakten zeigen, dass dem nicht so ist. Im Liebesleben unserer Gesellschaft gibt es beispielsweise immer wieder Beispiele von Menschen, die sich selber für das Zitronengras in der Kokosmöhrensuppe halten – nach einer kleinen Knutscherei stellt sich dann jedoch die Frage: Warum?

Auch im Straßenverkehr gibt es diesen Typus. Wenn der Fahrer schief einparkt und sich am Bordstein detscht, ist zur Not immer der Straßenplaner schuld, der die Stadt – und die Wege in ihr – nicht an die Fahrweise desjenigen angepasst hat. Der Überschätzer macht sich seine Welt, wie sie ihm gefällt.

Dabei ist es doch eigentlich viel schöner und netter, wenn man unterschätzt wird. So lassen sich Menschen doch überraschen – und nicht enttäuschen.

Die zwei Forscher, die den Dunning-Kruger-Effekt bemerkten und beschrieben (und dafür den Ig-Nobelpreis erhielten), David Dunning und Justin Kruger, merkten an: Das Problem an dem, der sich selber überschätzt ist, dass er selber nicht in der Lage ist, sich selber zu reflektieren. Das erklärt, warum bei DSDS immer wieder Menschen mit der Gesangskunst einer unter Blähungen leidenden Katze auftreten. Und warum Menschen mit einer drei in einem Aufsatz aus der vierten Klasse sich als „Autoren“ bezeichnen.

Das ist aber auch die Krux in der Welt: Der Kluge denkt nach und denkt nach und denkt nach – der Dumme macht einfach, weil er denkt: Kann isch! Bertrand Russel, der berühmte britische Philosoph und Mathematiker, sagte dazu einmal treffend: „Es ist ein Jammer, daß die Dummköpfe so selbstsicher sind und die Klugen so voller Zweifel.“

Wer jetzt denkt, dass ihm der Name Bertrand Russel bekannt vorkommt: Ja. Genau. Das ist der mit der Teekanne, die ganz klein zwischen Mars und Erde ihre Bahnen zieht und das Beispiel dafür ist, dass nicht Skeptiker ihre Skepsis beweisen müssen, sondern Dogmatiker ihre Dogmen. Aber das nur am Rande.

Der Dunning-Kruger-Effekt, eigentlich eher ein Dilemma, ist aber nur die Spitze des Eisbergs, der Überschätzung heißt. Es gibt nämlich auch noch das Peter-Prinzip, das besagt, dass jeder in einem Unternehmen nur bis zum eigenen Grad seiner Unfähigkeit aufsteigt. Auch dies lässt sich bei Wikipedia nachlesen. Natürlich. Man kann aber auch hier weiterlesen.

Das Peter-Prinzip, nach Laurence J. Peter und Raymond Hull, zeigt nämlich mal ganz frei interpretiert, das man sich seiner eigenen Fähigkeiten bewusst sein sollte – und nicht immer nur nach höherem streben muss. Beispiel: Jemand ist in seinem Bereich ein absoluter Experte. Vielleicht programmiert er die besten Apps für Musikfans. Das kann er ganz hervorragend, er kennt die Tricks und Kniffe und die Wünsche der Kunden. Nun wird er aber befördert, weil er so gut ist. Und wird – Beispiel – Teamleiter. Plötzlich soll er seine Kollegen anleiten, was ihm aber eigentlich zuwider ist. Er wird ein schlechter Chef – das ist das Peter-Prinzip.

Aber: Es ist eben eine Beförderung. Wer schlägt die in unserer leistungsorientierten Welt schon aus? Kaum einer. Irgendwann, es ist der SuperGau für ein Unternehmen, sitzen nur Volldeppen auf den Managerposten. Ähnlich ist übrigens das Dilbert-Prinzip, das zeigt, dass die ineffektivsten Mitarbeiter auf Managerposten kommen, weil sie dort den geringsten Schaden anrichten können.

Wer möchte nach dem Lesen solcher Theorien noch Manager werden?

All das ist eine Folge des immer weiter, immer höher-Prinzips. Wenn ich sage, dass ich in meinem Job nur schreiben möchte, werde ich merkwürdig angesehen – als ob ich einfach nicht zugeben wollen würde, dass ich karrieregeil bin. Bin ich aber nicht. Ich bin zu launisch, um irgendwelche Menschen anzuführen. Meine Angestellten hätten nach drei Wochen BurnOut und den Magen von Trostkaramell verklebt. Und ich würde mich auf dem Klo einschließen, weil ich jeden Blick in meine Richtung falsch interpretieren würde. Nein, danke.

Aber zurück zur Überschätzung. Sich zu überschätzen, ist offenbar auch irgendwie cool. Bushido glaubt, er könne Politiker sein. Der Mann mit den fettigen Haaren hält sich für die Reinkarnation von Michael Jackson. Und der Typ, den ich immer im Penny treffe, der glaubt, er sei eine scharfe Sau. Und der Erfolg gibt ihnen bis zu einem gewissen Punkt auch einfach recht. Wobei der Erfolg fragwürdig ist. Auch wenn Bushido nicht Politiker wird, halten ihn seine Fans nun für einen vielseitig interessierten Bald-Familienvater. Und der Mann mit den fettigen Haaren bekommt 1000 Euro pro Nacht, wenn er seine Beine auf der Tanzfläche einer Dorfdisko hin- und herschiebt. Naja, und den Typen aus dem Penny habe ich nun schon mehrfach in Begleitung wechselnder Frauen gesehen.

Sicherlich: auf Dauer ist das alles nicht. Und doch macht es traurig, wenn jemand, der viel nachdenkt und abwägt, nicht den Erfolg hat – weil er eher an sich zweifelt als jemand, der seit seiner Geburt unter Dunning-Kruger leidet (wenn es denn als Krankheit anerkannt wird). Ich habe übrigens keine Ahnung, was das Gegenteil davon ist. Oder wie man es nennt, wenn sich unterschätzende Menschen ständig verständnislos auf die Überschätzer sehen. Ein weites Forschungsfeld.

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3 Kommentare zu “Das Dunning-Kruger-Dilemma

  1. klingt ein wenig nach dem Above-Average-Effect.
    Personen schätzen sich als Sozialer, Athletischer, Mit mehr Führungsqualitäten ausgestattet, Mit besseren Fertigkeiten in Grammatik und Logik als der Durchschnitt ein. Auch wenn objektive Kriterien etwas anderes zeigen.

  2. Mich würde einmal die Erklärung interessieren. Da bist Du doch Fachfrau: Mag man sich seine Schwächen nicht eingestehen?

    • menschen streben nach einem positiven Selbstwert/Selbstbild.
      Der above-average effekt ist eine (neben anderen) motivational verzerrte urteilsstrategie, um den eigenen selbstwert zu erhalten bzw. zu erhöhen. (das führt u.U . zu einer besseren psychischen Gesundheit )

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