Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Orrrrrrrrrrrrrrrrh!

Ein Kommentar

Ich liebe Fußball. Das ist kein Geheimnis. Ich mag all das, was drumherum ist. Die Fans, die sich mit ihrer Kleidung so viel Mühe geben. Die Menschen, die ihr Wochenende nach dem Spiel ihres Lieblingsklubs planen. All die Choreographien und Aktionen, die die Atmosphäre im Stadion immer wieder beeindruckend machen. Und natürlich das Spiel an sich. Wenn die Spieler sich drehen und schnell mit dem Ball auf das gegnerische Tor zulaufen, sich danach elf Menschen freuen und die eigene Freude über das Tor den Körper durchflutet. Oder die Enttäuschung den Magen kurzzeitig zu Klump werden lässt.

Was ich nicht mag: Wenn das, was man leicht nehmen sollte, zu etwas wird, das es nicht ist: bierernst. Fußball ist ein Sport, ein Spiel. Er soll Spielern und Fans eine schöne Zeit verschaffen. Das ist in einer Zeit, wo der Sport kommerzialisiert ist wie das Fast-Food, sicherlich eine furchtbare sozialromantische Sicht. Und trotzdem: Wenn es so sein sollte, bin ich gerne eine Fußballromantikerin.

Und ich behaupte es gerne von mir. Wer mich kennt, der weiß: Ich habe mich wohl so wissenschaftlich mit dem Sport befasst, wie man es nur kann. Ich habe Soziologen und Philosophen gelesen und das, was sie sagten, auf den Fußball angewendet. Ich habe 60 Jahre alte Zeitungen gelesen, um herauszufinden, wie sich die Sicht auf die Fans und das Spiel verändert hat. Nur mal so, damit hier keiner denkt, ich würde von etwas reden, von dem ich keine Ahnung habe.

Ich bin England-Fan. Das empfinden die meisten Menschen schon als reine Zumutung. Regelmäßig wird mir zu EM- oder WM-Zeiten gedroht, mich nicht mehr zu mögen. Ich kann damit leben. Ich habe Freunde, die meine Zuneigung zum englischen Fußball verstehen und manchmal sogar teilen. Und als Newcastle United-Fan bin ich ohnehin ein Exot, vermutlich sieht man mir deswegen auch einiges nach.

Aber ich schweife ab. Was ich nämlich eigentlich schreiben wollte: Ich mag heute nicht in die Medien gucken. Und ich arbeite ja dort, bei den Medien. Es will also schon etwas bedeuten, dieses Nichthinsehen.

Ich mag dieses sich Warmmachen vor dem Fußballspiel. Das Foppen des Gegners, wie es beispielsweise die Engländer machten, als sie kurz vor dem Frankreich-Spiel in Dover eine riesige Roy Hodgson-Statue aufstellten. Ich fand die Niederländer witzig, die als Inglourious Basterds der deutschen Nationalmannschaft Angst machten. Das Schöne daran: Es war – und das ist unbestritten – mit einem Augenzwinkern gemeint.

Und – okee, ich bin auch unhumorig – trotzdem oder gerade deswegen: dieses Gehetze gegen den heutigen Gegner Griechenland finde ich widerlich. Menschen, die vorher ESM für eine Sexualpraktik hielten, zeigen mit dem Finger auf die Spieler und die Fans und sagen: „Ihr schuldet uns Geld.“ IHR. Ich glaube nicht, dass der griechische Fan an sich für dieses Schlamassel in dem Land verantwortlich ist. Seit mittlerweile mehr als einem Jahr wird gegen dieses Land gehetzt, dass es einfach nur noch unangenehm ist. Ein Grieche, den ich einmal interviewte, sagte: „Die Hetze verletzt jede Würde.

Wenn ich bei Facebook lese, dass gebildete Menschen das Wort „Gyrose“ für die Griechen verwenden, dann kann ich nicht umhin, mir verwundert die Augen zu reiben. Es ist eine Ebene mit den „Spaghettis“ oder „Spaghettifressern“ wie man die italienischen Gastarbeiter in den 1950er Jahren nannte. Menschen, die man hierher holte, damit sie die Arbeit machten, die nicht geschafft wurde. Oder die man selber nicht machte.

Ich schäme mich dafür, dass man auf der einen Seite in den Medien auffordert, die Griechen sollten endlich mit dem Sparen beginnen, aber auf der anderen Seite ein Blatt damit füllt, indem darüber gelästert wird, dass die griechische Nationalmannschaft kein ganzes Hotel für sich geblockt hat und „nur“ vier Sterne statt fünf Sterne bewohnt. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit?

Ich glaube, für die Menschen in Griechenland ist es schlimm genug, dass mit dem Finger auf sie gezeigt wird, sie als Geldverprasser vor dem Finanzgericht dargestellt werden. Wenn wir hier von „schulden“ sprechen, dann sollten wir nicht vergessen, dass jeder jedem Menschen etwas schuldet: Respekt.

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Ein Kommentar zu “Orrrrrrrrrrrrrrrrh!

  1. danke für den schönen text. dieser angeblich so kuschelige party-patriotismus der letzten ist eben manchmal gar nicht so kuschelig, vor allem weil dann doch vielen die fähigkeit zu humor und selbstironie fehlt …

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