Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Zeit für eine Biographie

2 Kommentare

Freunde und Familie wissen es: Ich habe bald Geburtstag. Ich blicke diesem Tag immer mit großer Skepsis entgegen. Die Tatsache, dass ich mittlerweile tatsächlich 31 Jahre alt werde, überrascht mich. Ich fühle mich nicht im geringsten wie 31 Jahre. Auch nicht mehr wie 22 Jahre. Aber diese Weisheit, auf die ich seit Jahren warte, die kommt einfach nicht.

Die Tradition verlangt es, dass ich auch diesem Jahr einen sinnierenden Text über mein ganz persönliches Älterwerden verfasse. Die Geburtstagstexte der vergangenen Jahre habe ich einmal ganz serviceorientiert hier, hier, hier und hier gesammelt.

Es ist eine bemerkenswerte Entwicklung eingetreten: Die Menschen schreiben viel und allem Anschein nach auch gerne ihre biographischen Erinnerungen auf. Dazu muss man – Obacht! – auch gar nicht alt sein. Würde ich nun beginnen, ich wäre wohl sowas wie ein Spätzünder. Vor einiger Zeit las ich die Biographie von Adele, die doch das Alter meines kleinsten Bruders hat. Philipp Lahm spickte seine Erinnerungen auch gleich mit einigen Beobachtungen über gesellschaftliche Missstände. Und Justin Bieber, der noch immer Kreise in der Grundschule übt, kritzelt wohl auch schon. Beeindruckend. Wirklich beeindruckend.

Meine Erinnerungen wären natürlich auch angemessen unspannend. Ich kann nicht singen, mein Fußballspiel würde Jogi wohl die Schweiß- und Tränenflecken ins teure Strenesse-Hemd treiben und meine Frisur bewegt keine Millionen Teenager auf der Welt.

Nein, nein. Das hat nun nichts mit Understatement zu tun. Aber meine Biographie wäre wohl mehr ein Reclamheft, gespickt mit einigen launigen Twittereinträgen. Und es gebe soviel zu beachten, weil ich doch so wortsensibel bin. Und weil die Gefahr bestünde, dass ich nur als Milchreishasserin rüberkomme.

Und wo fängt man an? Am Tag der Geburt, der doch eigentlich irgendwie langweilig ist, weil ich persönlich gar nicht so viel davon mitbekommen habe? Und wäre es mehr eine Ich-Erzählung oder in der dritten Person? Schwierig. Weil ich doch diese Beschreibungen von sich in der dritten Person so grauenerregend finde. Ein Blick in Richtung der Meedia-Autoren und es wird klar, warum.

Dann also ich. Aber immer nur „ich“, das klingt so egozentrisch. Wobei man natürlich nicht vergessen darf: Biographien sind egozentrisch. Sie ordnen die Hauptperson in den geschichtlichen Kontext ein und machen sie zum Dreh- und Angelpunkt der eigenen kleinen Welt. Bei einigen scheint die Welt eine Nummer zu klein für das Ego der Person zu sein, aber ich möchte nicht gehässig sein. Der Freund sagt, ich sei momentan sehr gehässig. Vielleicht ist es auch Altersbosheit – meine Oma leidet darunter.

Am meisten Sorgen würde mir bei meiner Biographie die Schilderung meiner Schulzeit machen. Ich wäre wohl kein gutes Vorbild für die Jugend. Auch heute bin ich kein gutes Vorbild. Leider. Ich fahre bei Rot über die Ampel und manchmal trenne ich meinen Müll nicht. Ich gebe den Bettlern in der Stadt kein Geld und vor einiger Zeit bin ich mit dem Rad ohne Licht im Dunklen gefahren. Jaja, ihr merkt schon: meine Biographie würde vor spannenden Erlebnissen aus meiner Zeit auf Erden nur so platzen.

Ein weiterer Sorgenpunkt sind die Fotos. Gute Biographien haben in der Mitte solche Hochglanzseiten mit lustigen Fotos der Hauptperson. Ich bin unfotogen. Deshalb gibt es auch nur wenige aktuelle Bilder von mir. Hätte ich ein Ego, würde ich sagen: „Die Bilder können meine Schönheit nicht einfangen.“ In Wirklichkeit ist es aber wohl so, dass die Kameras bei Mondkalbblick auch nicht mehr viel ausrichten können.

Man sieht: Eine Biographie schreibt sich nicht einfach so. Selbst ein biographischer Abriss, den ich schon seit Anbeginn meines Blogs plane, ist für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Möglich wäre natürlich auch ein „Zehn Dinge, die Du über Ulle garantiert noch nicht wusstest“, aber mir fallen einfach keine zehn Dinge ein, die dem Anspruch dieser nach Sensationen schreienden Liste genügen könnten. Oder haut es irgendjemanden aus den Socken, dass ich einmal Apfelkorn selber gekeltert habe? Nö.

Geben wir mir noch ein Jahr. Vielleicht passiert in den kommenden 12 Monaten etwas, das uns alle so sehr umhaut, dass sich ein Buch über meine Erlebnisse geradezu aufdrängt. Ulle und wie sie die Welt sieht. Amazon baut schon einmal ein neues Lager.

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Wenn meine Mutter von dem Tag meiner Geburt berichtet, dann spielt das Wetter eine große Rolle. Ich habe nämlich im Juni Geburtstag. Und der Juni, der sollte nach Frühling riechen. Stattdessen war es kalt, als ich geboren wurde. Kleine Hagelkörner fielen in die Weser, die an dem Krankenhaus, in dem ich geboren wurde, vorbeirauscht. Der Himmel war grau und die Sonne zeigte sich nicht. Erst als ich einige Tage alt war, atmete ich das erste Mal die weiche Luft, die ich heute so liebe. Wäre aus mir eine große und gefürchtete Diktatorin geworden, würde es wohl melodramatisch heißen: „Der Himmmel weinte am Tag ihrer Geburt Eistränen.“

Ich war ziemlich klein als Baby. Und zur Geburtsgeschichte, die in jedem Jahr erzählt wird, gehört auch, dass meine Mutter entzückt erwähnt, wie ich einem viel zu großen und roten Froteeschlüpfer zu ihr gebracht wurde. In meinem Kopf habe ich Bilder von mir, wie ich in dem Meer aus rotem Stoff versinke. Aber natürlich kann ich mich nicht daran erinnern. Und Fotos gibt es davon auch nicht. Es ist vielleicht auch besser so. Ich habe auf allen Fotos einen riesigen Kopf, der meine babytypischen Speckärmchen in den Hintergrund treten lässt.

Es gibt ein Bild, auf dem ich auf dem Küchentisch meiner Oma, Eis-Oma, liege. Ich kann gerade eben meinen Kopf heben, die Anstrengung ist in meinem Gesicht abzulesen. Ich schiele leicht. Die Augen sind nur kleine Knopfaugen in diesem Kopf, der viel zu groß für den kleinen und schmalen Körper wirkt.

Meine Mutter sagt, ich war ein wunderschönes Kind. Mütter sagen aber auch, dass Gemüsesuppe schmeckt.

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2 Kommentare zu “Zeit für eine Biographie

  1. Ja, man merkt, dass du viel schreibst – denn schreiben kannst du 🙂
    Ich weiß nicht, ob die Tatsache, dass du mal Apfelkorn gekeltert hast, erwähnenswert ist – aber was ich weiß, ist: Jedes Leben besteht aus vielen, vielen Banalitäten. Es ist nur die Frage, als wie banal man sie empfindet. Wofür ich brenne, woran mein Herz hängt – das ist für andere banal, für mich ist es der Mittelpunkt der Welt.
    Was ich eigentlich sagen will – deine Biographie ist nicht banal. Ob nun der rote Frotteeschlüpfer oder der Hagel am Tag deiner Geburt. Das ist DEIN Leben und das ist NATÜRLICH erwähnenswert. Wenn nicht die Nebensachen, was macht uns dann einzigartig und liebenswert?

    Wir haben noch viele DMs hin und herzuschicken. 🙂

  2. Ulle, ich liebe deinen Blog. Dabei mag ich solche Texte sonst gar nicht. Aber du, liebste Volo-Kumpanin, hast nicht nicht nur dank deiner Vorliebe für indisches Essen einen Stein in meinem norddeutschen Brett. Du kannst einfach schreiben. Das ist toll!

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