Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das erste Mal

2 Kommentare

Es gibt viele erste Male. Nicht nur das, welches ausführlich in mehr als 1000 Bravo-Ausgaben diskutiert wurde. Sondern auch viele andere. Ich hatte gestern ein erstes Mal. Das erste Mal alleine in einer Kneipe Fußballgucken.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich Fußballfan bin. So ein richtiger, der zwar Statistiken für überbewertet hält, aber mit Nischenwissen beeindrucken kann. Und für gewöhnlich habe ich immer Menschen dabei, die mit mir in einer Kneipe oder einem Biergarten Fußball sehen. Meine Freunde haben sich damit abgefunden, dass ich immer den Engländern die Daumen drücke, eine harte Spielweise vehement einfordere und jammernde Fußbalprofis als Weicheier bezeichne und deren Auswechslung auch lautstark herbei schreien kann.

Gestern Abend aber, da war da niemand, der mit mir Fußballgucken wollte, konnte und sowieso. Und weil ich keinen Fernseher habe, musste ich also wohl irgendwie in eine Kneipe, respektive Biergarten (denn dort landete ich dann: im Biergarten).

Ich gehe gerne alleine Kaffee trinken. Ich setze mich dann in eine Ecke, genieße das Gewusel um mich herum, trinke meinen Kaffee, freue mich darüber, nicht kommunizieren zu müssen und in Ruhe ein Buch oder die Zeitung lesen zu können. Manchmal gehe ich auch alleine essen. Die ersten Male fühlt man sich noch komisch, fragt sich, was wohl die anderen von einem halten. Aber dann, dann ist es nett. Sogar richtig gut. Sonst würde ich es auch nicht machen. Nur die Frage des Kellners „Warten Sie noch auf jemanden?“, die ist jedes Mal ein wenig… Naja… Aber wer wartet nicht? Und sogar wer zu zweit am Tisch sitzt, der kann warten. Beispielsweise darauf, dass die Begleitung durch ein schärferes Geschoss ersetzt wird.

Aber Fußball alleine anschauen? Fußball, das ist ein Gemeinschaftserlebnis, bei dem man gemeinsam fiebert, jubelt, trauert, diskutiert. Kein Wunder also, glaube ich, dass ich mit mir und dem Leben und dem Vorhaben haderte. Zum Glück schaffte es das dynamische Uno, mir das Alleinegucken als charakterbildende Maßnahme zu verkaufen. Und den Charakter, den muss man in dieser Welt voller Widersacher und Hürden mit Glassplittern ständig bilden.

Als ich dann im Biergarten stand, mein großes Bier in der Hand, da war es auch gar nicht so schlimm. Nach zweimal, dreimal Durchatmen konnte ich sogar ganz lässig an der Theke stehen und ziemlich cool in der Gegend rumgucken. Allerdings tauchte ein Problem auf, das ich unterschätzt hatte.

Vier Männer scharrten sich um mich und wollten mir Fußball erklären. Ich verstehe nicht, wie diese Männer vor sich selber erklärten, dass eine Frau an der Theke steht, ein Bier in der Hand hält, interessiert auf die Leinwand sieht, aber offensichtlich keine Ahnung von dem Sport hat, den sie dort sieht. „Das ist der Khedira“ sagte der eine Mann zu mir. Ich nickte. Selbst als Nicht-Kennerin des Sports hätte ich das gewusst, immerhin ist er mit diesem Model aus Cloppenburg verbandelt. Aber gut. Es ging weiter. „Der spielt mit Özil, das ist der mit den komischen Augen, in einer Mannschaft.“ Ich nickte. Pause. „Und das da, das ist Cristiano Ronaldo, der spielt mit denen bei Real Madrid. Aber jetzt spielt er ja gegen die, weil er ja Portugiese ist.“

Liebe Leser, ich lege Wert darauf zu betonen, dass dieser Kommunikationsvorgang nicht erfunden ist. Mir sollte tatsächlich erklärt werden, dass Cristiano Ronaldo kein deutscher Nationalspieler ist. In der Nacht, als kein Licht mehr brannte und die Gedanken schwer auf der Innenseite meiner Schädelknochen lasteten, da fiel mir auf, dass ich allem Anschein nach nicht nur nicht wie ein Fußballfan aussehe (was durchaus gut sein kann), sondern wohl extrem dumm aussehen müsse. Ja, so dumm, dass ich nicht einmal eine Zeitung aufschlagen kann. Ich arbeite nun an meinen Gesichtsausdrücken.

Zurück zum Gespräch.

Ich nickte und kämpfte mit mir. Würde ich schweigen, hätte ich die hohe Chance, dass ich das nächste Bier nicht bezahlen müsste. Allerdings würde ich mich drüber ärgern. Ich sorge meistens schon dafür, dass die Menschen mich unterschätzen. Für offensichtlich grützendumm gehalten zu werden, das ist aber schon etwas anderes… Ich atmete also tief durch und hielt einen kleinen Vortrag darüber, dass Ronaldo ohnehin keine Freunde kennt, verwies auf das Spiel der Portugiesen England 2006 als er Schuld daran war, dass Wayne Rooney vom Platz gestellt wurde und Alan Shearer später sagte, dass man ihm gehörig die Fresse polieren solle.

Das Schweigen danach war – das muss ich zugeben – etwas unangenehm. Aber wie einige weitere Männer waren auch meine vier Exemplare von der Theke nicht oder nur in beschränkte Maße lernfähig. Und so folgten Belehrungen über den Begriff der Torlinie, die ich mit Verweis auf 1966 und das – die deutsche Nation traumatisierende Wembley-Tor – schnell beendete. Auch die Aussage meiner temporären Trinkkumpanen über Mats Hummels („Endlich bringt der mal Leistung“) wusste ich mit einem „Naja, wer einen Vertrag bis 2017 beim BVB bekommt, wird schon keine Graupe sein“ zu beantworten.

Was lässt sich also nun, nach meinem neuen ersten Mal sagen? Kann man wieder machen.

Und auch diesen Punkt kann ich nun, kurz vor meinem 31. Geburtstag, von der Liste der Dinge, die ich meinem Leben getan haben sollte, streichen. Und vielleicht sollte ich mich einfach freuen, dass es Männer gibt, die sich meiner erbarmen wollten. Immerhin ächze ich jedes Mal unter der Last meiner Einkäufe, ohne dass es ein Ritter im Newcastle-United-Trikot zur Rettung eilt. Und als die Taube vor meinem Bett lag, da rettete mich auch keiner. Deswegen: Danke, ihr vier Männer von der Theke. Ihr habt es versucht, seid gescheitert, habt aber dennoch nicht aufgegeben. Ihr seid ein Vorbild für alle.

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2 Kommentare zu “Das erste Mal

  1. Ich habe deinen Blog eben durch den Gastbeitrag bei Ellen entdeckt und freue mich 🙂 Ich las erst diesen einen Text, aber der ist wunderbar.

    „Und sogar wer zu zweit am Tisch sitzt, der kann warten. Beispielsweise darauf, dass die Begleitung durch ein schärferes Geschoss ersetzt wird.“
    Der Satz ist super! Und dein Fußballwissen (mit den ganzen Jahreszahlen) durchaus beeindruckend… 😀
    Lieb Grüße

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