Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das Gänseblümchenstielgrün und die Vergleichskrankheit

6 Kommentare

Der Mensch sortiert und vergleicht gerne. Schon früh in der Grundschule müssen wir Dreiecke und Kreise voneinander abtrennen, um zu zeigen, dass wir verstehen, dass es einen Unterschied zwischen diesen beiden geometrischen Formen gibt. Wir lernen Komplementärfarben kennen, damit wir nie vergessen, dass Rot das Gegenteil von Blau ist und beides zusammen Lila ergibt. Und bei all diesem stellen wir fest: Es gibt Unterschiede, Gemeinsamkeiten und absolute Gegensätze.

Meistens ist es gut, Unterschiede zu erkennen: Dass ein Auto schneller ist als ein Fahrrad. Dass gelbe Socken zu einer roten Hose doof aussehen. Beispielsweise.

Und weil wir Menschen sind und jeder – und sei das Maß noch so gering – sich in dieser Welt reflektiert, vergleichen auch wir uns. Sind wir figürlich mehr das Dreieck oder der Kreis? Sind wir von unserem Engagement eher ein Auto mit 180 PS oder ein Fahrrad mit zwei Wadenstärken? Und sind wir hässlicher als die hässliche Frau dort an der Supermarktkasse?

Da können wir noch so sehr reflektieren, Voreingenommenheit macht es schwer, sich selber in all diesen Mustern zu erkennen. Weil wir von uns manchmal ein Bild haben, das andere nicht so haben. Vielleicht, weil wir uns immer sehen. Oder auch, weil wir nur einen Teil von uns sehen. Auch der Spiegel ist doch nur ein blindes Abbild der Realität – zumindest mein Badezimmerspiegel.

Bleiben wir mal bei den Farben von oben. Die sind ein gutes Beispiel.

Um Kesro, die zurzeit tatsächlich rot ist, nicht zu nahe zu treten, nehmen wir einmal die Farbe Grün. Jemand ist also Grün – und ich meine keine merkwürdig-unrealistische Aurafotografie. Er/Sie ist schon immer grün. Ein strahlendes Grün mit einem Hauch Dunkelheit, weil kein Mensch immer nur strahlend ist. An guten Tagen hat unser grünes Wesen einen Schimmer von Gänseblümchenstiel, an eher schlechteren hat es einen Hauch von Petrol. Es kommt auch ein wenig auf die Sichtweise an, denn die Farben sind changierend.

Grün also. Grün vergleicht sich ständig mit den anderen Grüns der Stadt, des Bundeslandes, des Landes und der Welt. Meistens schneidet unser grünes Wesen mit dem Hauch Dunkelheit und dem Farbspiel zwischen Gänseblümchenstielgrün und Petrol in der eigenen Sichtweise eher negativ ab. „Das andere Grün hat einen Hauch von frischem Tulpenstiel“, sagt es vielleicht zu sich und ist traurig. Oder: „Das Grün an der Ecke dort, das hat keinen Hauch von Dunkelheit.“

Und während unser Grün sich vergleicht und Bemessungen über das Farbspektrum der anderen Grüns anstellt, wird es in den eigenen Augen immer blasser. Weil offenbar alle anderen viel besonderer sind, als das grüne Wesen mit dem wunderbaren Gänseblümchenstielgrün und dem Anklang von Dunkelheit, der einen angenehmen Schatten im Wesen bildet.

Ich zum Beispiel, ich vergleiche mich ständig. Für den geneigten Leser ist das nichts Neues. Dieses Zerdenken hat ihm bisher immerhin 727 Artikel beschert (plus diesem hier). Ich vergleiche mich mit der Frau mit der hohen Stimme an der Kasse, die ihren Freund so beherzt im Arm hält. Ich sinniere dann stundenlang über meine eigene Stimme und warum ich niemanden beherzt im Arm halte – dass ich das an sich nicht tun würde (Supermarktkasse, beherzt….), das vergesse ich dann, weil sich alle meine Gedanken um meine Stimmlage drehen. Ähnliches passiert mir in wiederkehrenden Abständen mit: meinen Füßen, meinem Mund, meiner Haarfarbe, der Form meiner Augen, meinem Fahrrad, meiner Knieform, meinen abgekauten Fingernägeln, der Farbe meiner Haut, meinen Ohren und meinem Ellbogen.

Den meisten Frauen ist dabei immanent, dass sie bei jedem Vergleich schlechter abschneiden. Selbst wenn ich Frauentausch sehe, eigentlich ein Allheilmittel für jede Form von Vergleichskrankheit bei Frauen, kann es passieren, dass ich sicher bin, hässlichere Haare als eine der Frauen zu haben. Selbst dann, wenn die Frau nur noch drei dünne Härchen in blondiert-nachwachsend-grauer Form ihr eigen nennt. Hat mich die Krankheit schlimm erwischt, lobe ich die Individualität dieser haarigen Katastrophe und nenne mein volles Haar „gewöhnlich“.

Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Frauen vergleichen sich ständig, diese Krankheitsform ist beinahe eine Seuche. Wenn eine Frau in einer Mädchenrunde erst einmal angefangen hat, mit belegt-trauriger Stimme zu sagen „Du hast so viel schönere Haare als ich“, dann sagt die Angesprochene „Dafür hast Du wundervollere Füße als ich“. So kann es Stunden weitergehen. Niemand wird sagen: „Stimmt, meine Knie sind schöner als Deine.“

Seinen Ursprung hat das vermutlich in frühester Kindheit. „Mama, guck mal, ich bin in meinem Kleid viel hübscher als die blöde Elke“ haben wir vielleicht mit etwas zu lauter Kinderstimme gebrüllt und Muttern sagte: „Nana, mein Schatz… Die Elke räumt dafür aber bestimmt jeden Abend ihr Zimmer auf.“ Schuldbewusst machten wir uns klein, verdrängten, dass wir in unserem Kleid wie eine Prinzessin aussahen und konzentrierten uns dafür darauf, dass die blöde Elke jeden Abend ihr Zimmer aufräumte. Und wir nicht.

Nur in Vorstellungsgesprächen werden wir plötzlich nach unseren Stärken gefragt. Da sitzen wir dann, denken nach und nach und nach. Und wir denken an Elke, die auch heute bestimmt noch ganz schlimm ordentlich ist und ihre Klamotten nach der Wäsche und der anschließenden Trocknung sofort zusammennimmt. Wir denken, um einmal das Grün wieder ins Spiel zu bringen, nicht an unser strahlendes Gänseblümchenstielgrün. Sondern an das Sommertulpengrün der Anderen.

Und so sind wir verwirrt. Ungefähr so wie dann, wenn wir einen tollen Mann (respektive Frau) kennengelernt haben und wir nur denken, dass er (respektive sie) so toll ist und wir nur so banal. Und dann sagt die Freundin (sagen Freunde sowas auch zu nervösen Männern?) „Du bist auch toll, denk an all Deine Stärken!“ Stärken? Stärken? Da war doch was mit der blöden Elke*…

Den Menschen sollte schon früh gesagt und gezeigt werden, was ihre Stärken sind. Damit nicht jeder Vergleich endet wie ein Kampf gegen Stefan Raab (ich habe das ja noch nie gesehen, aber der Mann muss ja ein reinkarnierter Terminator sein): mit einer niederschmetternden Niederlage epischen Ausmaßes. Sondern mit einem Sieg, der das Gänseblümchenstielgrün strahlend zur Geltung bringt.

Übrigens: Vor meinem Fenster steht gerade ein anderes Grün. Kotzgrün mit Kuhkacke drin. Echt! Gewonnen!

*Ich entschuldige mich bei allen mitlesenden Elkes. Ihr seid bestimmt super. Aber mir ist kein anderer Name eingefallen!

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6 Kommentare zu “Das Gänseblümchenstielgrün und die Vergleichskrankheit

  1. Seit ca. drei Wochen entspricht meine Stimmung der folgenden Liedzeile: „I’m a loser, baby, so why don’t you kill me.“ Die Hoffnung, dass sich das wieder ändert, stirbt zuletzt.

    • Julia! Dinge, die Dich einzigartig machen….

      – Du bringst mich morgens um 8 Uhr zum Lachen
      – Du machst leckere Pizzamuffins
      – Killerwelse haben Angst vor Dir
      – Mit diktatorischer Gelassenheit setzt Du Deinen Musikgeschmack durch
      – Du hast tolle Freunde, die jedem Menschen, der einmal gemein zu Dir war, so in den Arsch treten würden, dass es das Letzte wäre, das er fühlen würde.

      You are a winner, baby!

  2. Die Pizzamuffins hatte ich schon fast vergessen. Ich habe mir dafür im Bekanntenkreis einen Namen als Grünkohlköchin gemacht 😉

  3. Ganz traurig 😦

    Aber: Ich bin nicht rot, ich bin weiß gepunktet. Was es nicht besser macht.

  4. Oh. Über gepunktete Menschen habe ich noch nicht nachgedacht. (Nicht traurig!)

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