Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Emanzipation killed the gutes Kochen-Star

3 Kommentare

Ich mag keine Marmelade. Eigentlich. Denn ich mag nur keine gekauften Marmeladen, Konfitüren und Gelees. Sie sind mir zu süß, die Inhaltsstoffe zu suspekt und im Geschmack oft zu unidentifizierbar. Vor einigen Jahren habe ich deshalb angefangen, mir meine Marmeladen selber einzukochen. Am vergangenen Wochenende wurden beispielsweise die ersten drei Pfund Erdbeeren eingekocht und im Vorratsschrank verstaut.

Natürlich sollen auch meine Kollegen etwas davon haben. Und aus diesem Grund habe ich ein großes Glas mit zur Arbeit genommen, frischen Stuten beim Bäcker gekauft und für alle Marmeladenbrote geschmiert. Freude groß – aber nun kommt das große ABER. Eine Sache, die mir in den vergangenen Jahren immer wieder passiert ist.

Eigentlich wollte der Kollege meine hausfraulichen Fähigkeiten loben. Immer mal wieder bringe ich Kuchen mit, auch Lasagne und Kartoffelsalat gab es schon. Doch jedes Mal, wenn eben gesagt werden soll „Du kannst kochen und backen“ zieht ein schamvoller Schleier über das Gesicht der Menschen.

Vor einiger Zeit sprach der Kollege es aus. „Du bist so eine gute Hausfrau“, sagte er. Kurz schwieg er, rang um Worte. „Also so im modernen Verständnis.“

Emanzipation, ist mir das Fazit aus diesem kurzen Gespräch, hat das Kochen kaputt gemacht. Emanzipation killed the gutes Kochen. Weil Kochen und Backen mit Hausfrau assoziiert wird und das wiederum mit all dem, wo Frauen nicht mehr sein sollen: am Herd.

Das ist natürlich viel zu vereinfacht. Und ich möchte hier nicht über diese ganze Gender-Sache reden. Das Feld ist so groß und so voller Tretminen – und die Zeit, in der ich als Emanze herumlief, sind fürwahr vorbei.

Ich kann aber vielleicht noch von folgender Geschichte berichten. In einem Vorstellungsgespräch kam einmal das Thema darauf, dass ich gerne koche. „Ungewöhnlich“, sagte mir der Mann gegenüber und ich guckte einigermaßen verdutzt in seine Richtung.

Ich dachte ein wenig darüber nach und kam zu dem Schluss: Zu kochen und das auch gerne zu tun, ist nicht ungewöhnlich. Aber man darf es nicht zugeben. Zumindest nicht als Frau. Weil man allem Anschein nach, damit den Eindruck erweckt, nicht emanzipiert zu sein. Verfangen in alten Strukturen und dem wohl ungehörigen Wunsch, andere Menschen zu bekochen, zu betüdern, zu bemuttern.

„Ach, Du doofe und schizophrene Welt!“ möchte ich da schreien! Kein Wunder, dass Frauen nicht wissen, was sie wollen dürfen.

Denn: Kochen, Backen und Einkochen ist irgendwie old school, obwohl wir alle permanent über gesundes Essen reden. Aber gesundes Essen gibt es nicht in Maggi-Tüten. Gesundes Essen kocht man selber. Was ja wieder irgendwie total unemanzipiert ist, wenn man kocht und danach abwäscht und die Küche aufräumt.

Denn: Oh wie regen sich all die Alice Schwarzers dieser Welt über die Brüste auf dem Playboy und der FHM auf. Die Sexualisierung von Frauen wird angeprangert. Zeitgleich ziehen sich bei Demonstrationen neuerdings die Frauen aus und halten ihre angemalten Brüste in die Kameras der Fotografen. Ist das nicht auch irgendwie Sexualisierung? Reicht mein recht schmal bemessener Intellekt nicht aus, um den Unterschied zu greifen?

Aber um auf das Kochen zu kommen und weg von den Brüsten gegen Kapitalismus, für Demokratie, gegen Ausbeutung, gegen Sexualisierung, für mehr Slutwalks, für hohe Verkaufszahlen, gegen Datenklau, für mehr Urheberrecht, also um da wegzukommen, komme ich doch einmal auf das Kochen zurück.

Der Mensch muss essen. Er sollte gesund essen, um die am Kaviar-auf-Champagnerschaum-nagenden Krankenkassen zu entlasten und sich selbst etwas Gutes zu tun. Und irgendjemand muss dann eben kochen. Merkwürdigerweise ist es so, dass Frauen die gerne kochen, als Verräterin an der Emanzipation betrachtet werden. Dabei sollte es anders laufen: Männer, die nicht kochen, sollten als Verräter an der Emanzipation gesehen werden. Oder: Kochen sollte raus aus der Schublade mit den Geschlechtern, sondern als etwas wie Atmen betrachtet werden: selbstverständlich eben.

Ich kenne eine ganze Reihe von Männern, die phantastisch kochen. Und niemand würde sie als verweichlicht bezeichnen. Oder als Frau. Sie sind eben Kerle, mit denen man sich gerne umgibt, weil bei ihnen nicht nur die Unterhaltung stimmt, sondern auch das Essen schmeckt. (Hier zum Beispiel bloggt einer, der gut kocht und Ahnung von Filmen und Musik hat – yeah!)

Also: Wer mein Essen mag, darf gerne sagen, dass es ihm schmeckt. Und das mit der Hausfrau darf natürlich auch gerne gesagt werden. Ich nehme es dann als Motivation, wenn ich das nächste Mal einen Putzlappen anfassen muss.

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3 Kommentare zu “Emanzipation killed the gutes Kochen-Star

  1. Oh ja. Emanzipation. Ich arbeite gerne weniger, um mehr vom Sohn zu haben. Ich nahm gerne das eine Jahr Elternzeit, freute mich über die zwei Monate meines Mannes. Ich koche gerne und mache auch mehr im Haushalt, klar, bin ja auch mehr zu Hause. Und ich bin emanzipiert genug, mir das von niemandem vorwerfen zu lassen!

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