Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Lass mich Dich vollphrasen

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Die einen arbeiten mit Kupferrohren, andere mit Flüssigkreide und wieder andere mit Menschen und einer großen Tafel. Ich, ich arbeite mit Worten. Und Worte sind eine schwierige Sache. Wie mir eine Mail zeigte: Gestern Abend bekam ich von einem Bekannten eine Mail, der sagte, es würde wohl noch dauern, bis er richtige Blogtexte und so schreiben könne.

Ich glaube ja, dass man nie „richtig“ schreiben kann. All diese Journalisten und Autoren, die meinen, ihr Stil sei perfekt und sie seien kleine Stars, die haben es nicht verstanden. Beim Schreiben ist die Geschichte, die Nachricht, der Star. Dann kommen die Worte. Dann kommt Gutenberg mit seinem Buchdruck. Dann all die, die es geschafft haben, dass wir unsere Texte überhaupt verbreiten können. Und dann, irgendwann, der Autor, der Journalist selber. Was wären wir ohne die Geschichten, die Worte und all das? Nüscht.

Worte also. Und weil sie mich prinzipiell ständig beschäftigen, bin ich vermutlich auch extrem wortsensibel und vor allem dem Zerdenken zugeneigt.

Worte, Sprache an sich, bietet so unfassbar viele Stolperfallen. Sie ist durchsetzt von windiger PR-Sprech und schiefen Phrasen (die in der Folge wohl so: Phrasen : aussehen müssten), die wir nutzen – ohne darüber nachzudenken, was sie eigentlich bedeuten. Deswegen mag ich keine Phrasen, nur wenige Redewendungen und diese ganze Internetsprache habe ich bisher auch nur in Ansätzen verstanden.

Fangen wir von vorne an. Vor einiger Zeit schrieb Spiegel Online folgendes: „Deutsche Milliardärsfamilie will Kosmetikonzern schlucken“. In einer früheren Form stand dort sogar: „Deutsche Milliardärsfamilie will Avon schlucken“ (hier habe ich die Überschrift auch noch einmal gefunden). Prinzipiell kann man dann nur sagen: Guten Appetit. Sicherlich: In der Wirtschaftssprache, die in der Tat keinen Wert auf Schönheit legt, kann ein Unternehmen ein anderes Unternehmen schlucken. Aber dass Milliardärsfamilien Kosmetikprodukte schlucken… Lecker! Die Vermutung liegt nahe, dass jemand dort bemüht war, wie ein Wirtschaftsredakteur zu klingen – aber wie es immer so ist: Guter Wille, schlechte Umsetzung. Das kommt eben davon, wenn auch große Verlage glauben, dass Journalismus billig ist. Es ist wie der Unterschied zwischen einem Ikea-Hocker für fünf Euro und einem robusten 50-Euro-Hocker vom Tischlermeister.

Auch in der Bild fand sich vor einiger Zeit etwas ähnliches, was man mit viel gutem Willen aber noch als „Kann man machen“ abtun kann. Busenwunder hat schon wieder einen neuen Körper – Jodie Marsh, wo sind Deine Muskeln hin?“ Bei der neuen Formulierung „neuer Körper“ musste ich unweigerlich an Futurama denken und an die Köpfe von Politikern (Nixon), Schauspielern (Pam Anderson) oder Musikern (Beck). Denn natürlich hat Jodie Marsh, die mir in keinster Weise bekannt ist, keinen neuen Körper. Sie kann ja nicht ihren Kopf abschrauben und auf einen anderen Körper aufsetzen. Würde das gehen, wäre das für viele Frauen, die ihren Körper nicht leiden können, mit Sicherheit eine Freude. Sowieso: Muskeln verschwinden nicht, sie können nicht irgendwo „hingehen“. Sie werden kleiner, größer, werden schlaffer oder definierter. Aber weggehen? Nein. Nein.

Dritte Kostprobe deutscher Sprachgewalt, weil es so schön ist. Und eigentlich auch gar nicht falsch. Aber manchmal, nicht nur wenn mir langweilig ist, dann denke ich über diese Dinge nach. Also: drittes Beispiel. Das Titelbild dieses Eintrags. „Bezirke kämpfen gegen Müllberge“ aus der Berliner Morgenpost – ein wundervolles Beispiel, das mich während des morgendlichen Hotelfrühstücks zum Lächeln brachte. Ich sah Klaus Wowereit mit Besen und Wischmop gegen einen lebendigen Müllhaufen kämpfen – wobei der Regierende Bürgermeister mittlerweile natürlich andere Probleme hat: Die Türen eines Flughafens dürfen nicht geöffnet werden. Bis März 2013. Aber als ich vor zwei Wochen in Berlin war, da sah das alles noch anders aus. Da hatten Müllbergmonster, legitime Erben des Golgathaners aus Dogma übrigens, die Parks verwüstet und für einen Großeinsatz der orangenen Müllmännerarmee gesorgt – an deren Spitze Oberkämpfer Klausi Wowereit alles gab. Nun aber, schon erwähnt, gibt es andere Aufgaben. BER. Und die Eröffnung dieses Flughafens verspricht er wohl für den 17. März 2013 – wenn das man kein Versprecher ist. Wir werden sehen.

Sicherlich: Man kann da nicht zu streng sein. Sprache lebt von diesen Spielen, diesen Vergleichen, diesen manchmal schiefen Phrasen (Phrasen). Wie vor einiger Zeit, als ich mit dem Freund darüber diskutierte, ob ein Protest auf die „Straße schwappen“ könne. Es ging um ACTA und all die Menschen, die ihren Protest plötzlich auf die Straße verlagern – und nicht mehr nur mit 140 Zeichen ihren Unmut kund tun. Aber die Frage ist doch: Ist schwappen nicht ein zu schwaches Wort? Wenn der Kaffee auf die Untertasse schwappt, dann ist dort eine kleine Pfütze, das Missgeschick kann mit einem kleinen Stück Küchenrolle behoben werden. Aber ein Protest, der will doch mehr als eine Pfütze sein?! Er will, wenn man schon in den Wortbereich der Flüssigkeiten geht, durch die Straßen branden oder rauschen. Mit weißen Schaumkronen und ungeheurer Kraft, die alles mit sich nimmt. Schwappen ist eine kleine Welle, durch die wir barfuß im Sonnenuntergang gehen.

Eine Dozentin an der Akademie für Publizistik hat uns mal gesagt: „Findet für alles eure eigenen Worte“ – nur leider tut das kaum einer. Nicht die Journalisten, nicht die Autoren. Auch ich bekenne mich da schuldig. Leider.

Sehr weit oben – wir sind mittlerweile bei Wort 900 oder so – habe ich auch die Internetsprache angesprochen. Und die ist mir, wie einige bereits leidvoll erfahren mussten, ein Rätsel für mich. Vor einiger Zeit las ich beispielsweise: *duckundweg*. Man erklärte mir, das schreibe man, wenn man etwas lustig-gemeines geschrieben hätte. Ich stellte mir also vor, wie das in der nicht-virtuellen Welt aussehen würde: Ich sag beispielsweise zu der Nachbarin etwas, das ein bisschen gemein und auch witzig ist. Daraufhin würde ich mich ducken, umdrehen und wegrennen. Komische Sache.

Aber wir Menschen lernen ja früh, uns nicht als Vergleichskriterium zu nehmen. Also überlegte ich, ob ich schon einmal gesehen hätte, wie jemand sich duckte und wegrannte. Nein, war die Antwort. Stattdessen entwickelte sich in meinem Kopf ein kleiner Comic, in dem jemand etwas auf seiner Tastatur tippte, grinste, den Laptop zusammenklappte, vom Sofa aufsprang, dabei das Kabel vom Laptop abriss, sich in den angeschlossenen Kopfhörern verhedderte und dann das Weite suchte. Kann man von halten, was man will…

Ähnlich ist es ja mit „ROFL“, das bedeuten soll, dass man sich lachend auf dem Boden windet. Ebenfalls noch nicht gesehen. Und auch wenn mir heute morgen jemand mitteilte, dass er sich angesichts meines Wissens und meiner Fähigkeit, Bambis als eben solche zu enttarnen, vor mir verbeugen würde: Gesehen habe ich es noch nicht. Das Verbeugen.

Aber sollten sich bald Menschen vor mir lachend auf dem Boden winden: Ich sag Bescheid. Ehrlich!

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2 Kommentare zu “Lass mich Dich vollphrasen

  1. Sehr treffend. Ähnlich wie das „Schlucken“ beim Kauf von Unternehmen, spricht man bei Gerüchten über anstehende Fußballtransfers davon, dass „die Bayern ihre Fühler nach Claudio Pizarro ausstrecken.“. Bayern München, das Insekt.

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