Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die Frau am Fenster

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Gegenüber vom Büro ist ein Wohnhaus. Untypisch für Leipzig. Eine beinahe glatte weiße Wand, viele Fenster, die den Blick in die Wohnung erlauben und doch meist von Gardinen verhangen sind. Als ich schon ein Stockwerk höher saß, fiel mir eine ältere Dame auf.

Beinahe stündlich sieht sie aus dem Fenster. Ihre Haut hat tiefe Falten, die grauen Haare stehen in einzelnen Strähnen vom Kopf ab. Die Schultern beben, die Finger umklammern das Fensterbrett. So blickt sie von oben, aus der dritten Etage, auf die Straße. Zurzeit hat sie einiges zu sehen. Unten wird gebaut. Die Handwerker mischen Zement, transportieren Lasten mit einem hohen Kran, Touristen bahnen sich einen Weg zwischen Europaletten und Sandbergen.

Auch einige Straßen weiter, gegenüber einer Eisbar, steht solch ein Haus mit glatter Wand und schmucklosen Fenstern. Häufig sieht man dort einen Mann stehen. Ebenfalls im dritten Stock. Er lehnt sich aus dem Fenster, das etwas zu enge Hemd umspannt seine Schultern. Ab und zu dreht sich sein Kopf leicht. Immer dann, wenn er einen Passanten erspäht hat, der ihm folgenswert erscheint.

Diese beiden Gebäude  stehen mitten in der Stadt. Während auf den Straßen die Menschen ihrer Wege gehen, sie reden und lachen und ihre Gesichter in die immer stärker werdende Sonne halten, stehen der Mann und die Frau dort am Fenster. Alleine.

Ein wenig macht mich der Anblick der zwei Menschen traurig. Vielleicht sind beide nur alleine, und nicht einsam. Doch wer kann das schon wissen?

Manchmal möchten wir alleine sein. Unsere Ruhe haben, die Stille um uns herum genießen, uns ganz auf unsere Gedanken konzentrieren. Alleine sein, das ist nicht schlimm. Eine Bekannte hat einmal gesagt: „Man muss auch mit sich alleine sein können.“ Und das ist wahr. Es ist eine der größten Wahrheiten. Es ist eine große Kunst, ein Wochenende einmal nichts zu tun. Mit niemandem zu reden, sich selbst für 48 Stunden zu genügen. Und die Gedanken im Kopf zuzulassen. Die eigenen Worte. All das, was sich so in uns aufstaut, während wir von Menschen umgeben sind. Und was wir nicht verdenken können, während um uns herum gesprochen wird.

Ständig auf Tour sein, jeden Abend in einer Kneipe sitzen – das kann jeder irgendwie. Mit sich sein – das können nicht alle. Manche Menschen haben Angst vor sich selber. Sie rennen vor sich weg. Vor dem, was an Worten und Gedanken und Ängsten in ihrem Kopf schwirrt. Sie vergessen, dass unter all diesen Gedanken auch das ganz große Glück liegen kann. Ein Gefühl von Genügsamkeit und Zufriedenheit.

Alleine sein – das ist etwas ganz anderes als Einsamkeit. Einsamkeit tut weh, sie drückt in das Herz, sie macht das Atmen schwer. Wir können umgeben von Menschen sein und doch solch eine Einsamkeit in uns fühlen, dass wir unter den Füßen spüren, wie sich die Welt bewegt. Bush singen in Glycerine davon. I’m never alone, I’m alone all the time.

Wenn meine Nachbarin ab morgens 8 Uhr im Flur steht und allen Vorbeilaufenden von den Problemen mit ihrer Niere, dem letzten Fleischeinkauf und dem Enkel in den USA erzählt, während ihr Mann in der Wohnung auf dem Sofa liegt und vor sich hinschnarcht, dann macht mich das traurig. Wenn ich dann das Tor zum Innenhof geschlossen habe und mit dem Fahrrad in Richtung Büro fahre, überkommt mich das schlechte Gewissen. Weil ich ihr – vorgetäuscht hektisch und beschäftigt – versprochen habe, mal am Abend zu klingeln. Damit wir ein Likörchen trinken können. Und ich weiß, dass ich auch an diesem Abend nicht klingeln werde. Und auch morgen nicht. Weil ich vielleicht Zeit habe, aber keine Lust auf Geschichten über Nierenkrebs und den Wohnungsputz, den sie mit bald 86 Jahren immer noch alleine macht.

Immerhin haben wir drei Mädchen aus dem Büro nun beschlossen: Wenn nachher die alte Dame wieder aus dem Fenster sieht, dann winken wir und lächeln. Einfach so. Weil wir es können.

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2 Kommentare zu “Die Frau am Fenster

  1. Schöner Post! Gleiches erlebte ich bei einem Ausflug zu Christi Himmelfahrt: Ein alter Mann allein im Park. Wir leicht angetrunken auf unseren Rädern, redeten mit ihm, beschwerten ihm vielleicht die schönsten Minuten an diesem Tag. Erst einige Tage später kamen mir diese Gedanken, die ich nicht mehr vergesse – vor allem nicht im Mai. Also winkt der alten Dame – vielleicht bereut ihr es, es schon Morgen nicht mehr zu können.

  2. Sie sieht uns nicht… Aber wir versuchen es tapfer weiter…

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