Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Litfaßsäulensturm

Hinterlasse einen Kommentar

Die Süddeutsche hat heute einen interessanten Artikel. Naja, vielleicht ist der Artikel nicht von heute, sondern von gestern. Aber es steht das heutige Datum im Onlinetext. Doch was bedeutet das schon? Schließlich werden zeitlose Themen immer mal wieder bei Zeitungen geschoben. Und das Thema, es ist zeitlos: Es geht um Trikotwerbung.

Und das ist ein Thema, das beschäftigt mich gedanklich schon seit einiger Zeit. Nicht die Trikotwerbung an sich. Sondern Werbung. Für sich.

Denn wir machen irgendwie sehr häufig irgendwie Werbung für uns. Nicht immer, manchmal. Und im Netz noch häufiger.

Vor einiger Zeit schrieb mir ein Freund, ich hätte doch in einem Twittereintrag explizit auf ihn verweisen können. Das würde seinen Klout Score erhöhen, sagte er. Und vielleicht, ich glaube es, meinte er es ironisch.

(Dem Leser sei nun kurz gesagt: Es wird noch interessant, ich erkläre nun kurz etwas, gebe Hintergrundwissen. Danach wird es auch um Männer und Frauen gehen. Echt! Und wer sich damit auskennt, der kann den kommenden Absatz auch gerne überspringen)

Klout Score, das werde ich nun kurz erklären, misst die Reichweite von Nutzern in Sozialen Netzwerken. Wie gut also jemand vernetzt ist, wie häufig er erwähnt wird. Zwischen einem und 100 Punkten kann ein Nutzer so erreichen. Damit zeigt sich dann auch, wie interessant man zum Beispiel für Firmen ist. Einige Blogger und Twitterer schöpfen daraus bares Geld, indem sie in ihrem Blog Links setzen. (Wen es interessiert: Die TAZ hat einen interessanten Artikel dazu veröffentlicht…). Mein Score liegt übrigens bei 44. Keine Ahnung, ob das gut ist. Ich glaube nicht.

Das ist natürlich nur die eine Seite der wandelnden Litfaßsäule Mensch. Wir müssen uns ständig verkaufen. Sei es als Single im Dickicht des DatingDschungels, sei es in Bewerbungen oder im ganz normalen Leben. Wir müssen uns ständig präsentieren, zurecht machen und die Aufmerksamkeit auf uns ziehen.

Sei es, wenn wir einen Job suchen und unbedingt diese eine ganz besondere Stelle haben möchten. Die Firma kommt nur in seltenen Fällen auf uns zu und sagt: „Wir haben gesehen, was für phantastische Arbeit Sie in Ihrem alten Unternehmen gemacht haben. Wir würden Sie gerne für uns haben.“ Nein. Wir schreiben eine Bewerbung, in der wir uns anpreisen müssen wie das berühmte Brot von gestern. Und dann müssen wir in einem Gespräch noch einmal zeigen, was uns so besonders macht.

Oder sei es in Singlebörsen. All diese Duckface-Bilder (Knutschmund, Kamera mit rechts halten und den Kopf zur Vermeidung eines Doppelkinns möglichst weit strecken) gibt es doch nur, weil irgendjemand einmal den Begriff Schmollmund falsch interpretiert hat. Und diese Duckface-Bilder, die finden sich dann auf Singlebörsen, bei Facebook oder Twitter – was prinzipiell auch alles das selbe ist. Zumindest für Singles. Dort muss man dann möglichst interessant und witzig erscheinen – am besten auch authentisch, womit es dann schon wieder schwierig wird.

Kein Wunder, dass viele gar nicht mehr wissen, wer sie sind. Und es ist ja auch wirklich anstrengend. Alles. Prinzipiell macht beispielsweise das Bloggen keinen Spaß mehr. Darf es nicht. Spaß machen. Es muss einen tieferen Sinn haben. Es soll die Welt verändern. Oder zumindest die eigene Bekanntheit steigern.

Da sitzt man da und erzählt, dass man bloggt. Und warum man es tut: „Weil ich gerne schreibe. Weil es Spaß macht. Weil es mir Freude macht, wenn Menschen für 800 Wörter ihre Sorgen vergessen und lachen.“ Viel zu oft kommt dann aber die Frage nach dem Pagerank. Und den SEO-Kriterien. Nicht nach: „Echt? Du möchtest die Leute glücklich machen?“ Glück ist der Tod für unsere heutige Welt. Glück lässt sich nur schwer messen und für Marketingzwecke benutzen. Dabei wäre Glückbook wohl das schönste soziale Netzwerk aller Zeiten: Jeder schreibt rein, was ihn heute glücklich gemacht hat. Es wäre eine Sammlung voller augenfunkelnder Augenblicke. Und für all die Meckerlappen dieser Welt ein Grund, mal über ihr eigenes Leben nachzudenken.

Um auf das „Warum ich blogge“ zurückzukommen: Dann sitze ich da. Und gucke doof aus der Wäsche. Denn natürlich kenne ich das Wort „Pagerank“. Ich weiß auch, was SEO ist. Beruflich muss ich das wissen. Aber für meinen eigenen privaten Blog? Für mein Hobby? Etwas, das mir und den Lesern Spaß machen soll? Dafür soll ich Suchmaschinenoptimierung betreiben? Mir anstrengend irgendwelche Wendungen überlegen, um die Wörter „Sex“ und vielleicht noch „gratis“ unterzubekommen? Oha. Für mich geht da der Spaß verloren.

Aber so ist es eben immer und überall. Das, was wir wollen und das, was wir sollen wollten, vermischen sich und verwischen die Grenze von „Macht Spaß“ und „Ist Werbung für meine Person“. Ach, was wünschte ich manchmal, ich würde nichts „mit Medien machen“ und müsste mir nicht ständig solche Gedanken machen.

Und so fühlt man sich manchmal wie eine kleine Werbesäule. Da möchte man etwas bloggen, aber sollte es nicht tun. Das ist – übrigens – anders als mit den Partybildern bei Facebook. Der Spruch „Ich will nicht, dass mein zukünftiger Arbeitgeber das sieht“ versteckt den eigentlichen Gedanken dahinter: „Ich bin so hässlich, ich möchte nicht, dass irgendjemand sieht, wie mein Bauch in das Bierglas hängt.“

Wie es so häufig ist, wenn ich nachdenke und dabei schreibe, stoppe ich irgendwann. Weil mir kein passender Schluss einfällt. Wie ich den Leser mit Mehrwert entlasse und einem Lächeln auf den Lippen. Vielleicht fange ich einfach mal mit meinem eigenen Glückbook an: Was mich heute und gestern glücklich gemacht hat:

1: Grillen mit Freunden unter dem blühenden Kirschbaum.

2: Nette Emails von eigentlich unbekannten Menschen.

3: Zu wissen, dass es der besten Freundin gut geht. Und sie Spaß hat.

4: Pancakes zum Frühstück. Mit Rhabarbermarmelade.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s