Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Reviermarkierung 2.0

2 Kommentare

Vor einigen Tagen bekam ich eine Nachricht. „Schreib doch mal über digitale Schwanzvergleiche“ stand darin. Und auch gleich der Aufhänger wurde mir dazu geliefert. Ich habe mich gefreut. Ich freue mich immer über Anregungen. Ich kann meine Augen noch so weit aufhalten, auch ich kann nicht alles sehen. Nicht im geringsten. Also: Ich übernehme auch thematische Auftragsarbeiten.

Wobei es in diesem Fall wohl mehr darum ging, dass die Sicht einer Frau formuliert wird. Denn der digitale Schwanzvergleich, das ist ja klar, der findet unter Männern statt. Und obige Nachricht kam von einem Mann. Er ärgerte sich. Weil ein offensichtlich in der mittigen Lebenskrise steckender Mann seine Frau angrub. Per Twitter. Das ist da ja auch so einfach. Ein Stern, ein Retweet – und das in regelmäßiger Wiederholung, anschäkernde Worte in 140 Zeichen mit einem @ versehen – und schwupps.

Also: digitale Schwanzvergleiche.

Mir als Frau ist das bisher nicht so klar gewesen. Also dass es da offensichtlich ein Problem gibt. Ich hielt dieses Verhalten, auch diese „Ich bin cooler als Du und kann viel häufiger das Wort ‚Penis‘ schreiben als Du“-Sachen eher für so ein bisschen witziges Balzgehabe. Aber scheinbar steckt da mehr hinter.

Früher, in der Welt ohne Internet, da war das ja auch noch ein wenig leichter, sein Revier zu markieren. Einmal den Klodeckel gehoben, einmal mit der Holden das Ikea-Kissen ausgesucht und schon war klar, wer in diesem Revier das Sagen hatte. Oder wer zumindest vorgab, das Sagen zu haben.

Das hat etwas mit Räumlichkeit zu tun. Und ohne nun mal wieder soziologisch exkursiv zu arbeiten: die Räume haben sich verändert. Früher da waren die greifbarer. Da waren die Wohnung, das Büro und die Stadt. Bei einigen auch der Fußballplatz. Das ließ sich für die Männerwelt irgendwo noch überblicken. Da konnte er auch immer einen Blick auf seine Frau haben. Vier Orte, das sollte selbst in einem Gehirn funktionieren, das permanent durch Brüste abgelenkt werden kann.

Aber nun ist da das Internet. Und das hat beinahe unendlich viele Räume. Da macht auch Foursquare es nicht besser, dass Er weiß, wo Sie sich gerade rein örtlich befindet. Wer weiß: Vielleicht hat Sie ein geheimes Twitterprofil , von dem er gar nichts weiß. Wo sie eigentlich ganz schlecht über ihn redet, in Erinnerungen an ehemalige Liebschaften schwelgt und sich ein wenig umorientiert.

Natürlich: Auch in der Stadt kann sie das tun. Aber da könnte man sich irgendwie noch über den Weg laufen. Und man erkennt sich. Aber im Internet? Hui. Da nennt sie sich Schneckschen und er erkennt seine Ursula gar nicht.

All das macht es für Männer noch wichtiger, das eigene Revier zu markieren. Soll noch einmal einer sagen, dass das Internet unser Leben einfacher gemacht hat! Sicherlich: Wir können dort Kleidung bestellen und Fußballergebnisse nachverfolgen. Aber hat schon einmal jemand von uns Frauen darüber nachgedacht, wie verdammt schwer es für die Männer geworden ist? Die Konkurrenz um das Herz der Liebsten, der kann nicht mehr nur in der näheren Umgebung lauern… Nein, er kann auch 500 Kilometer weit weg sein. Und trotzdem so nah!

Uns Frauen ist diese Problematik in vielen Fällen natürlich gar nicht klar. Wir freuen uns über etwas Aufmerksamkeit, während die Männer sich verbal zu ihnen ungewohnten Höhen aufschwingen, um klar zu machen: Der wahre Mann bin ich.

Und manchmal kommt es dabei eben auch zu den digitalen Balzkämpfen. Gar nicht immer nur um die Frau. Die spielt manchmal nur eine untergeordnete Rolle oder wird Mittel zum Zweck. Ein bisschen wie bei den Gorillas, glaube ich. Da wird am Fell gezogen und gebrüllt und sich auf die digitale Brust gehauen – aber es geht nicht um die Frau, die verschüchtert von so viel Instinkt am Rand sitzt. Nein, es geht darum, wer am lautesten ist.

Es gab Zeiten, da wurde das in aller Räumlichkeit ausgetragen. An einer Ampel. Bei Rot wurde so lange auf das Gas gedrückt, bis die zwei Frauen auf den Beifahrersitzen ihren Kopf voller Scham im Handschuhfach versteckten. Aber heute? Wie kann man sich im Internet, wo doch ohnehin jeder schreiben kann, was er will, noch solche Kämpfe liefern?

Ein normales „Du bist doof“ „Nein, Du bist doof“ wäre zu simpel. Und aus diesem Grund wird der Kampf um das Revier eben auch gerne auf dem Rücken der armen Frauen ausgetragen. Da wird bei der Frau der Konkurrenz gefaved bis der Stern vor Anstrengung beinahe verglüht. Und nur um zu sagen „Guck mal, ich kann Deine Frauen faven so oft ich will und Du kannst nichts dagegen tun.“ Respektive: Da wird so oft der „Gefällt mir“-Button gedrückt, bis es dem Knopf geht, wie der Deutschen Mark 1925. Aber wieder: „Ha, ich kann so häufig „Gefällt mir“ drücken wie ich will bei Deiner Frau. Und Du kannst nichts dagegen tun. Du musst zu sehen, wie es ihr so richtig…“ Naja, man kennt das.

Wenn ich so darüber nachdenke: Das scheint mir sehr anstrengend zu sein. Ich bin froh, dass ich kein Mann bin und kein Revier markieren und verteidigen muss. Ich backe einfach Kuchen und gut ist. Ab und zu sollten Männer sich eben ein Beispiel an uns Frauen nehmen.

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2 Kommentare zu “Reviermarkierung 2.0

  1. Auch eine Lösung: Meine geliebte Frau ist nicht auf Twitter. Freiwillig nicht. 😉

  2. Das kann man nun aber in die eine und in die andere Richtung sehen 🙂

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