Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

RE: Bewerbung als Expertin

7 Kommentare

Eigentlich müssten wir uns gar keine Sorgen mehr über das Leben machen. Denn eigentlich ist alles so leicht und der beste Ratschlag für jedes unserer großen und kleinen Probleme nur einen Klick entfernt. Oder einen Telefonanruf. Oder ein Frauenmagazin.

Manchmal wundere ich mich mich. Für alles gibt es Experten. Was ja auch irgendwie gut ist. Aber woher kommen die? Und woher nehmen sie nur ihre Expertise?

Nehmen wir mal einen Beziehungsexperten. Dieser Typ Fachmann wird gerne in Frauenzeitschriften rezitiert, meist auf einem Foto dargestellt, das in einem Park gemacht wurde. Das sieht nach Frühling aus. Und Frühling sieht nach Liebe aus. Und dafür ist der Mensch auf dem Foto ja Experte. Ein Kreis schließt sich.

Also: Woher nimmt das Experte all seine Tipps und klugen Ratschläge? Für gewöhnlich – und hier zitiere ich Wikipedia – ist ein Experte eine Person, die „ein überdurchschnittliches Wissen auf einem Fachgebiet (…)“ hat. Und hinzu: „Neben dem theoretischen Wissen kann eine kompetente Anwendung desselben, also praktisches Handlungswissen für einen Experten kennzeichnend sein. Voraussetzung ist dazu das Erreichen der dritten Stufe der Entwicklung des Experten.“ (Die dritte Stufe ist die Vervollkommnung des Wissens)

Mich machen diese praktischen Erfahrungen bei Beziehungsexperten stutzig. Denn um sich ein umfangreiches Wissen anzueignen, muss dieser Experte ja schon viele Beziehungen gehabt haben. Was aber gegen seinen Erfolg spricht. Wer in zehn Jahren 15 Beziehungen führt, der ist meines Erachtens nach eher ein Beispiel dafür, wie man es nicht macht. Und da er scheinbar nach dem fünften Ende immer noch nicht gemerkt hat, was schief läuft, kann man auch davon ausgehen, dass der Beziehungsexperte nicht reflektierend denken kann. Von solch einem Menschen möchte ich nicht gesagt bekommen, wie ich meinen Traummann finde. Oder was ich an mir ändern muss. Oder. Oder. Oder.

Natürlich kann es auch sein, dass der Fachmann schon lange in einer Beziehung ist. „Seit der Grundschule zusammen“ oder so. Das ist dann aber ungefähr so, als ob man einmal einen Schwan gesehen hat, der schwarz ist. Und dann sagt: „Alle Schwäne sind schwarz.“ (Wessen Logik ist das? Sokrates? Platon?) Denn wir wissen: Alles ist anders, wenn die Karten im Zweierteam neu gemischt werden. Eine Erfahrung reicht da nicht. 15 wären schon besser… aber naja… siehe oben.

Oder nehmen wir den Lebenscoach, der ja ebenfalls überdurchschnittlich häufig in Frauenzeitschriften auftaucht. Manchmal sogar im Fernsehen. Ein Lebenscoach, das ist einer, der viel über das Leben weiß. Und uns deswegen etwas über das Leben sagen kann. Früher haben das die Philosophen übernommen, heute macht das der Lebenscoach. Philosophie versteht ja ohnehin keiner mehr. Flüsse, in die man nur einmal steigen kann oder dass man ist, weil man denkt… Da dreht sich ja der Kopf im Kreis.

Lebensberater, Lebenscoaches und Lebensexperten, die sagen das mit dem Wasser und sein Sein einfacher. Ohne, dass man dabei mitdenken muss. „Wenn es regnet“, sagen die, „dann musst Du einen Schirm mit auf Deinen Spaziergang nehmen.“ Und alle nicken anerkennend und sagen: „Wow, stimmt.“

Manchmal haben Lebensberater auch Steine bei sich. Oder Karten. Oder ein wenig Kaffeesatz. Dann können sie alles sehen, was uns so bedrückt. „Das Leben lastet schwer in Deinen Händen“, sagen sie, während der Stein in unseren Fingern immer klebriger vom Angstschweiß wird und er unsere Sehnenscheiden beansprucht. Oder: „Für Dich gab es bittere Momente“ und wir nehmen den letzten Schluck von dem angebrannten Kaffee.

Kein Mensch weiß, woher diese Experten kommen. Ein Arzt, immerhin auch ein Experte (und zwar für die Gesundheit), hat ein ellenlanges Studium hinter sich. Er muss praktizieren, darf nicht mehr schlafen und muss ganz viel lernen. Irgendwann darf er sich dann eine gerahmte Urkunde in sein Kämmerlein hängen und wir wissen: Das ist ein Arzt. Aber ein Lebensberater? Was sind dessen Qualifikationen? Was muss der gelernt oder studiert haben? Allem Anschein nach, musste der nur leben.

Besonders faszinieren mich die Experten im Fernsehen. Da gibt es ja beispielsweise den Urlaubsexperten Ralf keine-Ahnung-was. Was macht einen Urlaubsexperten genau aus? Hat er viel Urlaub gemacht? (Eine kleine Recherche ergab übrigens, dass obiger Experte auch schon als Raumfahrt- und Luftfahrtexperte unterwegs war – weil er ein Segelflugzeug steuern kann.

Wie glücklich die Menschheit ist, wenn irgendwo ein Experte etwas sagt. Wir fühlen uns sofort gut aufgehoben, denken, dass nun nichts mehr passieren kann. Manchmal machen wir auch von Frauenzeitschriften-Experten erstellte Psychotests und hoffen, dass uns das weiterhilft. Weil diese Tests uns sagen, was wir für ein Stiefeltyp sind (so geht der Schuhkauf schneller), wie unsere perfekte Liebesgeschichte ablaufen soll (mein Ergebnis: Wie bei Pretty Woman. Mich schockierte das. Ich will doch gar nicht… also… ääääh… It must have beeheeeeen love) oder was für eine Freundin für unseren Freund abgeben (als müsste ich diesen Test machen: Ich bin – wenn denn – eine tolle Freundin. Immerhin kann ich… ääähm…. kochen).

So leben wir in einer Welt voller Expertisen, haben für die wichtigen Fragen des Lebens aber doch noch immer keine Antwort. Warum schmeckt Milchreis nicht lecker? Wo lernen wir unseren Traummann/unsere Traumfrau kennen? Warum stehen Männer auf verrückte Frauen? Warum brauchen wir dringend Wäscheklammern? Und warum fahren die dicksten Frauen die kleinsten Fahrräder?

Fragen über Fragen. Gut, dass wir uns haben, das gesammelte Wissen der Blogosphäre (gibt es das Wort eigentlich noch?). Also, meine Frage: Wieso hat sich bei meinem Parfait der Alkohol von der Sahne getrennt?

Advertisements

7 Kommentare zu “RE: Bewerbung als Expertin

  1. Oh Hilfe, ich musste mich halb tot lachen, als ich das mit den dicken Frauen und den kleinen Fahrrädern gelesen habe. Dann hab ich den Blogeintrag dazu auch gelesen und musste noch viel mehr lachen. Das mit den kleinen Rucksäcken ist großartig! 😀
    Aber ich kann Minikuchen essen, ich bin klein und nicht dick. Ich mag Minikuchen!

  2. Das mit den dicksten Frauen und den kleinsten Fahrrädern ist vermutlich so wie mit den dümmsten Bauern und den dicksten Kartoffeln… Keiner weiß, warum. Oder vielleicht scheint es auch nur so, weil die Fahrräder im Verhältnis zu den Frauen(hintern) eben kleiner wirken. Es gibt übrigens noch einen Philosophen-Experten: Richard David Precht. Der ist die Allzweick-Waffe vom ZDF, hat aber immerhin studiert…

    • Ist das der, der dieses „Ich bin“ und irgendwann mit „ganz viele“ geschrieben hat? Blöd nur, dass der typische Frauenzeitschriften-Experten-Sucher kein ZDF guckt. Vermute ich zumindest mal.

  3. Der ist das mit „Ich bin“ und „ganz viele“. Der geistert aber nicht nur durchs ZDF, sondern auch durch jede Talkshow im Öffentlich-Rechtlichen, die sich ihm bietet. Lustigerweise ist der mit Veronica Ferres zur Schule gegangen, wobei ich nicht weiß, ob das eine Auszeichnung ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s