Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Das Wollen und das Schmollen zu Ostern

9 Kommentare

Der Mensch ist, das ist ein Erfahrungswert, ein wankelmütiges und nicht zu verstehendes Wesen. Das zeigt sich am Miteinander von Frauen und Männern, das man nach Jahren zwischen Beziehung, Singlesein und Balz immer noch nicht im geringsten zu Fassen in der Lage ist. Das zeigt sich auch im Supermarkt an der Kasse kurz vor Feiertagen. Dort wird selber gedrängelt und geschoben und gemotzt – aber wer dann selber einen Einkaufswagen in die Rippen bekommt, dreht sich wütend um und sagt „Ein bisschen Geduld, bitte!“

Der Mensch – und ich nehme mich da nicht aus, musste ich doch feststellen, dass auch ich einer bin (dabei wäre ich sooo gerne Bibi Blocksberg) – möchte immer nur das „Ja“ aber nicht das „aber“. Ein grausamer Zwiespalt, in dem wir uns tagtäglich bewegen und uns Arme, Beine und Gesicht aufratschen; im Kampf, um irgendwie aus diesem Spalt herauszukommen.

Denn wir wollen ja, dass über die Feiertage der Kühlschrank voll ist. Wir wollen leckeres Essen, leckere Getränke und alles soll perfekt sein. Wir sagen „Ja“ zum staatlich und kirchlich verordneten Feiertag, der es uns erlaubt, auszuschlafen, zu frühstücken, spazierend durch die Stadt zu schlendern und am Abend mit dem Wissen auf dem Sofa zu liegen, das morgen noch genau solch ein wunderbarer Tag voller Nichtstun folgen wird. Was wir nicht wollen ist es, am Tag vorher am Obst- und Gemüsestand kriegerische Schlachten nachzustellen.

Sei es die Schlacht von Marathon, die bedeutet, dass wir an der Kasse feststellen, dass wir die Tomaten vergessen haben und wir nun noch einmal durch den ganzen Supermarkt durchrennen müssen, um dort ermattet vor dem letzten matschigen Obst zusammenzubrechen. Oder sei es irgendeine Schlacht in der Kälte, derer es ja eine Menge gegeben hat; kopfüber hängen wir in der Tiefkühltruhe, die Hände schon rot und taub von der Suche nach der letzten Mini-Kräuter-Packung mit Petersilie.

Und es gibt so viele Beispiele für Dinge, die wir wollen, ohne den Nachteil daran. Oder anders: ohne das, was wir als Nachteil sehen.

Was freuen sich alle, dass es das lange Osterfest gibt, das den meisten von uns vier freie Tage am Stück beschert (und Timeline und dieses Facebook-Dingens beweisen die Freude mit jedem Klick auf „Aktualisieren). Vier Tage voller oben schon erwähnter Freuden. Doof nur, dass diese vier Tage einen Sinn haben, einen tieferen, einen geschichtlichen, einen religiösen Hintergrund.

Der Donnerstag, an dem wir noch arbeiten, ist der Gründonnerstag, an dem Jesus das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern feierte. Heute würden die „Jünger“ wohl Clique, Entourage oder Follower heißen. Und am Freitag, da ist es still. Es ist Karfreitag. Der Tag, an dem Jesus starb. Und weil das für die Christen der schlimmste und traurigste Tag des Kirchenjahres ist, ist es eben ein „stiller Feiertag“.

Man muss nicht an Gott glauben. Aber wer einen laizistischen Staat fordert (und damit dann auch eine Änderung in ganz vielen Bereichen wie Verfassung und so, weil wir eben die christlichen Werte dort verankert haben), weil er an einem von 365 Tagen im Jahr ausgerechnet und unbedingt tanzen möchte, der muss dann auch damit rechnen, dass Ostern kein gesetzlicher Feiertag mehr ist. Goodbye langes Wochenende über Ostern; Arrivederci, Du wunderbares Pfingstwochenende bei meist beinahe sommerlichen Temperaturen; tot ziens Weihnachten, Du Fest voller Geschenke und Gänsebraten!

Wir reden immer alle von Entschleunigung. Davon, dass keine Zeit mehr ist, um zu uns selber zu finden. Wer nicht an Gott glaubt und an das, was in der Bibel steht (ich selber weiß beispielsweise nicht, was ich glauben soll und kann und will), der könnte den Tag doch einfach einmal für sich nutzen. So, als hätte er sein Smartphone verlegt. Schlafen, früh ins Bett gehen, sich mit Freunden treffen, Yoga machen, spazieren gehen. Und mal ehrlich: Freitags können wir doch immer tanzen gehen. Das ist schon beinahe lame. Aber sich am Sonntag auf der Tanzfläche zum Deppen zu machen: das geht nur über Ostern, Pfingsten und Weihnachten.

Aber wie schon gesagt: Wir sind ein komisches Völkchen. Wir wollen den perfekten Mann respektive die richtige Frau, ohne etwas dafür tun. Rausgehen: Nö? Am besten wäre doch, wenn der perfekte Partner (ohne Haare am Rücken, ohne Stoffwechsel, aber mit ausreichender Barschaft) bei uns an der Tür klingelt. Wir wollen leckeres und gutes Essen, aber wollen nicht das Geld bezahlen, das es eben kostet, wenn ein Rind nicht nur fein marmoriert ist, sondern auch glücklich gelebt hat. Und einige wollen eben auch die strikte Trennung von Staat und Kirche – und trotzdem Weihnachtsgeschenke.

Kleiner Beitrag unter dem Stichwort „damals“ (das angesichts meines jugendlichen Alters beinahe peinlich wirkt): Als ich noch jung war (muaha) und nicht drei Tage zum Ausnüchtern brauchte, da glühten wir vor, vor dem Weggehen. Und an der Tanzfläche standen wir nach einer komplizierten Anfahrt (Mama, Papa, Nachteule, Taxi oder doch Fahrrad?) gegen 01 Uhr. Nach einer kleiner Observation meiner Schwester stellte ich fest: das ist heute immer noch so.

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9 Kommentare zu “Das Wollen und das Schmollen zu Ostern

  1. Seit ich in einem sehr säkularisierten, unreligiösen Land lebe, wünsche ich mir manchmal ein bisschen mehr „Ostern“ mit Tanzverbot und mehr „Feierlichkeit“. Ja, ich habe heute an Karfreitag keine Vorlesungen, aber sonst ist alles wie immer. Die Supermärkte haben das ganze Wochenende wie sonst auch bis 23 Uhr geöffnet, die Disco um die Ecke veranstaltet heute eine Party namens „Nude Nuns with Huge Guns“ auf der „holy water“ ausgeschenkt wird (morgen wird der estnische Teilnehmer des Eurovision Song Contest dort auftreten, immerhin…) und sonst ist alles wie immer…Himmelfahrt und Pfingsten sind auch keine Feiertage in Estland. Unabhängig davon, ob ich gläubig bin oder nicht, mir fehlt etwas. So viel zum Wollen und Schmollen zu Ostern.

  2. Hier in UnserschönesÖsterreich ist Karfreitag kein Feiertag, nur Mitglieder der evangelischen Kirche, Methodisten und Altkatholiken bekommen den Tag frei. Tanzverbot ist auch nicht, daher auch keine – pardon my French – beknackte Wichtigtuerei einiger Tanzflashmobber, die meinen, sie seien ja so revolutionär mit ihrem „Protest“ gegen Traditionen, was bei mir persönlich mehr wie ein verzweifeltes „Beachtet mich, ich bin so cool und unkonventionell, bittebitte!“ ankommt. (Ich könnte heute halb Twitter an die Wand klatschen …)

    • Klatsch sie nur alle an die Wand, all diese ************. Es gibt 10.000 andere Probleme auf der Welt, aber weil sie an einem Freitag, an dem sie netterweise schon ausschlafen können, nicht tanzen dürfen, fühlen sie sich plötzlich zu pseudo-politischem Protest bemüßigt! Bäääääh!

  3. Pingback: Die Piraten, die Grünen und das Tanzverbot « Rainbows @ night

  4. Und das Gleiche dann wieder zu Weihnachten 🙂 Ach ja was schmollen wir auch nur rum. Aber so sind wir Menschen eben. Habe letztens auch ein Buch über Schmollen gelesen http://www.frieling.de/katalog/archive/978-3-89009-749-7?backto=1 , kann vielleicht besonders vor der weihnachtlichen Zeit interessant sein.

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