Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

♫ R-E-S-P-E-C-T – Find out what it means to me… ♫

3 Kommentare

Am Sonnabendabend habe ich mir mit einer sehr lieben Freundin DSDS angesehen. Sie tat das nicht freiwillig, sondern musste darüber schreiben. Ich wollte ihr eine gute Freundin sein und ihr – befüllt mit Rotwein, Kartoffelsuppe und Ingwertee – zur Seite stehen.

Ich wehre mich ja gegen Medienkritiken und die damit einhergehende Schelte. Eine Gesellschaft hat das Fernsehprogramm, das es will. Und dazu gehört eben auch DSDS. Ich persönlich will das nicht und habe deswegen den Fernsehen zum Unglauben der GEZ gleich ganz abgeschafft. Aber egal, es soll um etwas anderes gehen.

Ich habe die vergangenen Sendungen nicht gesehen. Ich habe auch nicht wirklich Ahnung von Musik. Wahrscheinlich dürften Sänger, die ich schätze, bei Dieter Bohlen nicht einmal die Teebeutel entsorgen. Ob das mehr über ihn als über meinen Musikgeschmack aussagt, das sei einfach mal dahingestellt.

Meine Freundin, die als Medienredakteurin Dinge weiß, die sie gar nicht immer wissen möchte, konnte mir zum Glück einen kleinen Einblick in die Sendung geben. Und so konnte sie mir sagen, dass Dieter Bohlen bei einem der Sänger in der vergangenen Woche seinen Platz verlassen hatte. Weil dieser junge Mann, sein Name ist wohl Joey, nicht singen könne. In Anbetracht der Tatsache, dass Modern Talking auf meiner persönlichen Liste der ABC-Waffen steht, ist alleine der Punkt, dass er diese Aussage wagt, sehr mutig. Aber auch das: egal.

Nun, dieser Joey hat wohl eine schlimme Kindheit hinter sich. Geschlagen, seelisch misshandelt – er wurde in den vergangenen Jahren seines noch kurzen Lebens wohl nicht sehr gut, sehr respektvoll, behandelt. Das ist für jeden Menschen eine schlimme Erfahrung. Wenn man respektlos behandelt wird, erfährt, dass Mitmenschen keine Achtung vor einem haben, dann kann einem das schon nahe gehen.

Und trotzdem ist Joey bei DSDS. Vielleicht ist er auch nicht die hellste Kerze im Leuchter. Vielleicht. Aber auch das ist egal. Weil jeder Respekt verdient hat. Die meisten von uns fordern den Mindestlohn. Aber vielleicht sollte auch der Mindestrespekt gefordert werden.

Wenn wir in unserem Leben schlimme Erfahrungen gemacht haben, und wir später noch einmal solch eine Erfahrung machen müssen, dann ist das grausam. Alte Wunden werden aufgerissen, ob wir wollen oder nicht. Wenn also ein Teilnehmer einer solchen Sendung offensiv damit umgeht, dass ihm furchtbare Dinge widerfahren sind, und wenn dann einer wie Dieter Bohlen trotz dieses Wissens noch einmal nachtritt (und nichts anderes ist es, wenn er das Studio verlässt), dann ist das nicht nur ätzend und verachtenswert. Es ist ein absolut erbärmliches Zeichen. Und dass der ausstrahlende Sender das im Namen der Quote auch noch beinahe witzig findet, das senkt den Pegel der Menschlichkeit in unserer Gesellschaft auf ein ganz niedriges Niveau.

Es gibt ungezählte Vereinigungen gegen Mobbing. Es gibt noch mehr Vereine gegen Diskriminierung. Aber wenn solch eine Sache im Fernsehen passiert, dann ist es ein Quotenbringer. Die Zeitungen können darüber berichten und die Menschen sitzen davor und sagen sich „Boah, muss dieser Joey ein schlechter Sänger sein“. Sie sagen nicht: „Boah, muss dieser Bohlen ein schlechter Mensch sein“. Menschen sehen zu, während etwas Schlimmes passiert. Sie gucken nicht weg, sie sehen noch genauer hin. Und verstehen scheinbar doch nicht, was da passiert. Oder sie wollen es nicht verstehen. Ich weiß es nicht. Ich würde manchmal gerne mehr in die Köpfe der Menschen sehen. Aber vielleicht wäre das auch nur erschreckend. Und schlimm. Und traurig.

Nun gut, ich bin – die meisten haben es gelesen – in diesem Fall natürlich zurzeit ohnehin sensibel. Aber – oder eher: deshalb – ich konnte sehr gut nachempfinden, was im Kopf dieses armen Jungen vorging, als er im Duett gegen den angeblich besten Sänger der Show antreten musste. Wenn Erniedrigung kein Ende nimmt, dann ist in einem Leere. Und eine dunkle Verzweiflung, die das Atmen ganz schwer macht und einem ganz genau zeigt, wo das Herz ist. Weil es sich so sehr zusammenzieht, dass es weh tut und einen innerlich schreien lässt.

Sicherlich: Es gibt zwei Einwände. Zum einen: Warum macht der Junge da mit? Immerhin weiß man doch, was dort mit den Kandidaten geschieht. Zum anderen: Warum steigt er nicht aus?

Ich kann mich zum ersten Punkt nicht äußern. Vielleicht ist es sein Traum. Vielleicht hat er sich verschätzt. Ja, ich glaube, er hat sich verschätzt – er ist ja auch kein Medienprofi; wer ist das schon? Er hat sich ebenso wie dieser Kristof verschätzt, dessen Outing in der Sendung zeigte, dass Toleranz und Respekt für viele Menschen nur Fremdwörter sind (und in dessen Fall der Sender ebenfalls die Angst und die Furcht des Jungen für die Quote nutzte). Zu Punkt zwei: Ich bin sicher, er würde sein Aufgeben als eigene Niederlage begreifen. Wenn niemand uns mehr Respekt entgegenbringt, dann wollen wir nicht auch noch den Respekt vor uns selber verlieren.

Wie zu Beginn geschrieben: Jede Gesellschaft hat die Sender und die Sendungen, die sie verlangt und will. Und jede Sendung und jeder Sender ist auch ein Spiegelbild der Welt, in der wir leben. Und wir leben nun einmal nicht nur in einer Entweder Broder oder einer 3Sat-Welt. Wir leben vor allem und zu größten Teilen in einer Germanys Next Topmodel-, DSDS-, Das Supertalent-, DSDS-Kids– und Extrem schön-Welt

Achja. Erwähnte ich, dass ich eine Sozialromantikerin bin?

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3 Kommentare zu “♫ R-E-S-P-E-C-T – Find out what it means to me… ♫

  1. du hast genau das in worte gefasst, was ich auch gefühlt habe! ganz ganz schlimm und das schlimmste ist: wir gucken dsds jeden samstag!

  2. BITTE? Gibt es in Norwegen nicht schönere Dinge, die man an einem Sonnabend tun kann? (Wenn der Babysitter mitmacht…)

  3. dazu frage ich: welcher babysitter?!?! 😦

    wir gucken das tatsächlich schon seit vielen jahren, finden es dieses mal aber nicht so spannend. ich weiss, ich sinke jetzt ganz doll im ansehen deiner leser aber ich bin mir sicher, dass es viele schauen und es doch nie zugeben würden.

    was ich aber eigentlich dazu noch sagen wollte ist, dass besagter joey eine recht coole replik auf bohlens kindisches und verachtendes verhalten hatte: und zwar meinte er etwas in dem stil „ihr (die jury) habt mich hier rein geholt und nun gehe ich hier nicht mehr raus.“. und das fanden wir klasse, denn er hat einfach mal recht. kein anderer als bohlen und seine marionetten haben diesen joey da rein geholt, also was tun die jetzt so, als könne der null singen?! ist doch voll affig. ich finde es jedenfalls super, dass er immer noch drin ist, egal ob er nun gut oder schlecht singt (davon krieg ich eh nicht viel mit, weil ich die hälfte der zeit mit irgendeinem nicht schlafenden kind beschäftigt bin) 😉 und der arme kristof ist ja inzwischen raus. der tat mir auch leid und es ist wie du sagst, in unserem land (naja oder eurem) wird toleranz eben scheinbar doch noch nicht so gross geschrieben, wie gehofft… 😦

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