Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Die verlorene Leichtigkeit

4 Kommentare

Der Bekannte versuchte mir zu sagen, warum ich im speziellen für ihn nicht als Sexualpartnerin in Frage käme. Oder genauer: Er versuchte, mir zu sagen, was an jungen Frauen so attraktiv sei – und was an mir eben nicht anziehend sei. Dabei bin ich nicht im geringsten alt. Ich bin ein guter Hartkäse. Am Rand schon etwas trocken, aber dann krümelig-delikat. Aber beginnen wir von vorne.

Der Bekannte also. Er hat eine Schwäche für jüngere Frauen. Wobei jung und alt eigentlich die falschen Kategorien sind. Schließlich ist er nicht 77 und sie 15. Er ist einfach nahe vor den 30 und die Frauen, die er gut findet, die sind so um die 20 rum. Also nichts schlimmes. Eigentlich.

Er stand nun vor mir, der Bekannte. „Diese Frauen“, sagte er und sah mir direkt ins Gesicht, „die haben etwas, das den meisten Frauen später abhanden kommt.“ Was denn abhanden käme, fragte ich ihn und er antwortete: „Leichtigkeit.“ Und wann diese Leichtigkeit verschwinde, wollte ich von ihm wissen. „Mit 28 Jahren“, sagte er.

Ich hatte von dieser interessanten Studie noch nie etwas gehört. Und das, wo sie mich doch betrifft. Seit nun bald drei Jahren frage ich mich, warum die Männer schreiend und mit den Armen fuchtelnd vor mir davon laufen. Nun weiß ich es: mir fehlt die Leichtigkeit. Meine Persönlichkeit scheint zwischen „verbissen“ und „schwer“ hin und her zu schwanken.

Interessanterweise scheint die Studie des Bekannten unvollständig zu sein. Denn das Wort „Leichtigkeit“, immerhin ein wichtiger Bestandteil der Untersuchung, wurde nicht näher definiert. Aber als ich einem Freund von all dem berichtete, pflichtete er dem Bekannten bei. Zwar wollte er sich auf den genauen Zeitpunkt nicht festlegen, wann denn plötzlich die Leichtigkeit weg sei, aber „Ja“, sagte er: „Irgendwann werdet ihr anders.“

„Anders“ allerdings, so meine ich, ist natürlich schon einmal etwas ganz anderes als das Gegenteil von Leichtigkeit, das für mich ja „verbissen“ oder eben auch „schwer“ ist.

Es gibt also, so lässt sich vermuten, im Leben einer Frau den Zeitpunkt, wo sie diese Leichtigkeit verliert. So die Theorie der Männerwelt. Dafür muss es mehrere Auslöser geben, einer würde nicht ausreichen, um solch eine starke persönliche Veränderung zu bewirken. Dass das mit 28 Jahren sein soll, halte ich für eine Fehlinterpretation des Bekannten, der ganz offensichtlich ein Problem mit ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit hat.

Ich überlegte mir also, was sich in den vergangenen Jahren an mir verändert hat. Mal ganz davon abgesehen, dass ich bei Müdigkeit tatsächlich Augenringe habe. Nicht viel, schlussfolgerte ich irgendwann. Nur eines: Ich habe keine Lust mehr auf leichte Männer.

Ich bin ja spießig. Ich mache Wochenendeinkäufe, ich habe eine Stofftasche extra für Flaschen, ich koche Eintöpfe und verzweifele an meiner Orchidee, die nur neue Blätter bekommt, aber keine Blüte. Ich freue mich, wenn ich nach einer anstrengenden Woche am Freitag früh ins Bett kann und wenn ich am Sonntag mit Freunden brunchen kann, ohne dass mein Magen mich an die Alkoholsünden der vergangenen Stunden erinnert. Vielleicht ist die Leichtigkeit der Einsicht gewichen, dass es andere und eventuell bessere Dinge gibt, als irgendwo aufzuwachen und nicht genau zu wissen, ob man den Mann neben sich nun von Twitter, aus dem UniSeminar oder eigentlich gar nicht kennt.

Ich glaube: Leichtigkeit ist das falsche Wort. Vielleicht wägt man irgendwann und mit dem Schatz der Macken, die man so hat, ab, ob sich irgendetwas lohnt. Lohnt es sich, diesen Mann in sein Herz zu lassen, oder ahnt man schon, dass die nächste Enttäuschung gerade neben einem sitzt?

Sicherlich: Ab und zu muss man seine Bedenken auch über Bord werfen. Aber es gab Zeiten, da haben wir uns doch gleich mit über Bord geworfen. Und da strampelten wir dann, im Wasser ohne Bikini, und kamen nicht zurück auf Boot. Und während wir noch überlegten, wie wir an Bord zurückkommen könnten, war der, wegen dem wir gesprungen waren, schon längst bei einer anderen. Nee, nee. Nee!

Ersetzen wir also das Wort „Leichtigkeit“ durch „Vorsicht, gepaart mit dem Wissen, dass man für Notfälle einen Bikini dabei haben sollte“. Ohne dem Bekannten zu nahe treten zu wollen: Vielleicht weiß er ganz genau, dass er bei den Frauen mit Bikini nicht so gut ankommen würde. Und schwimmt deshalb rund um die Partyboote, im Wasser strampelnd und ruft „Spring! Spring!“

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4 Kommentare zu “Die verlorene Leichtigkeit

  1. Ich ahne, wie dieser Bekannte den Begriff der ‚Leichtigkeit‘ definiert: ‚Stellt keine Ansprüche‘.

    Über solche Aussagen gehen wir doch mit Leichtigkeit hinweg, oder?!

  2. Ich war übrigens nie leicht, plagten mich doch mit acht schon Zweifel, Bedenken und der Hang zur Perfektion. Aber ich habe das Leichtigkeits-Ding schon sehr oft von Männern gehört und verstehe auch sehr gut, was sie meinen. Eine erwachsene, vernünftige, wohl überlegende Frau kann Mann wohl nicht das Gefühl geben, selbst noch jung und verrückt zu sein und ist deswegen ein Spaß-am-Leben-Verderber. Arsch!

  3. Toller Text – und das Bild mit Boot/See/Bikini ist toll, die daraus folgende Regel auch. Gilt wie immer auch geschlechterübergreifend 😉 Nur: Das ganze liegt leider nie am Gegenüber sondern an einem selbst, auch wenn es nicht leicht ist die „Richtige“ zu finden.

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