Die Eskapistin

Ich leide unter post-adoleszenter Bettverlustangst

Ich bin der Rest

8 Kommentare

An dieser Stelle: ein kleiner wissenschaftlicher Diskurs. Das kann in unser mit Reality-TV angefüllten Welt nicht schaden. Ohnehin beschäftigten wir uns ja zu wenig mit der Welt an sich. Und der geneigte Leser weiß: Ich bin ein Wortfetischist. Ich habe es sprachlich gerne genau und außergewöhnlich. Das macht es für meine Mitmenschen nicht immer einfach, für mich ist es aber gut. Ich brauche das.

Ich habe mehrere Baustellen. Zum einen ist dort natürlich, den Menschen das Wort „über“ bewusst zu machen. In 70 Prozent der Fälle wird es falsch verwendet. Und ja: Es ist für mich ein Trennungsgrund. Ebenso wie „einzigste“. Glücklicherweise hat sich diese sprachliche Unform mittlerweile selber eliminiert.

Am allerschlimmsten sind aber für mich zwei Worte, die unmittelbar zusammenhängen. Es hat sich in den vergangenen Monaten und Jahren eingeschlichen, dass vermehrt von Eliten gesprochen wird. Ich hasse Eliten. Nicht, weil ich zu keiner gehöre, sondern weil das, was durch dieses Wort nicht gesagt wird, eine Zumutung ist.

Es ist ja ohnehin so: Viel interessanter als das gesprochene Wort ist ja oftmals das, was nicht gesagt wird.

—- Und hier ein Break: Gegen 15 Uhr habe ich mit obigem Teil begonnen und dann wurde doch im Fernsehen glatt von „Tyrannei der Masse“ gesprochen. Genauer: Patrick Döring, seines Zeichens baldiger Generalsekretär der KleinstPartei FDP, behauptete, die Piraten würden die „Tyrannei der Masse“ fördern. Ich war am Puls der Zeit. Aber sowas von! ————-

Das Gegenteil von Elite ist die Masse. Ein Wort, das ich ebenso ablehne wie die Elite. Das hat nichts mit meinen nicht vorhandenen Kenntnissen der Naturwissenschaften zu tun, sondern mit dem, was Masse sein soll (ich verzichte im weiteren darauf, Masse immer in Tüddelchen zu setzen).

Wie gesagt: Masse ist das Gegenteil der Elite. Sie ist dumm, während die Elite klug ist. Sie ist unfähig, während die Elite weiß, was zu tun ist. Sie ist leicht lenkbar, weil sie auf die Elite angewiesen ist. Und doch kann es passieren, dass die Masse nicht kontrollierbar ist. Dann, wenn etwas passiert, was die Masse in ihr kleines Weltbild nicht einordnen kann. Kurzum: Die Masse ist all das, vor dem sich die Elite fürchtet. Und doch braucht die Elite die Masse zur Legitimation der eigenen Macht. Schwierig, schwierig. (Ich empfehle dazu Elias Canetti, der sich in den 1950er und 1960er Jahren mit dem Phänomen auseinander gesetzt hat)

Im Zusammenhang mit der Kriminalitätsforschung um Le Bon (Ende 19. Jahrhundert) war die Masse der Ausgangspunkt für alle kriminellen Handlungen und für Aufstände. Als die Kulturpessimisten das Tableau der Gesellschaft erklettert hatten, sahen sie in der Masse das Ende der Welt.

Masse ist also kein positiver Begriff. Er steht für das, was sich nach Schweiß und Bier und Staub riechend durch die Straßen schiebt. Als der Fußball aufkam, wurden die Fans abwertend als „Masse“ bezeichnet. Und in der Nachkriegszeit, den güldenen 50ern, war es die Masse, denen man die Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gab. Denn wer hatte Hitler, selber aus einem österreichischen Kuhstall stammend, erst nach oben gebracht? Die, die in Triumph des Willens fahnenschwenkend jauchzten.

Immer fein raus: die Elite. Eher selten hat sich jemand erhoben und gesagt „Ich bin die Masse“. Immer nur erhoben sich Menschen im feinen Zwirn und bezeichneten sich als Elite, als die, die wissen, wo es lang geht. Beispiel: Bildungselite. Heute reichen auch ein iPhone und 6000 Follower, um zu einer Elite zu gehören: der Twitterelite. Was die sind, die nicht dazu gehören? Na, die Massentwitterer. Dumm, unkreativ und nur dazu da, um ab und zu einmal ein Sternchen zu verteilchen und so die Existenz der Twitterelite überhaupt erst zu begründen.

Einige Leser werden sich nun am Kopf kratzen und sagen: Aber was ist denn das dann, was wir als „Masse“ bezeichnen, eigentlich? Tja. Das passendere Wort wäre „Menge“. Ein Psychologe der 1950er Jahre hat in einer wissenschaftlichen Arbeit definiert, was Menge ist: Sie ist eine Zusammenstellung von Menschen, die sich anhand von Merkmalen charakterisieren lässt. So sind die Menschen im Stadion an diesem Ort, weil sie dort Fußball gucken wollen. Das charakterisiert sie. Und ebenso ist es bei Demonstranten: Sie haben ein Ziel, deshalb haben sie sich zusammen getan. Diese Menschen sind eine Menge. Keine Masse, die eben in einer langen Begriffsgeschichte als „dumm“, „arbeitsfeindlich“ und „kriminell“ bezeichnet wird.

Wer also den Begriff „Tyrannei der Masse“ nutzt, bezeichnet sich zum einen selber als Elite. Er stellt sich als aus der Gesellschaft hervorstechend dar. Für einen Politiker ohnehin eine bedenkliche Einstellung. Viel schlimmer aber: Er denunziert all die, die er als „Masse“ bezeichnet. Er spricht ihnen die Intelligenz ab, sich ein Urteil bilden zu können. Ein Armutszeugnis für einen Politiker. Die Tyrannei wäre somit also nichts anderes, als die Tyrannei der Dummen, die gar nicht wissen, was sie anrichten.

Wer mit dem Ausdruck „Tyrannei der Massen“ um sich wirft, der hat einfach gar nicht verstanden, worum es in der Demokratie geht. Schade.

(Das, was ich hier gemacht habe, ist übrigens eine ganz einfache Diskursanalyse. Foucault würde vor Freude in die Hände klatschen!)

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8 Kommentare zu “Ich bin der Rest

  1. Finde Deine Schlussfolgerung und den Diskurs gelungen und stimme Dir zu. Den Elitenbegriff sehe ich allerdings (sozialwissenschaftlich) völlig wertneutral, als eine Art Teilmenge, die sich von der großen Menge durch ihre Funktion, Rekrutierung und/oder bestimmte (Rollen-)Erwartungen „abspaltet“, bzw. unterscheidet.

  2. Ich finde die Idee mit der wertneutralen Teilmenge gut. Vom diskursanalytischen Standpunkt aus, versuche ich natürlich irgendwie, zwei gegenüberliegende Punkte (in diesem Fall: Masse und Elite) zu untersuchen. Und da ist keiner der Begriffe neutral, weil beide Worte mit Werten aufgeladen sind.

    (Es wäre einmal interessant, wie sich ein doch schwieriger Begriff wie „Elite“ verändert, wenn man ihn durch verschiedene theoretische Ansätze beleuchtet. Ich weiß gar nicht, ob das für dieses Wort schon einmal gemacht wurde…. Interessanter Artikel, ik hör dir trapsen…)

  3. Klasse Beitrag!
    Als ich das im Fernsehen gehört habe ist mir die Kinnlade runter gefallen. Da steht ein Politiker und stellt öffentlich zu Schau, was er von unserer Demokratie und dem Großteil der dazugehörigen Wählerschaft hält. Nichts! Ich sah schon die Schlagzeile: „FDP zum ersten Mal ehrlich!“
    In diesem Kontext passt es auch absolut, die Begriffe nicht neutral zu behandeln.

  4. Super Artikel!
    Lust gelegentlich für eine neue unabhängige online-Zeitung zu schreiben? Oder Deine Beiträge von diesem Blog automatisch übermitteln?
    Bei Interesse: http://www.neopresse.com/autor-werden/
    lg

  5. Ein sinnloser Text. Diese Welt ist temporär, und von Wahnvorstellungen gefüllt.
    Weder gibt es eine Masse noch gibt es eine Elite. Nicht jeder kann alles gleich gut.
    Es gibt Individuen auch wenn das heutzutage nicht mehr gesehen wird.

    • Sinnloser Kommentar, denn der Artikel drückt genau das aus.
      Aber wie bereits gesagt, die Leute haben unterschiedliche Fähigkeiten. Die einen können schreiben und die anderen nur tölpeln und beleidigen.

      • „Die einen können schreiben und die anderen nur tölpeln und beleidigen.“

        Damit meinst du hoffentlich nicht mich.
        Wenn ja belege deine Vorwürfe doch bitte.

        • Also einen Beleg dafür, dass die Einen schreiben können findest Du im Artikel oben und in weiteren des gleichen Blogs. Aber den Teil meintest Du vermutlich nicht.

          Dein Kommentar bezieht sich auf einen gut geschriebenen Text, den Du mit Deinen ersten drei Worten als „sinnlos“ disqualifizieren möchtest. Die Beweggründe bleiben mir verschlossen, geht Deine Argumentation doch in eine ähnliche Richtung wie die des Textes.
          Entweder wolltest Du mit Deinem Kommentar also einfach nur beleidigen oder Du erkennst die beleidigende Art Deiner Formulierung nicht – in beiden Fällen bleibt es aber beleidigend. Und im letzten Fall wäre es zusätzlich tölpelnd – sei es aus Versehen, sei es aufgrund eines Habitus.
          Kritik (konstruktive?) lese ich jedenfalls nirgendwo.

          Und überhaupt… sinnlos?! Für wen?! Für mich und für andere Leser nicht, für die Autorin vermutlich auch nicht. Doch, ich denke es ist der Habitus! Und jetzt klink ich mich hier mal aus. Vielleicht spielt ja noch jemand anders mit Dir.

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